Was ist Wahrheit? Was ist richtig und falsch? Wie lauten verlässliche, verifizierbare Fakten? Wie zeigt sich Wahrhaftigkeit, also die freiwillige und zuverlässige Übereinstimmung des Handelns und Sich-Äußerns?

Erwarten Sie an dieser Stelle keine Antworten aus Philosophie, Theologie, Ethik. Denn die konnte die samstägliche Veranstaltung am Fuchsparkstadion wirklich nicht geben. Aber es soll erwähnt werden, dass Hunderte Männer und Frauen zusammengeströmt waren, um den Corona-Infobus der "Querdenker" Bodo Schiffmann und Samuel Eckert mit lautem Jubel einfahren zu sehen. Und eine denkwürdige Inszenierung zu erleben, in die die reichlich anwesenden Polizeibeamten nicht eingreifen mussten.

Ohne Abstand und Maske

Ja, es verlief friedlich, ohne rechtsextremistische Sprüche oder einschlägige Banner. Was die Menschenmenge einte, war der Wille der weit überwiegenden Mehrheit, keinen Abstand zu halten und keine Maske zu tragen. Obwohl Bodo Schiffmann mehrfach darum bat und sich ansonsten als Redner fast völlig zurücknahm. Er überließ es anderen, Sätze in die Versammlung zu rufen wie "Unsere Demokratie ist in Gefahr!" oder "Wir müssen den Debattenraum aufrechterhalten!" oder "Unsere Kinder werden misshandelt!" oder "Unsere Politik lügt uns seit März an!" oder "Durch Gehorsam und treues Hinterherlaufen bringen wir den vorherigen Zustand nicht zurück!"

Dafür scheute sich Ober-Guru Schiffmann nicht, sogar die Bibel zu bemühen und ganz am Ende anzufangen, zu seinem Gott zu beten. Dieser möge vor "den skrupellosen, machtgierigen Politikern bewahren, die die Menschen bedrohen, und nicht Covid-19".

Und da nach Schiffmanns Auffassung "Gott auf unserer Seite ist", stimmte er - als Schlusspointe - ausgerechnet das Vaterunser an, in das jedoch kaum jemand einfiel. War das dann doch zu gewagt nach Ausführungen, die die politisch verordneten Corona-Maßnahmen als "Werk des Teufels" brandmarkten, das nur Angst, Panik und Denunziationen verursacht?

Der traurige Höhepunkt

Doch der eigentliche traurige Höhepunkt war der Auftritt eines FDP-Politikers in diesem Rahmen, dessen geschichtsträchtiger Familienname zur Vernunft verpflichten müsste: Karl Graf von Stauffenberg, Enkel des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er gab sich in seiner Rede weder als Verschwörungstheoretiker noch als Corona-Leugner aus, sondern als einen Liberalen, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung hochhält und diese auch für kommende Generationen erhalten will. Gleichwohl konterkarierte Stauffenberg seine an sich gute Absicht, mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen, indem er Wasser auf deren Mühlräder goss: "Alles in allem komme ich zum Ergebnis, dass viele Verordnungen eines Dr. Söder beziehungsweise einer Dr. Merkel nicht verhältnismäßig sind und der Gesellschaft mehr schaden als nützen", sagte er wörtlich. Natürlich, über die Sinnhaftigkeit einzelner Corona-Maßnahmen lässt sich diskutieren. Doch ob da auch Stauffenbergs Satz haften bleibt, dass er sich "nicht von irgendjemanden für irgendwelche Theorien instrumentalisieren lassen möchte"?

Einige Male wurde an diesem denk- und merkwürdigen Vormittag von verschiedenen Rednern das Grundgesetz erwähnt. Auf dessen erste 20 Artikel über die Grundrechte hingewiesen. Tosender Beifall!

Ob die Redner tatsächlich diese 20 Artikel kennen? Oder wenigstens den ersten: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."