Nach langem Ordensleben in einer reinen Männergemeinschaft muss es der Bamberger Karmelitenpater Johannes Nützel wissen: Wenn Mitbrüder nach dem Tod eines der ihren von jenem sagen "Das war ein Heiliger", dann hat das etwas zu bedeuten. Dann spielen Eifersüchteleien, Streit, Intrigen, Animositäten keine Rolle mehr. Dann überstrahlt das gottesfürchtige Leben des Verstorbenen alles Menschelnde in einer Männer-WG.

Der 80-jährige Pater Johannes hat die Worte "Das war ein Heiliger", die er als junger Novize im Bamberger Karmel über Bruder Alois Ehrlich hörte, noch gut im Ohr. Seit dieser Zeit beschäftigt er sich mit dem so titulierten Frater Alois, der vor 70 Jahren, am 21. Juni 1945, an einem Krebsleiden im Städtischen Krankenhaus verstarb. Er wurde auf dem Bamberger Friedhof in der Ordensgruft beigesetzt. Hier zeigte sich bald, dass sein Lebensbeispiel für die Menschen nicht ohne Wirkung blieb.
Viele besuchten sein Grab, trugen ihre Anliegen vor und baten um seine Fürsprache.

Drei Jahre nach seinem Tod, am 28. November 1948, wurde sein Sarg in die Karmelitenkirche überführt. Heute ruht Alois Ehrlich in der rechten Seitenkapelle am Eingang der Kirche. Täglich pilgern Gläubige dorthin, tragen ihre Sorgen und Nöte zu ihm, zünden Opferkerzen an. "Bruder Alois Ehrlich erinnert uns daran, was im Ordensberuf zählt: Das Wesentliche ist das bewusste Leben auf Gott hin und das Hineinwachsen in die Liebe zu Gott. Das gilt für jeden Menschen", würdigt Pater Johannes die Bedeutung Ehrlichs für die heutige Zeit.

Bereits 1953 hatte der damalige Erzbischof Joseph Otto Kolb das Verfahren zur Seligsprechung von Frater Alois Ehrlich offiziell eingeleitet. Nach dem Tod des Bischofs geriet es ins Stocken. Allerdings waren schon etliche Zeugenaussagen gesammelt worden, Berichte von Männern und Frauen aus Stadt und Region Bamberg, die Bruder Alois persönlich kannten.

Die Zeitzeugen schilderten ihn als Ordensbruder von stets gleichbleibender Freundlichkeit und voll helfender Nächstenliebe. Als einen "Mann nach dem Herzen Gottes, voll heiliger Liebesglut, der sich verzehrte im Dienst seines Herrn". Als einen "stillen Helfer in Not", der sehr engen Kontakt zu den Flüchtlingsfamilien aufbaute, die ab 1944 im Kloster eine erste Zufluchtsstätte fanden. Ein älterer Bamberger konnte erzählen, wie er als kleiner Junge beim Rodeln seinen Schlitten zerbrach und aus Angst vor den Eltern Bruder Alois bat, seinen Schlitten wieder heil zu machen.

"Das ist mehr eine menschliche Anekdote", lächelt Pater Johannes, zeige aber, dass es bei Frater Alois nicht "um die großen Dinge geht, die er geleistet haben könnte". Der Verehrungswürdige habe ein Modell christlichen Lebens vor Augen gestellt, an dem sich die Menschen orientieren könnten: "Es kommt wesentlich auf ein Leben aus der Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus im Heiligen Geist an, ganz gleich in welchem Stand, in welcher Aufgabe, in welcher Lebenssituation." Gerade weil es bei Frater Alois nichts Spektakuläres gab, könne er Anregung geben, wie ein Christenleben geprägt werden könne von der Liebe zu Gott, und wie sich dies auswirke in der Liebe zu den Menschen.

Erzbischof Karl Braun nahm 1999 den Seligsprechungsprozess wieder auf, Erzbischof Ludwig Schick bestätigte 2002 die Diözesankommission zur Causa Alois Ehrlich. Pater Johannes Nützel obliegt nun die Aufgabe, als sogenannter Vizepostulator das Verfahren voranzutreiben. Der Karmelit hat die Zeugenbefragungen und schriftlichen Hinterlassenschaften Ehrlichs digitalisiert und transkribiert.

"Vita noch in den Windeln"

Professor Franz Machilek erstellte das historische Gutachten, Karmelitenpater Georg Geisbauer das theologische. "Leider liegt die Vita noch in den Windeln", bedauert Pater Johannes. Denn es müsse in den Klöstern, in denen Bruder Alois arbeitete, recherchiert werden. Und das seien nicht wenig: Alois Ehrlich, am 20. September 1868 im niederbayerischen Massing geboren, erlernte im elterlichen Betrieb das Schreinerhandwerk und trat 1897 in den Straubinger Karmel ein. Dort schätzte man sein handwerkliches Können hoch ein. Er wurde in mehrere Klöster gesandt, um Aufbauarbeit zu leisten: Bad Reichenhall, Wien, Springiersbach, Rom, Nablus in Palästina und schließlich ab 1913 bis zu seinem Tod Bamberg. In der Karmelitenkirche künden die meisten der Seitenaltäre noch von Alois Ehrlichs Schreinerkunst.
Doch bevor das Hauptverfahren zur Seligsprechung an der römischen Kurie beginnen kann, fehlt neben der wissenschaftlich verantworteten Biografie das Wesentliche: "Wir warten auf ein Wunder", erklärt Pater Johannes. Also beispielsweise auf eine medizinisch nicht erklärbare Heilung von Krankheit nach der Bitte um Fürsprache von Bruder Alois.

Ein solches Wunder sei zwingend erforderlich. Selbst wenn Erzbischof Ludwig Schick anlässlich des 60. Todestages von Ehrlich 2005 sagte: "Im Alltagsleben als Schreiner im Kloster, als betender und arbeitender Bruder sowie als gütiger und verständnisvoller Ratgeber und Mensch hat er seine Heiligkeit bewiesen."

Am Sonntag, 21. Juni, werden die Messen in der Karmelitenkirche um 6,8 und 10 Uhr im Gedenken an Bruder Alois Ehrlich gefeiert. Provinzial Dieter Lankes wird in seiner Predigt auf ihn eingehen. Um 17 Uhr gibt es mit Pater Roland Hinzer eine Andacht mit Gebet um die Seligsprechung.