Trockene Grammatik steht heute nicht auf dem Stundenplan. Die Schüler eines Integrationskurses erfahren an diesem Montagmorgen alles über Weihnachten. Auf den Tischen im Klassenzimmer stehen kleine Teller mit Plätzchen. Die Lehrerin hat das Wort "Weihnachten" in großen Buchstaben an die Tafel geschrieben. "Was gefällt Euch an Weihnachten?", fragt Daria Semlali ihre Schüler.

"Ich mag Früchtebrot", sagt ein Mann aus Rumänien. Beim Thema "Weihnachten" dreht sich im Integrationskurs viel um die kulinarischen Vorlieben des neuen Heimatlandes. Daria Semlali hat ihren Schülern schon erklärt, dass bei vielen Einheimischen eine Weihnachtsgans traditionell auf den Tisch kommt. Selbst das Wort "Kartoffelsalat" wurde unter der Überschrift "Weihnachtsessen" mit Tinte ins Heft notiert. "Ich mag Lebkuchen", sagt Nadeschda und schreibt langsam das Wort "Lebkuchen" in ihren Block. Nach dem Integrationskurs wolle sie als Frisörin in Deutschland arbeiten. Damit der Traum in Erfüllung gehen könne, müsse sie die Sprache lernen. Ohne Deutsch kein Job, lautet ihr Motto. Ohne Deutsch keine Integration, lautet die Devise des Bundesamtes.

Nadeschda ist eine von über 300.000 Schülern, die in diesem Jahr einen Integrationskurs begonnen haben. Damit konnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Zahl der neuen Kursteilnehmer gegenüber dem Vorjahr beinahe verdoppeln. Alleine in Bayern haben heuer mehr als 40.000 Schüler an den Integrationskursen teilgenommen. Im Vorjahr waren es im Freistaat nur knapp 25.000 Menschen, die neben der deutschen Sprache die kulturellen und religiösen Traditionen im Unterricht kennengelernt haben. "Dies zeigt, dass die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angesichts der seit Herbst 2015 stark gestiegenen Zahl von Schutzsuchenden ergriffenen Maßnahmen Wirkung zeigen", erklärt ein Bamf-Sprecher gegenüber dieser Zeitung. Dies sei der Behörde nur gelungen, weil die Kapazitäten für Integrationskurse "deutlich erhöht" worden seien.

Rund 17.500 neue Lehrkräfte hätten im Jahr 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Die Zahl der Träger der Integrationskurse habe sich von rund 1400 auf über 1700 erhöht. Auch die finanziellen Mittel seien gestiegen. Über 550 Millionen Euro sind für Integrationskurse im laufenden Bundeshaushalt eingestellt. Im Vorjahr waren es laut Bamf nur 269 Millionen. Im nächsten Jahr werden die Mittel nochmals auf 610 Millionen Euro steigen. Damit noch mehr Flüchtlinge an den Kursen teilnehmen können, wurden die Klassenstärken von 20 auf 25 Schüler erhöht. Sogar der Stundenumfang des Integrationskurses wurde ausgebaut. Früher hatten die Lehrkräfte nur 60 Schulstunden zur Verfügung, um den Flüchtlingen die deutsche Kultur näher zu bringen. Durch die Novelle des Integrationsgesetzes wurde der Stundenumfang auf 100 Stunden erhöht. Dadurch sollen Lehrer wie Daria Semlali mehr Zeit für deutsche Geschichte, Kultur und Werte bekommen. Der Integrationskurs setzt sich aktuell aus einem Sprachkurs (600 Schulstunden) und einem Orientierungskurs (100 Stunden) für die Landeskunde und Wertevermittlung zusammen.

Seit November 2015 dürfen auch Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive (zum Beispiel Kriegsflüchtlinge aus Syrien) an den kostenlosen Integrationskursen teilnehmen. Ab dem nächsten Jahr können diese sogar zur Teilnahme verpflichtet werden. "Nehmen Verpflichtete nicht am Integrationskurs teil, können ihnen Leistungen gekürzt werden", lobt der Bamf-Sprecher die neuen Sanktionsmöglichkeiten. Derweil sind die Schüler des Integrationskurses in Nürnberg bei Christstollen und Würstchen angekommen. Letztere dürfen zum Kartoffelsalat natürlich nicht fehlen.


Woher kommen die Schüler der Integrationskurse

2015 kamen die meisten Kursteilnehmer mit rund 34.500 (19,2 Prozent) aus Syrien, gefolgt von Polen mit rund 15.700 Teilnehmern (8,8 Prozent) und Rumänen mit rund 15.400 Teilnehmern (8,6 Prozent). Aus dem Irak stammten rund 4.300 Kursteilnehmer (2,4 Prozent).