• Hirschaid: Supermarktkette Edeka baut riesiges Produktionswerk an der A73
  • Kampf gegen "Wurstfabrik" spaltete Gemeinde 
  • Bürgerentscheid zeigte eindeutiges Ergebnis: "Frischemanufaktur" soll entstehen
  • Spatenstich in wenigen Wochen - besonderer "Ehrengast"

In Hirschaid war Anfang 2022 eine heftige Debatte um ein neues Werk des Supermarkt-Konzerns Edeka ausgebrochen. Edeka plant an der A73 eine als "Frischemanufaktur" bezeichnete Fabrik zur Produktion von Wurst, Käse, Antipasti und weiteren Lebensmitteln, von dem aus Nordbayern, Sachsen und Thüringen künftig beliefert werden sollen. Während die Gemeinde die Vorteile betont, regte sich in Teilen der Bevölkerung deutlicher Widerstand. Ein Bürgerentscheid gab schließlich den Weg frei. Anfang September ist der Baubeginn angesetzt - ein "Ehrengast" hat zugesagt. 

Update vom 09.08.2022: Baubeginn für Edeka-Werk in Hirschaid ab 2. September

Mit der "Frische-Manufaktur" baue Edeka ein "hochmodernes Produktions- und Logistikzentrum" im Hirschaider Gewerbegebiet "In der Röthe", an der A73, heißt es in einer Mitteilung des Lebensmittel-Giganten. Offiziell sollen die Baumaßnahmen am 2. September 2022 mit einem "feierlichen Spatenstich" eingeleitet werden, teilt Edeka mit. 

Dazu habe man auch einen "Ehrengast" gewinnen können: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) soll hier ebenfalls kommen. Es sei ein für Edeka "historischer Tag", erklärt eine Sprecherin in einer Mitteilung. Insgesamt gebe es ein Investitionsvolumen von circa 100 Millionen Euro für das neue Produktionswerk. Die Grundstücksfläche betrage circa 78.000 Quadratmeter inklusive Expansionsflächen. 

Wie Edeka mitteilt, teile sich die Gebäudefläche von 22.000 Quadratmetern in die Bereiche Logistik (11.300 Quadratmeter) und Produktion mit Verwaltung (10.700 Quadratmeter) auf. Man schaffe mit dem Werk 420 Arbeitsplätze, heißt es, der Konzern wirbt auch mit "zukunftsorientierten Ausbildungs- und Studiumsmöglichkeiten". Man setze dabei auf "umweltfreundliche Bauweise und Technologie". Von Hirschaid aus sollen täglich über 400 Supermärkte vor allem mit  "Fleischerzeugnissen", Wurst, "veganen Frischeprodukten", Käse und Fisch beliefert werden. 

Update vom 31. Januar 2022, 11 Uhr: Hirschaider stimmten für Edeka-Werk

Die Abstimmung vom Sonntag (30. Januar 2022) hat für Klarheit gesorgt: Mit einer Wahlbeteiligung von 70,5 Prozent gab es 4036 Stimmen für das Bauvorhaben von Edeka und 3068 dagegen, teilt Bürgermeister Klaus Homann im Gespräch im inFranken.de mit. Homann sei erleichtert, dass der Bürgerentscheid positiv ausgegangen ist. "Ich war immer ein Bewürworter der Ansiedlung von Edeka und jetzt geht es in die Bauphase." Homann sieht vor allem im Anbetracht des Abbaus der Autozulieferer ein großes Potential für die Zukunft. Momentan gebe es 200 Arbeitslose in Hirschaid. 

