Es ist ein ganz gewöhnlicher Wochentag, an dem der Postbote einen Stapel Briefe in allen nur denkbaren Formaten persönlich bei Karl Braun abliefert. Der Hausbriefkasten hätte die Flut nicht bewältigen können. Der Adressat seufzt nur: "Das muss ich alles beantworten!" Doch dann huscht ein feines Lächeln über das Gesicht des alten Herrn. Nein, vergessen ist er nicht, auch wenn seine aktive Amtszeit als Erzbischof von Bamberg (1995-2001) und zuvor Bischof von Eichstätt (1984-1995) lange zurückliegt.

Der Postberg wird sich in diesen Tagen noch beträchtlich erhöhen: Alt-Erzbischof Dr. Karl Braun begehtam 13. Dezember seinen 90. Geburtstag - coronabedingt ohne jede Feier. Selbst einen Dankgottesdienst im Dom wird es nicht geben: "Ich möchte nicht die Menschen mit Abstand und Maske sehen!", sagt der Emeritus nachdrücklich und fügt ebenso energisch hinzu, dass sein Geburtstag keinen Anlass für eine mögliche Verbreitung des Virus sein solle.

Diese Rücksichtnahme auf andere fern von eigenen Wünschen und Bedürfnissen gehört zu Karl Brauns DNA. Eine besondere Liebenswürdigkeit, die spürbare Wertschätzung eines jeden Gegenübers zeichnen ihn aus. Die Begegnungen mit ihm, der zurückgezogen in Wildensorg wohnt, sind gleichwohl eine Herausforderung. Denn nach dem Austausch von gebotenen Höflichkeiten entwickelt sich das Gespräch in Sphären, in denen Karl Braun genuin zuhause ist. Seine Ausführungen, die er bis heute in einschlägigen Büchern und Fachpublikationen darlegt, bündeln sein theologisches Denken. Wirken wie ein Brennglas auf sein priesterliches Wirken - konzentriert in seinem Wappenspruch "Sie werden auf den blicken, denn sie durchbohrt haben". Wer sich auf dieses ungewöhnliche Leitwort einlässt, findet den Schlüssel für die Theologie des Erzbischofs emeritus, der in keine Schublade passt.

Der gebürtige Allgäuer Karl Braun ist sicher konservativ, aber nicht im Sinne rückwärtsgewandter Traditionsverbundenheit, sondern als "bewahrender Beweger" und "bewegenden Bewahrer" wie er sich selbst charakterisiert. Geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das nach seinen Worten "die wahre Reform der Kirche initiiert hat", plädiert der Alt-Erzbischof für "eine innere Erneuerung, eine Umwandlung des Geistes und des Herzens". So verfolgt er mit einer gesunden Portion Skepsis den sogenannten "Synodalen Weg": "Der Weg der Verwandlung muss von innen nach außen gehen, eine andere Abfolge führt dem Geist und dem Buchstaben des Konzils nicht zum Ziel", sieht er die entscheidende Voraussetzung für einen christozentrischen, missionarischen und charismatischen Aufbruch der Kirche.

Er übersetzt seinen Wappenspruch aus dem Johannesevangelium in die Weite hinein: "In aller Unsicherheit der Welt und unseres Lebens, angesichts der Frage, was denn noch sicher ist, dürfen wir vertrauen: Sicher ist die Liebe dieses durchbohrten Herzens, sicher ist seine Barmherzigkeit." Diese Sicherheit lässt den betagten Jubilar unter dem Kreuz ausharren - in Gottvertrauen und in der Gelassenheit eines erfüllten, reifen Lebens, in dem das Gebet, das immer tiefere Eindringen in das Mysterium, eine zentrale Rolle spielt.

