Die Verbindung von körperlichen Erkrankungen und geistigen Prozessen, die Zusammenhänge zwischen Gehirn, Muskeln, Nerven und der Psyche gehören zum Fachgebiet des Coburger Arztes Michael Wunderlich. Deshalb hat sich der Neurologe mit den beiden Coburger Lions-Clubs dafür engagiert, die Ausstellung "Grenzen erleben" nach Coburg zu holen. Die Ausstellung wurde von der Caritas in Traunstein konzipiert und macht nachfühlbar, wie es psychisch Kranken geht. Sie wird von Donnerstag bis Montag in der Alten Angerturnhalle in Coburg gezeigt.

Welche psychischen Krankheiten sind am weitesten verbreitet?
Michael Wunderlich: Depressionen machen etwa die Hälfte der psychischen Erkrankungen aus. Jeder Dritte hat im Laufe seines Lebens einmal eine Depression. Das bedeutet nicht, dass jeder deshalb zum Arzt geht. Bei einer leichten Depression kann man auch noch arbeiten. Bei einer mittelschweren nicht mehr. Dann gibt es noch die schweren, zum Teil lebensbedrohlichen Krankheitsverläufe, die in einer Klinik behandelt werden müssen. Da geht es um Suizidgedanken, Nahrungsverweigerung oder Selbstverwahrlosung. Ein weite res, weit verbreite tes Krankheitsbild sind Angsterkran kun gen und Panikstö rungen - teils auch mit Depressionen gemischt. Außerdem Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie. Und ein großer Bereich sind auch die Suchterkrankungen.

Depression, Angststörung oder andere psychische Leiden waren 2014 eine der Hauptursachen für Krankschreibungen in Deutschland - die Anzahl der Fehltage hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Warum?
Nach allen Erkenntnissen kommen die Krankheiten heute nicht häufiger vor als vor 20 Jahren. Sie werden nur mehr wahrgenommen. Früher waren die Leute aufgrund anderer Diagnosen krankgeschrieben: Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Störungen waren typische Beispiele für unspezifische, länger andauernde Krankschreibungen. Heute scheut man sich weniger, eine Depression als Krankheit anzugeben, deshalb werden psychische Krankheiten in höherer Zahl erfasst. Aber es gibt keine Erkenntnisse dafür, dass mehr Menschen erkranken. Die ernsten Krankheitsverläufe sind nicht mehr geworden. Auch die Anzahl der Suizide ist rückläufig.

Bei welchen Symptomen eines Angehörigen, eines Freundes oder Arbeitskollegen sollte man hellhörig werden und reagieren?
Bei allen Veränderungen, die man an jemandem aus Familie oder Bekanntenkreis wahrnimmt, sollte man hellhörig werden und denjenigen darauf anspre chen, was mit ihm los ist. Gedrück te Stimmung, Lustlosigkeit, Interessenlosigkeit und Antriebsstörung sind die Kernsymptome einer Depression. Dazu kommen häufig Zusatzsymptome wie zum Beispiel Schlafstörungen. Dann sollte derjenige seinen Arzt aufsuchen.

Und dann?
Der Hausarzt ist in der Regel die erste Anlaufstelle. Er kann einschätzen, ob es sich um eine vorübergehende Belastung oder um eine ernsthafte Erkrankung handelt, ob eine fachärztliche Behandlung nötig ist oder der Patient sogar zur stationären Therapie in eine Klinik eingewiesen werden muss.

Teil der Therapie ist häufig eine medikamentöse Behandlung - aber viele Menschen fürchten die Wirkung von Psychopharmaka.
Das kommt daher, dass viele Fehlinformationen im Umlauf sind. Beispielsweise, dass diese Medikamente abhängig machen. Schlafmittel werden in Deutschland nahezu unkritisch konsumiert - dabei sind 1,2 Millionen Menschen davon abhängig, fast halb so viele wie vom Alkohol. Antidepressiva und Antipsychotika machen nicht süchtig. Und was viele auch nicht wissen: Sie verändern nicht den Menschen.

Das Gespräch führte Natalie Schalk