Jederzeit sei er bereit für ein Gespräch mit Kritiker*innen des Vorhabens, doch Homann verweist auf Gutachten, die die Gegenargumente der Bürgerinitiative entkräften könnten. "Überzeugen werde ich die Gegner erst können, wenn die Frischemanufaktur steht und sich einiges in Luft auflösen wird, was an Befürchtungen da war." In der nächsten Sitzung des Marktbeirates werde man den städtebaulichen Vertrag beschließen und in einer darauffolgenden Sitzung  die Einwendungen der Bürger*innen und Behörden behandeln, heißt es auf der Gemeindeweibseite

Die Einbeziehung der Bürger*innen war ein zentrales Anliegen der Initiative "Pro Hirschaid Lebensqualität". Trotz des Ergebnisses zeigen sich die Mitglieder in einer Pressemitteilung dahingehend zufrieden und betonen: "Hoffentlich wird unsere Gemeindeverwaltung die richtigen Konsequenzen ziehen und bei künftigen Projekten die Bürgerschaft frühzeitig und besser einbeziehen." Auch Edeka  will die Bürger*innen am Großprojekt teilhaben lassen. In einer Pressemitteilung kündigt das Unternehmen an, eine Online-Abstimmung über die verschiedenen Varianten der Außengestaltung des Gebäudes durchzuführen.

Update vom 17.01.2022, 15.40 Uhr: Wirtschaftsverband verteidigt riesiges Edeka-Werk 

Der Bund der Selbstständigen Bayern (BDS) hat sich mit einer eindeutigen Haltung zum geplanten Edeka-Werk in Hirschaid (Landkreis Bamberg) an die Öffentlichkeit gewandt. In Form eines Interviews hat der Verband das BDS-Mitglied und Anwohner Dirk van Elk zu den Plänen an der A73 zu Wort kommen lassen. Elk teilt in der Mitteilung heftig gegen die Gegner der Edeka-Ansiedlung aus. In Hirschaid würden "aktuell Falschinformationen und Unwahrheiten über die geplante Frische-Manufaktur verbreitet, sogar bewusst Ängste geschürt", heißt es dort unter anderem. 

Es werde "ständig von einer 'Wurstfabrik' gesprochen", so Van Elk. "Diese vermeintliche 'Wurstfabrik' aber ist eine hochmoderne und zu 100 Prozent klimaneutral betriebene Produktionsstätte", so der nach BDS-Angaben frühere Mitarbeiter in der Autobranche. Zu wie viel Prozent am Ende Wurst- und Fleischwaren in Hirschaid produziert werden sollen, konnte Edeka auf inFranken.de-Anfrage nicht konkret beantworten. "Wir rechnen damit, dass die Kundennachfrage nach Fleisch- und Wurstwaren auch in 2024 noch größer sein wird als die Nachfrage nach Käse und veganen Produkten", heißt es dazu vom Konzern. In Hirschaid habe man "mit einer hohen Fluktuation in der Gastronomie und mit Leerstand im Einzelhandel zu kämpfen", wird Van Elk in der Mitteilung zitiert.

Gleichzeitig werde sich der Strukturwandel in der Automobilbranche "auch auf alle Zuliefererindustrien auswirken". Es werde "ohne jeden Beweis behauptet, es komme zu Geruchsentwicklung und Abwasserbelastung", obwohl es, kritisiert Van Elk die Bürgerinitiative, "mehrere unabhängige Gutachten" gebe, die "eindeutig belegen, dass es zu keiner Beeinträchtigung der Luft oder des Abwassers kommt". Der Lkw-Verkehr werde "über die Autobahnen abgewickelt, ansonsten drohen Vertragsstrafen. Damit gibt es hier eine verbindliche Regelung", so die Sicht des BDS-Mitglieds aus Hirschaid, das dazu aufruft, beim Ratsbegehren am 30. Januar 2022 "mit 'Ja' für die Ansiedlung der Frische-Manufaktur zu stimmen".

Erstmeldung vom 14.01.2022: Edeka plant Mega-Werk in Hirschaid - Standorte in Nürnberg und Rottendorf sollen schließen

Edeka beliefere von seinen "Franken-Gut"-Werken in Nürnberg und Rottendorf aus 410 Märkte "täglich mit Fleischerzeugnissen und Wurstwaren aus Eigenproduktion", heißt es in einer ersten Pressemeldung vom April 2021. Weil beide Standorte "baulich und wirtschaftlich nicht zukunftsfähig" seien, sollen sie künftig in einem neuen "Produktions- und Logistikzentrum in Hirschaid" aufgehen. Der Gemeinderat hatte dem Plan am 27. April 2021 mit einem Aufstellungs- und Billigungsbeschluss zugestimmt. Geschlachtet werde an dem Standort nicht, heißt es von Edeka. 

