"Wir hätten uns natürlich schon gewünscht, dass ein paar Jugendliche mehr kommen. Aber bei dem Wetter werden die alle auf'm Keller sein", so Udo Schoberths Fazit. Schoberth ist Vorsitzender des Stadtjugendrings und somit Organisator des "fast schon traditionellen" PoliTalks im Jugendkulturtreff ImmerHin in der Dr.-von-Schmitt-Straße. Vor jeder Wahl kommen die Kandidaten aller zur Wahl stehenden Parteien im Jugendcafé zusammen, um sich und ihre Positionen vorzustellen - egal, ob es um OB-, Stadtrats-, Landtags- oder, so wie dieses Mal, Bundestagswahlen geht.

"Wie etabliert die Veranstaltung mittlerweile ist, zeigt sich auch daran, dass die Direktkandidaten sehr bereitwillig und kurzfristig zugesagt haben", freute sich Richard Röckelein, Geschäftsführer des Stadtjugendrings und Moderator des Abends.
Erklärtes Ziel der Veranstaltung: "Jugendliche an Demokratie heranführen."

Angetreten sind also: Andreas Schwarz, Strullendorfer Bürgermeister und Direktkandidat der SPD, Wolfgang Grader, Bamberger Stadtrat und Direktkandidat der Grünen, der Forchheimer Dieter Böhme für die Linke, sowie Thomas Silberhorn für die CSU und Sebastian Körber für die FDP, beide bereits in dieser Legislaturperiode Bundestagsmitglieder für den Wahlkreis Bamberg-Forchheim.

"Eine Expertenrunde ist der PoliTalk dieses Mal", erläutert Röckelein. Das heißt: Die Kandidaten müssen sich in vier Themenblöcken den Fragen der Ehrenamtlichen aus der Jugendarbeit, den ‚Experten', stellen. Dabei hat jeder Kandidat nicht mehr als drei Minuten Zeit, zu einem Thema Stellung zu beziehen.

Für Europa motivieren

Los geht es mit dem Themenblock "Yolo (You only live once) / Euro/ Europa/ Zukunftslos". Die Politiker müssen sich überlegen, wie sie Jugendliche für Europa interessieren und motivieren würden und ihre Lösungsansätze für die Jugendarbeitslosigkeit vorstellen. Der zweite Themenblock beschäftigt sich mit den Themen "Preise/ Mieten / Wohnungsnot", als drittes folgt "Ausbildung / Arbeit / prekäre Beschäftigung" und zum Abschluss "Gesundheit / Leistungsdruck / Burn-Out". Nach jeder Expertenrunde hat das Publikum in einer offenen Fragerunde die Möglichkeit, nachzuhaken.

Als am kontroversesten diskutiertes Thema erweist sich dabei der Themenblock Arbeit, was wohl auch daran liegt, dass hier die Standpunkte am weitesten auseinandergehen: Die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns wird vor allem von FDP-Vertreter Sebastian Körber und dem Linken Dieter Böhme hitzig diskutiert. Beim Thema Konversion hingegen gibt es kaum Diskussionsbedarf: Alle sehen mehr oder weniger stark den Bund in der Pflicht, für bessere Rahmenbedingungen in den Verhandlungen mit der Bima zu sorgen. Abgesehen von der Konversion kommen jedoch kaum lokale Themen zur Sprache. Vielmehr sitzen die Kandidaten auch als Vertreter ihrer Bundesparteien an den Talk-Tischen, erläutern Parteipositionen oder grenzen sich mitunter von diesen ab. Für Organisator Schoberth keine Überraschung: "Das ist die Bundestagswahl, die Themen sind naturgemäß etwas weiter weg. Vieles, was zum Beispiel für die Jugendarbeit entscheidend ist, wird ja auch gar nicht auf dieser Ebene entschieden, sondern auf der Landesebene. Das ist auch mit ein Grund dafür, warum relativ wenig Jugendliche da sind: Die Themen betreffen sie einfach nicht so direkt wie bei Kommunalwahlen."

Warten auf den 22. September

Eine, die trotzdem gekommen ist, ist Anjana. Mit 24 Jahren geht sie zwar nicht mehr als Jugendliche durch, gebracht hat ihr der PoliTalk aber trotzdem etwas: Sie hat die Standpunkte der jeweiligen Kandidaten kennengelernt. "Ich bin sonst eigentlich nicht so politisch interessiert, und wenn, dann eher praktisch, in Form von Demos zum Beispiel", sagt sie über sich selbst.

Am besten gefallen hat ihr Sebastian Körber: "Er hat seinen eigenen Standpunkt gut erklärt", findet sie. Etwas anderes ist ihr auch noch aufgefallen: "Es reden zwar alle über prekäre Beschäftigung, aber keiner darüber, dass es das auch ganz konkret in einzelnen Berufen gibt." Anjana zielt damit auf Erzieher und Erzieherinnen wie sie selbst ab, die nach einer ähnlich langen Berufsausbildung wie Lehrer um ein Vielfaches weniger verdienen als diese. Ein Beispiel dafür, wie die eigene Situation die politische Wahlentscheidung beeinflusst? Vielleicht. Bis zur Bundestagswahl am 22. September ist es ja noch ein wenig hin.

Udo Schoberth freut sich derweil über die "angeregte, stellenweise hitzige Diskussion" der Direktkandidaten. Und bereitet sich schon auf den nächsten PoliTalk vor: Am 12. September, zu den bayerischen Landtagswahlen. Dann, wenn der Sommer vorbei ist und die Themen etwas näher dran sind an den Jugendlichen, auch hoffentlich wieder mit mehr Besuchern im Jugendcafé.

Kommentar

Mit der Wahrnehmung ist das ja bekanntlich so eine Sache: Was sich für den einen anfühlt wie mitten in der Sahara, mag ein anderer als kuschelig warm empfinden. Wo einer pink sieht, sieht der andere ganz klar rosa. Auch in der Politik gibt es - zu Recht - unterschiedliche Wahrnehmungen. Beispiel (flächendeckender) Mindestlohn: Vom Untergang der Wirtschaft bis hin zum alleinigen Allheilmittel gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse reicht hier die Spannbreite der Wahrnehmung. Aber in einem Punkt schien es bisher, als gäbe es einen gesellschaftlichen Konsens: Der Leistungsdruck auf unsere Kinder und Jugendlichen wächst. Und es gibt ja auch deutliche Anzeichen dafür. Zwei der ersten vier Google-Vorschläge für die Suche nach Leistungsdruck sind "Leistungsdruck Schule" und "Leistungsdruck bei Kindern". Spiegel Online redet gar von der "Generation Leistungsdruck": früher in den Kindergarten, früher eingeschult, danach bitte aufs Gymnasium und dort zum G 8-Abi. Bachelor, Master, in Regelstudienzeit, aber bloß nicht ohne Praktika und Auslandserfahrung. Bereits jeder dritte Dritt- und Viertklässler fühlt sich laut Focus gestresst - und zwar durch die Schule.
Wie schön, dass seine Kinder laut Thomas Silberhorn diesen Druck nicht empfinden. Als er aber erklärte, der Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche habe generell eher ab- als zugenommen, ging doch ein leises Raunen, von Kopfschütteln begleitet, durch die anwesenden Jugendlichen und Experten aus der Jugendarbeit. So würden sie das wohl auch gerne wahrnehmen können...