Ich höre den Wählton am Telefon und bin auf einmal etwas aufgeregt. Was wird mir die ältere Dame erzählen? Werde ich die richtigen Antworten finden?

Ich bin bei den Maltesern zu Gast, um den Telefonbesuchsdienst kennenzulernen. "Mit dem Patenruf wollen wir der Vereinsamung von Senioren und Hilfsbedürftigen entgegenwirken", sagt Daniela Eidloth, Leiterin der Sozialen Angebote beim Malteser Hilfsdienst.

Malteser Patenruf erhält den Sozialpreis 2020

Die Idee wurde im Juli mit dem Sozialpreis der Oberfrankenstiftung ausgezeichnet. "Das ist ein wunderbares Projekt. Gerade für ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind und viel Zeit alleine Zuhause verbringen, ist der Patenruf eine schöne Abwechslung im Alltag. Das verdient eine Anerkennung", so die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Sie hat den Patenruf für die Auszeichnung vorgeschlagen, nachdem sie selbst vor Ort mit zwei älteren Damen telefoniert hatte.

Auch ich darf nach einer kurzen Einführung selbst einmal mit zwei Teilnehmerinnen telefonieren. Eine Frau nimmt mit freundlicher Stimme ab und stellt sich als Marelies vor. Ganz locker und ungezwungen erzählt sie aus ihrem früheren Leben als Krankenschwester, von ihren Hunden und wie sie den Patenruf empfindet. Sie habe ein sehr feines Gehör und weiß die angenehme Stimme von ihrer Patin Hermine Waldner sehr zu schätzen.

Beim Patenruf kann jeder mitmachen, ein Einstieg sei jederzeit und ohne Vorkenntnisse möglich. "Das Wichtigste ist Zeit, ein offenes Ohr und Interesse am Anderen. Der Rest ergibt sich beim Tun", sagt Hermine Waldner. Sie ist seit über zehn Jahren beim Patenruf tätig. Die Mitarbeiter werden nach und nach in einem monatlichen Treffen geschult. Aktuell seien 24 Freiwillige regelmäßig im Einsatz und betreuen 300 Senioren.

Patenruf: Das Wichtigste ist Zeit und Interesse am Anderen

Die Dauer der Anrufe hänge von der jeweiligen Tagesform des Betreuten ab. Mit Marelies telefoniere ich heute nur 15 Minuten. Sie nimmt den Patenruf schon seit über vier Jahren wahr und freut sich jedes Mal auf das Gespräch mit ihrer Patin. "Das tut einem einfach gut."

Dann wähle ich zum zweiten Mal. Auch hier geht eine freundliche Frau ans Telefon, ihr Name ist Maria. Bei dem Gespräch ist hauptsächlich Zuhören angesagt. Die 88-Jährige erzählt mir etwas über ihren früheren Beruf. Sie war als Handarbeitslehrerin an verschiedenen Schulen tätig. Die ältere Dame findet es schade, dass in der heutigen Zeit viele praktische Fähigkeiten wie Stricken, Stopfen und Nähen verloren gegangen sind. Ihr habe das immer Spaß gemacht.

Dass ich eine völlig Fremde für sie bin, scheint beide Frauen nicht zu stören. Freilich liegt das auch daran, dass sie ihrer Patin Hermine Waldner vertrauen, die diesen Termin für mich arrangiert hat. Von ihr sind beide Gesprächspartnerinnen durch und durch begeistert. "Sie macht das sehr gut und hat so eine beruhigende Stimme", sagt Marelies. "Mit ihr habe ich großes Glück gehabt", sagt auch Maria.

Dank der Anrufe ist Nähe auf Distanz möglich

Gerade in Zeiten der Corona-Krise sind viele ältere Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Der Patenruf sei einer der wenigen Dinge, die auch während des Lockdowns uneingeschränkt möglich waren. Die regelmäßigen Anrufe bieten den Senioren Routine und geben ihnen Halt und ein Gefühl der Normalität. Die 88-jährige Maria traut sich nicht mehr raus und ist sehr dankbar für die telefonische Abwechslung.

Mit wenigen organisatorischen Änderungen konnte das Angebot weiter bestehen bleiben. Die Paten telefonierten lediglich nicht mehr vom Büro, sondern von zu Hause aus mit ihren Schützlingen. Die monatlichen Schulungen für die Mitarbeiter wurden über Skype abgehalten. Mittlerweile würden einige Ehrenamtliche auch wieder ins Büro kommen.

Jeder Senior kann das Angebot in Anspruch nehmen

Eidloth freut sich, dass sich so viele dem Projekt angenommen haben. Allerdings sei die Nachfrage nach dem Telefondienst während der Corona-Zeit angestiegen. "Wir suchen immer Freiwillige, aber auch Senioren, die sich neu registrieren wollen", sagt Eidloth. Menschen, die sich für eine gute Sache engagieren, könne man nie genug haben. Das Projekt läuft losgelöst vom Hausnotruf, Senioren können sich immer melden und das Angebot in Anspruch nehmen.

Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich auch von der zweiten Gesprächspartnerin und lege den Hörer auf. Ich brauche eine Minute, um mich wieder zu sammeln. Das Erzählte war für mich wie eine kurze Reise in die Vergangenheit. Meine Bedenken am Anfang waren völlig unbegründet. Weder hatte ich Probleme, die richtigen Worte zu finden, noch waren die Gespräche unangenehm - im Gegenteil. Ich hatte großen Spaß daran, den Erfahrungen der Frauen zu lauschen.