Auf bisherigen Ackerflächen an der A73, die laut Gemeinde bereits seit 2001 als Gewerbeflächen ausgewiesen sind, und sich nordwestlich der Möbelhäuser XXXLutz und Neubert befinden, soll das Produktionswerk auf "insgesamt 74.000 Quadratmetern" Anfang 2024 den Betrieb aufnehmen. Für die bisherigen 340 Beschäftigten in Rottendorf und Nürnberg habe man - so Edeka gegenüber inFranken.de - "einen fairen Sozialplan unterzeichnet". So soll ein Teil der Beschäftigten in den Ruhestand gehen, ein weiterer Teil soll "eine andere Tätigkeit oder einen Wechsel innerhalb des EDEKA-Verbunds" vornehmen. Bei Wechsel nach Hirschaid zahle man unter anderem "eine Umzugsprämie".

Insgesamt sollen - so die Gemeinde Hirschaid auf inFranken.de-Anfrage - 400 "qualifizierte Arbeitsplätze" entstehen. Bürgermeister Klaus Homann (CSU) verspricht sich von dem Standort des Supermarkt-Verbundes "mindestens 500.000 Euro jährlich an Gewerbesteuereinnahmen", heißt es in der gemeinsamen Antwort von Homann und Bauamtsleiter. Außerdem wolle man die Gemeinde "wirtschaftlich breit aufstellen", derzeit sei "die Gemeinde wie der gesamte Landkreis von der Automobilzulieferindustrie abhängig", heißt es. In Hirschaid hofft man auch darauf, dass sich künftig weitere mittelständische Unternehmen ansiedeln und will dafür die Flächen erschließen. 

Widerstand gegen "Wurstfabrik": Teil der Anwohnerschaft sehen "reale Bedrohung" durch Edeka

Doch gegen das geplante Werk gibt es Widerstand aus der ortsansässigen Bevölkerung. Die Bürgerinitiative "Initiative Hirschaid" hat sich dem Kampf gegen die "Wurstfabrik" verschrieben. "Die Gemeinde hat an uns Bürgern vorbei das größte Bauvorhaben in der Geschichte von Hirschaid beschlossen", sagt Architektin und Mitglied Barbara Janik gegenüber inFranken.de. "Dort wird Fleisch von 800 bis 1000 Schweinen pro Tag verarbeitet, alleine der Brühkessel verbraucht mit sieben Megawatt einen Haufen Strom", kritisiert sie. Auch der Lkw-Verkehr lasse sich nicht steuern, so ihre Überzeugung. Statt einem EDV-System, wie die Gemeinde es ankündigt, brauche man schon die Polizei, um zu kontrollieren, dass die "Lkw nicht durch den Ort fahren, sondern einen langen Umweg von der A3 nehmen".

Der Speditionsverkehr durch Hirschaid sei "jetzt schon eine Plage", so Janik. Außerdem meint die Initiative, dass die Kläranlage der Gemeinde nicht für "eine so große Fabrik angelegt ist, das kann die niemals schaffen". Der Verbrauch des Werks liege laut Janik bei rund 600.000 Litern Wasser pro Tag. Aus Rottendorf hätten Mitglieder der Grünen bereits von "Abwasserproblemen" und Gerüchen in der Nähe des Werks berichtet. In der Desinfektionsanlage von Edeka würden dem Wasser "verschiedene Stoffe" zugeführt, die - so Janik - "dann durch die Gullis bis zur Kläranlage am anderen Ende von Hirschaid schwappen".

In der Kläranlage "schaffen die Bakterien nicht, alles zu zersetzen, was dazu führt, dass es am Ende in die Regnitz fließt. Das ist eine reale Bedrohung", so die Sicht der Architektin. Sie und ihre Mitstreitenden sehen sich von der Politik getäuscht, auch ein neu errichtetes Möbellager sei kürzlich kaum kommuniziert worden. Und: "Wir brauchen in Hirschaid keine Arbeitsplätze für die Menschen in Hirschaid." Diese würden eh hauptsächlich nach Bamberg und Erlangen zum Arbeiten pendeln.

