Wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung der Sonderausstellung im Diözesanmuseum "Die Bamberger Kaisergewänder unter der Lupe" ruht eine besondere Leihgabe noch in einer überdimensionalen, stabilen Kiste mit Sicherheitsschlössern. Museumschef Holger Kempkens lüftet das Geheimnis: "Die sogenannte Ewaldi-Decke aus dem 10. Jahrhundert befindet sich darin", eine überaus wertvolle Leihgabe aus der Schatzkammer der romanischen St. Kunibert-Kirche in Köln. Die Gebeine oder Reliquien der heiligen Ewalde - zwei während der Sachsenmission im Jahr 690 getötete angelsächsische Priester - wurden bei ihrer Erhebung durch Erzbischof Anno am 3. Oktober 1074 in dieses Tuch eingeschlagen.

"Wir zeigen diese Ewaldi-Decke als textiles Vergleichsobjekt", erklärt Kempkens, zumal es "Indizien für einen möglichen künstlerischen Kontext mit dem Sternenmantel Kaiser Heinrichs II. gibt". Der promovierte Kunsthistoriker zeigt auf die große Sauminschrift auf dem Mantel, weist auf die Buchstabengestaltung hin: "Diese steht in engster Verbindung zum um 969 im Kloster Reichenau entstandenen Gero-Codex und zur Inschrift der Annus-Seite der Ewaldi-Decke", weiß Museumsleiter Kempkens.

Er weiß es inzwischen, muss dazu gesagt werden. Denn auch dieses Faktum ist ein Ergebnis des fünfjährigen Projektes, in dem die im Steinsaal des Diözesanmuseums verwahrten sechs Kaisergewänder interdisziplinär untersucht wurden: Der Sternenmantel Heinrichs II., der Blaue und der Weiße Kunigundenmantel, der Reitermantel, die Tunika Heinrichs oder Kunigundes sowie das Rationale, ein liturgisches Würdezeichen in Form eines Schulterüberwurfs.

Diese textilen Kostbarkeiten aus dem 11. Jahrhundert stellen weltweit die ältesten erhaltenen Gewänder im Kontext europäischer Herrscher dar und sind fest mit dem Namen des heiligen Kaiserpaares Heinrich II.( 973-1024) und Kunigunde (um 980 - 1033) verbunden. Außerdem bieten sie "die größte Anzahl derart Qualität voller Stickereien aus dem Hochmittelalter, die gibt es sonst nirgendwo", sagt Sibylle Ruß, die in dem Forschungsprojekt als Textilrestauratorin die textiltechnologische Analyse der in Jahrhunderten gewachsenen und immer wieder veränderten Substanz der Gewänder vorgenommen hat. Auch die zur Anwendung gekommenen Verarbeitungstechniken wurden von Sibylle Ruß erkundet.

350 000-Euro-Projekt

Das Forschungsprojekt "Kaisergewänder im Wandel - Goldgestickte Vergangenheitsinszenierung" wurde seit dem 1. Oktober 2015 bis jetzt vom Lehrstuhl für mittelalterliche Kunstgeschichte der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unter Leitung von Professor Stephan Albrecht in Kooperation mit dem Diözesanmuseum und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften München durchgeführt. Die inhaltliche Leitung hatte Albrechts Mitarbeiterin Tanja Kohwanger-Nikolai inne. Zentral eingebunden waren eben die Bamberger Textilrestauratorin Ruß und das Labor Drewello & Weißmann GmbH Bamberg sowie weitere Partner. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hatte das 350 000-Euro-Projekt in sein Förderprogramm aufgenommen.

"Während der Erforschung haben die Gewänder das Haus nicht verlassen, die Vitrinen schon", lächelt Holger Kempkens. Auf Arbeitsbühnen sei jeder Quadratzentimeter der Textilien untersucht worden. Nicht gerade mit einer altertümlichen Lupe, sondern mittels hochmoderner Licht- und Fasermikroskopie, analytischer Rasterelektronenmikroskopie mit energiedispersiver Spektralanalyse. mit Messungen per analytischer Infrarotspektroskopie sowie mit mobiler Röntgenfluoreszenzanalyse. "Mit dieser Grundlagenarbeit wurde die Basis gelegt für jede weitere Forschung", ist sich Kempkens sicher.

Die Ergebnisse dieser schonenden "Schlüssellochchirurgie" des Spezialistenteams am "lebenden" Objekt sind nun in der Sonderausstellung einzusehen. Dabei handelt es sich nicht nur um trockene Abhandlungen in Wort und Bild, sondern um eine faszinierende Zusammenschau von Exponaten, die sonst kaum zugänglich sind. So gibt es zum Beispiel Fragmente von originalen Trägerstoffen zu sehen, aus denen im 15. Jahrhundert die Goldstickereien ausgeschnitten und auf neue Seiden appliziert wurden. Sogar zwei original Medaillons (11. Jahrhundert) aus dem Kunigundenmantel verzaubern. In den Vitrinen schimmern Goldfäden und Farbstoffe wie Indigo oder Krapp, die einst auch für die Kaisergewänder verarbeitet wurden.

Hilfsbereite Leihgeber

Kompendien und Details, Exponate der "sehr hilfsbereiten nationalen und internationalen Leihgeber", so Kempkens, gehen dem Werdegang dieser einmaligen Textilien auf den Grund. Und erlauben einen Exkurs zum Weihetag der St. Stephans-Kirche vor tausend Jahren. Im Zusammenhang mit dem Papstbesuch 1020 in Bamberg soll der Sternenmantel, den Ismahel von Bari in Auftrag gegeben hatte, Kaiser Heinrich II. übergeben worden sein. Auch daran erinnert die Ausstellung, unter anderem mit der Originalhandschrift von Diakon Bebo als Chronist der Ereignisse um St. Stephan. Diesen Buchschatz von 1021 stellt die Staatsbibliothek Bamberg dem Diözesanmuseum zur Verfügung.

Mit dieser schon spektakulär zu nennenden Sonderausstellung verabschiedet sich Holger Kempkens aus Bamberg. Seit 2012 hatte er das Diözesanmuseum geleitet und mit Präsentationen unterschiedlichster Couleur bemerkenswerte Akzente gesetzt. Der 49-Jährige übernimmt im Oktober 2020 die Leitung des Diözesanmuseums in Paderborn.

Zur Ausstellung Die Sonderausstellung "Die Bamberger Kaisergewänder unter der Lupe - Methoden und Ergebnisse aktueller Forschungen" wird am Donnerstag, 24. September, coronabedingt nur für geladene Gäste im Dom eröffnet. Ab Freitag, 25. September, bis zum 10. Januar 2021 ist die Schau im Diözesanmuseum, Domplatz 5, öffentlich zugänglich. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Führungen: samstags 15 Uhr, sonntags 14 Uhr. Mehr auf www.dioezesanmuseum-bamberg.de