Das schmale Haus am Schillerplatz hat einen neuen Bewohner. Ohne Brimborium ist er eingezogen und schaut Besuchern im Treppenhaus freundlich entgegen. Netter Mensch, könnte man denken. Aber ob der einstige Hausherr erfreut über das Bild - denn um ein solches handelt es sich - gewesen wäre? Wohl nicht, denn kaum hatte er 1811 das Gemälde geerbt, schickte er es seiner Cousine nach Potsdam. Nein - an den Onkel, der sein Erbe durchgebracht hatte, wollte E.T.A. Hoffmann nicht erinnert werden. Wo aber hat sich Otto Wilhelm Doerffer die letzten 200 Jahre herumgetrieben?

1. Kapitel: Interpol ermittelt

Es war im September 2011, jenem Monat, als die Staatsanwaltschaft Augsburg einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung des Kunstsammlers Gurlitt in Schwabing erwirkte. Just zum selben Zeitpunkt wandte sich Interpol Warschau an das Bundeskriminalamt mit der Bitte um Besitzer-Ermittlung.
Die Stettiner Polizei hatte in einer polnischen Privatwohnung über 100 Gemälde aus der Zeit von 1532 bis heute, dazu über 200 Grafiken entdeckt. Offenbar waren die Kunstwerke in Kisten nahe des Stettiner Schlosses vergraben worden und hatten so den Zweiten Weltkrieg überstanden. In den 60er Jahren muss ein Stettiner die Bilder entdeckt und an sich gebracht haben. In Deutschland nahm der Sachbereich "Kunstdiebstahl und illegaler Handel mit Kulturgut" des BKA die Untersuchungen auf. Anhand von Fotos wurden Wappen und Beschriftungen erforscht. "Die Nachfahren der meist adligen Familien, deren Namen teilweise auf den Porträts zu lesen waren, wurden kontaktiert", berichtet Kriminalhauptkommisarin Silvelie Karfeld.

Das Gemälde, das sich nun in Bamberg befindet, war "ziemlich ramponiert" und wies rückseitig folgende Beschriftung auf: "Otto Wilhelm Doerffer königlicher Preußischer Justitz Rath bey dem combinirten Brandenburg Neuhausenschen Justitz Collegio zu Königsberg in Preußen. Gebohren den 13ten Julius 1741. gemahlt 1770". Recherchen führten dazu, den Dargestellten als Onkel des Schriftstellers Ernst Theodor Amadeus Hoffmann zu identifizieren. So nahmen die Ermittler Kontakt zur E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft in Bamberg auf, um eventuell über diese Adresse Hinweise auf Besitzer zu bekommen.

2. Kapitel: Unglückliches "Ottchen"

Bernhard Schemmel, Präsident der Gesellschaft, kennt die Verhältnisse im Hause Hoffmann genau. Ernst Theodor war am 24. Januar 1776 in Königsberg geboren worden. Als sein Vater die Familie zwei Jahre später verließ, kehrte Lovisa Hoffmann, geb. Doerffer, mit ihrem Sprössling in ihr Elternhaus zurück. Lovisa "vegetirte nur in krankhaftem Zustande", so dass ihre beiden älteren, unverheirateten Geschwister Sophie und Otto Wilhelm die Erziehung des Jungen übernahmen.

Otto Wilhelm, von seiner Mutter selbst im reifen Mannesalter nur "Ottchen" genannt, war in seinem Beruf als Advokat gescheitert und 1781 mit 41 Jahren frühpensioniert worden. "Einem leeren Leben suchte er durch Pedanterie und Pünktlichkeit wenigstens eine äußere Form zu geben. Besuche außer Haus absolvierte er als Pflichtpensum, Gäste sah er kaum. Ein ängstlicher Mensch, auf Sicherheit bedacht", so wurde er später charakterisiert. Kein Wunder, dass sein Neffe Ernst Theodor den seltsamen Einsiedler nicht als Erzieher akzeptierte und ihm aus dem Weg ging. Der Lausbub spielte dem Onkel, von dem er Klavierunterricht bekam, manchen Streich.
In seinem autobiografisch gefärbten Roman "Lebens-Ansichten des Katers Murr" gibt E.T.A. Hoffmann der Figur Johannes Kreisler, seinem Alter Ego, einen Onkel an die Seite, "der ihn erzog oder vielmehr nicht erzog" und nennt ihn "O weh Onkel". Man kann davon ausgehen, dass Otto Wilhelm Doerffer "Vorbild" dafür war.

"Umso enttäuschter war Hoffmann, dass ihn die reiche und gesellige Tante Sophie nach ihrem Tod 1803 zwar zum Erben einsetzte, dem Onkel aber den Nießbrauch des Vermögens einräumte", schildert Bernhard Schemmel. Als Otto Wilhelm Doerffer acht Jahre später starb, waren von dem Geld gerade mal 500 Taler übrig, die E.T.A. Hoffmann - damals Dramaturg in Bamberg - nicht einmal zur Begleichung seiner eigenen Schulden ausreichten. So wollte er auch die geerbten Porträts von Tante Sophie und Onkel Otto nicht und schickte sie postwendend zu seiner Cousine Minna nach Potsdam, die hier 1853 unverheiratet verstarb.

3. Kapitel: Happy End in Bamberg

In welche Hände das Bild danach gelangte, konnten auch die Kriminalbeamten nicht mehr klären. "Es gab Anhaltspunkte, dass es sich im Haus einer deutschen Familie befunden hatte, die in Erwartung einer späteren Rückkehr in die Heimat ihre Wertsachen vergraben hatte. Leider fehlte jedoch der rechtsgültige Nachweis", rekapituliert Schemmel. So erhielt der 90-jährige Stettiner, der den Kunstschatz gefunden hatte, das Gemälde zurück (wie übrigens auch die restlichen Bilder, die nicht zugeordnet werden konnten bzw. für die sich niemand interessierte), und die Polizei schloss die Akten.

Nicht aber die E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft, die nun versuchte, das Bild von Onkel Otto ins Museum nach Bamberg zu holen. Nach langen Verhandlungen konnte Bernhard Schemmel im Juni 2014 nach Stettin fahren und den Kauf abschließen; das Geld kam von der Ernst von Siemens Kunststiftung, die auch die Restaurierung finanzierte. "Das Bild war in erbärmlichem Zustand, verkratzt, verklebt und durchlöchert", schildert Schemmel. Doch die Forchheimer Diplom-Restauratorin Jutta Minor hat "Onkel Otto", der sich 1770 in der Blüte seiner Jahre befand und so gar nichts von der späteren Schrulligkeit ausstrahlt, wieder effektvoll in Szene gesetzt.
Vielleicht hätte E.T.A. Hoffmann gegen diesen "Mitbewohner" ja doch nichts einzuwenden gehabt. Vielleicht hätten die beiden bei einem Glas zusammengesessen und sich gefragt, was aus dem Bild von Tante Sophie geworden ist. Im Stettiner Kunstschatz war kein Gemälde entsprechend bezeichnet. Ob das Porträt noch auftaucht?

Das E.T.A.-Hoffmann-Haus

Das E.T.A.-Hoffmann-Haus in Bamberg, Schillerplatz 26, ist am Freitag, 31. Oktober, von 15 bis 17 Uhr, am Samstag und Sonntag, 1./2. November, jeweils von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Danach geht es bis Ende April in die Winterpause.