Edeka verteilt Gratis-Essen an Anwohnerschaft - Gemeinde verteidigt Aktion 

Die Initiative befürchtet ebenfalls, dass sich keine Technologieunternehme in Hirschaid mehr ansiedeln werden, sondern weitere Firmen aus dem Lebensmittel- und Logistikbereich. Auch vor einer weiteren Ausdehnung Edekas sorge man sich, so Janik. Die Fronten scheinen verhärtet. Am 30. Januar sollen die Menschen in Hirschaid jetzt selbst bei zwei Bürgerentscheiden - für und gegen das Werk - ihr Kreuz setzen. Edeka hat nun - während der bereits laufenden Abstimmung per Brief - versucht, mit einer umstrittenen Haustüraktion um Zustimmung zu werben. 

"Anlässlich des Bürgerentscheids zum Neubau der EDEKA-Frischemanufaktur in Hirschaid machten sich am vergangenen Samstag rund 70 überzeugte EDEKA-Mitarbeitende von Würzburg aus auf den Weg nach Hirschaid, um mit dem Eintreffen der Wahlunterlagen nochmals persönlich zum bevorstehenden Bürgerentscheid aufzuklären und transparent zu sein", schrieb der Konzern in einer Mitteilung am Dienstag. Zur "Mission" der "Edekaner", wie es weiter heißt, gehörte auch ein "Genusspaket", sprich ein "Fresskorb". Bei der Gemeinde sieht man darin nichts Problematisches.

"Durch die Verteilungsaktion von EDEKA wird den Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinde das breite Sortiment der geplanten Frischemanufaktur näher gebracht, wie z. B. Fisch, Käse, vegane Lebensmittel", schreiben Bürgermeister und Bauamtsleiter auf Anfrage von inFranken.de. Auch Edeka betont in der Kommunikation seit einiger Zeit, dass man "jederzeit" mehr "vegetarische oder vegane Produkte in Hirschaid herstellen könnte - wenn die Kundschaft das auch wolle. "Bitte lassen Sie sich nicht aufs Glatteis führen und durch Schlagworte wie 'Wurstfabrik' täuschen", schreibt der Vorstand von Edeka Nordbayern, Sebastian Kohrmann, sogar in einem Anschreiben an die Bevölkerung Hirschaids. 

"Keine Belastung": Gemeinde Hirschaid widerspricht Befürchtungen um Edeka-Werk 

Die Gemeinde versucht, der Kritik aus der Bürgerinitiative, mit Gegenargumenten zu begegnen. "Es ist vertraglich gesichert, dass sämtlicher Lkw-Verkehr der geplanten Frischemanufaktur über die A73 abgewickelt wird. Im Vertrag sind bei Nichteinhaltung hohe Vertragsstrafen vorgesehen. Dokumentiert und überwacht wird dies mit einem EDV-System. Es wird somit keine Belastung hinsichtlich des Verkehrs für Hirschaid-Mitte bzw. Ost geben", heißt es in der Antwort gegenüber inFranken.de.

Eine Überlastung des Abwassersystems sei "fachlich und faktisch ausgeschlossen", versprechen Bürgermeister und Bauamtsleiter. Dies sei "durch amtliche Fachgutachter belegt". Auch nach der möglichen Edeka-Ansiedlung seien "noch ausreichend Kapazitäten in der gemeindlichen Kläranlage vorhanden". Außerdem müsse auf dem Baugrundstück eine "Vorklärung" des Wassers errichtet werden. Edeka selbst wirbt damit, dass Gerüche durch Filteranlagen ausgeschlossen seien und das Werk mit Bioenergie und Solaranlage "klimaneutral" betrieben werde. 

Die Erschließungskosten von rund acht Millionen Euro würden "zu 100 Prozent auf die Anlieger des Gewerbegebiets umgelegt, somit auch auf EDEKA", heißt es aus Hirschaid. "Um die Lebensqualität in einer Gemeinde erhalten zu können", brauche es auch Arbeitsplätze und Einnahmen, um die kommunalen Aufgaben zu finanzieren", argumentiert man im Rathaus. Ob dies für die Bevölkerung überzeugend genug ist, wird sich wohl erst am 30. Januar 2022 herausstellen. 

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