Gerade auch für dieses "Apostolat des Gebetes, das besonders unserem Erzbistum Bamberg zugutekommt", dankt Erzbischof Ludwig Schick persönlich und im Namen der Erzdiözese Bamberg seinem Vorgänger auf dem Bischofsstuhl. In seinem Glückwunschschreiben an den Jubilar würdigt Schick das Wirken Karl Brauns "als getaufter Christ, als Priester und Bischof zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen". Erzbischof Karl habe "in vielen Aufgaben und Funktionen in drei Diözesen, in der Deutschen Bischofskonferenz und in der Weltkirche segensreich gewirkt. Mit vielen Gläubigen, die Dich schätzen, sage ich Dir Dank", schreibt Schick und fügt hinzu: "Für mich bist Du stets ein verlässlicher Berater und treuer Weggefährte."

Als "weltlicher Oberhirte unserer Stadt" überbringt Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) "die herzlichsten Grüße und Glückwünsche aller Bürgerinnen und Bürger Bambergs" zum 90. Geburtstag. Der OB dankt dem Alt-Erzbischof "für all das, was Sie in Ihrer Amtszeit für Bamberg und die ganze Region getan haben" und "für unser gutes Einvernehmen". Er wisse, dass die Bürgerschaft "noch immer respektvoll, dankbar und mit großer Sympathie von ‚ihrem‘ ehemaligen Erzbischof und dem Menschen Dr. Karl Braun spricht", so Andreas Starke.

"In höchster Wertschätzung" gratuliert Kirchenrat Hans-Martin Lechner, Dekan des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks Bamberg. Er erinnere sich gern "an viele wunderbare Begegnungen mit Karl Braun in echter christlicher ökumenischer Geschwisterlichkeit, immer nahe, berührend, Hand in Hand", sagt der Dekan. Da werde etwas spürbar, was Martin Buber meine, wenn dieser sage: "Alles Wesentliche im Leben geschieht in der Begegnung": "Zwei treffen sich, und der Herr ist mitten unter ihnen", zitiert Lechner aus dem Matthäus-Evangelium und wünscht Braun "weiterhin viele gute Erfahrungen des Vertrauens, der Liebe und der Zuversicht im Segen Gottes bei gesundheitlichem Wohlergehen".

Erzbischof emeritus Karl Braun hinterlässt Spuren in den Herzen und Köpfen all derer, die mit ihm zusammenkommen können. Sichtbare und weiterwirkende Stationen seines Weges sind das von ihm ins Leben gerufene "Bamberger Pastoralgespräch" mit dessen Umsetzung in den Pastoralplan, die Errichtung einer Ehrenamtsstiftung, eines Arbeitslosenfonds oder die Förderinitiative für das Jugendbildungshaus "Am Knock" in Teuschnitz. Das sind sicher Erfolgsmeldungen. Doch die sind für den Alt-Erzbischof zweitrangig. Denn "von Gott her bemessen sich Erfolg oder Misserfolg", erkennt er und spricht davon, dass "erst in der Mitte der Nacht des Todes, des scheinbaren Scheiterns, des totalen Misserfolgs der Ostermorgen anbricht". Und wie dieser Morgen dann sein wird, beschäftigt den Jubilar außerordentlich.

Lebensweg von Karl Braun

13.12.1930 geboren in Kempten (Allgäu)

10.10. 1958 Priesterweihe in Rom

1959-1962 Kaplan in Murnau (Oberbayern)

1962-1966 Weiterstudium und Promotion im Kirchenrecht an der Päpstlichen Universität Gregoriana (Rom)

1966 Domvikar in Augsburg

1972 Domkapitular in Augsburg

16.6.1984 Bischofsweihe im Dom zu Eichstätt, Bischof von Eichstätt und Großkanzler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

25.3.1995 Ernennung zum Erzbischof von Bamberg und Metropoliten der nordbayerischen Kirchenprovinz

2.7.2001 Rücktritt von der Leitung des Erzbistums Bamberg aus gesundheitlichen Gründen

Buchtipp

Eine Orientierungshilfe im Dschungel der Meinungen bietet das neue Buch von Erzbischof em. Karl Braun "Lichtworte. Wegweisung in zwielichtiger Zeit", zusammengestellt und herausgegeben von Barbara Stühlmeyer. Fe-Medienverlag Kisslegg, 128 Seiten, ISBN 978-3-86357-286-0. Es ist im Buchhandel für 8.95 Euro erhältlich.