Während andere ältere Menschen ihren Ruhestand einfach nur genießen und Fünfe gerade sein lassen, packen diese beiden Bamberger Senioren immer wieder ihre Koffer, um im Ausland zu arbeiten. Nicht um die Pension oder Rente aufzubessern, sondern rein ehrenamtlich und für Gottes Lohn. Der "Senior Experten Service (SES)", eine Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit, macht diese Einsätze als "Hilfe zur Selbsthilfe" von Klaus Rumer und Wolfgang Schubert im Unruhestand möglich.

"Schrecklich, nichts im Ruhestand zu tun!" entfährt es Klaus Rumer, promovierter Maschinenbauingenieur und zuletzt Leiter des Innovations- und Gründerzentrums (IGZ) in Bamberg als Geschäftsführer. Der 76-Jährige fühlt sich nach eigenen Worten fit und ist umtriebig genug geblieben, um sich nicht auf die faule Haut zu legen - trotz Ehefrau, drei Kinder und sieben Enkel. "Als ich mich beim SES meldete, reizten mich vor allem Einsätze in fernen Ländern", blickt Rumer zurück, der in seiner beruflichen Laufbahn einige Jahre mit seiner Familie in den Niederlanden (Den Haag) und in Frankreich (Paris) verbracht hat.

Tatsächlich hat er bereits zahlreiche Aufenthalte in Entwicklungs- und Schwellenländer fast aller Kontinente hinter sich. Als Botschafter des Know-hows made in Germany, der sein fundiertes Wissen mit Verstand und Herz für fremde Kulturen, Menschen, Religionen weitergibt.

Allein schon seine stattliche Sammlung an Souvenirs daheim erzählen von gelungener Kontaktpflege in den Einsatzländern. Im äthiopischen Addis Abeba ging es für ihn zum Beispiel um die Überführung eines ehemaligen Staatsunternehmens in eine private Technologietransfergesellschaft: "Ein schwieriges Projekt in einem ehemals sozialistischen Land", erinnert sich Klaus Rumer an die gleich drei notwendigen Reisen dorthin. In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad hielt er an der Internationalen Islamischen Universität - "Männer und Frauen getrennt" - Vorlesungen und Seminare zu den Themen Management, Innovation und Unternehmensführung: "In Englisch", sagt Rumer, das er fließend beherrscht.

Die weiteste Reise brachte ihn nach Timor-Leste, eine junge Inselrepublik zwischen Indonesien und Australien, wo er eine Machbarkeitsstudie für eine polytechnische Fachhochschule der Salesianer Don Boscos durchführte. Auch Aufenthalte als Gastdozent für Innovationsmanagement, Kooperationen und Existenzgründungen an Universitäten in Kasachstan (4 mal) und in der Ukraine (3 mal) standen auf seinem Einsatzplan.

Toleranz gegenüber anderen

"Interesse und Liebe" motivieren Klaus Rumer stets aufs Neue. Und die auch im Alter bewahrte Fähigkeit, hinzuzulernen. Toleranz etwa gegenüber anderen und andersartigen Menschen: "Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit Muslimen gemacht", erklärt der Unruheständler nachdrücklich.

Auch Wolfgang Schubert, bis 2016 Oberstudiendirektor am ETA-Hoffmann-Gymnasium, mag trotz Ruhestands die Hände nicht in den Schoß legen: "Schüler haben mich nicht losgelassen!" lacht der 68-Jährige, dem die Chancen durch den Senioren Experten Service höchst willkommen sind. Und der durch zweimaligen Auslandsschuldienst in Spanien ohnehin eine Antenne für andere Länder hat: "Ich bin Europäer, Weltbürger", sagt Wolfgang Schubert von sich. Und ganz Pädagoge fügt der verheiratete Familienvater von drei Kindern hinzu: "Friedenserziehung und der Abbau von Vorurteilen sind wichtiger denn je."

Nachdem schon "sein" ETA-Hoffmann-Gymnasium intensive Kontakte mit ukrainischen Studenten in Bamberg sowie einen Schüleraustausch mit der Ukraine gefördert hat, lag für Schubert sein erstes Einsatzland fest: Im Januar/Februar 2020 sandte ihn der SES in die West-Ukraine, in den Landkreis Rozhnyatiw im Bundesland Iwano-Frankiwsk. "Die Schulverwaltung des Landkreises suchte für elf Schulen einen Experten aus Deutschland für die Weiterqualifizierung der Deutschlehrer", berichtet Wolfgang Schubert.

Analyse der Lehrkräfte vor Ort, sprachliche sowie methodisch-didaktische Fortbildung, aber auch Unterricht der Schüler standen auf der Agenda. "Für die allermeisten Lehrer und Schüler war ich der erste Muttersprachler, der ihnen begegnet ist", lächelt Schubert in Erinnerung daran, welche "Empathiearbeit" er geleistet hat. "Ich konnte eine Vertrauensbasis schaffen", ist er sich sicher. Und dankbar für die überwältigende Gastfreundschaft in jenem Land. Für den Bildungshunger der jungen Schüler, der ihnen "schon in die Wiege gelegt ist in der Hoffnung, ihr Leben durch Bildung zu verbessern".

Auf jeden Fall will Wolfgang Schubert weiterhin dem SES zur Verfügung stehen, "gerne im Spanisch sprachigen Bereich", fügt der pensionierte Lehrer für Deutsch, Spanisch und Englisch hinzu.

Doch sowohl ihm als auch Klaus Rumer macht erst einmal Corona einen Strich durch die Pläne. Sobald das Reisen wieder möglich ist, wollen die beiden Senioren erneut los. So wie rund 12 000 Experten und Expertinnen aus 50 Fachbereichen, die beim SES registriert sind.

Seit seiner Gründung 1983 hat der SES etwa 50 000 Einsätze in 160 Ländern vermittelt. Die meisten dieser Länder liegen in Afrika, Asien, Lateinamerika, in Mittel-, Ost - und Südosteuropa, in der Region Nahost/Nordafrika und in Zentralasien.

Die Experten unterstützen kleine und mittlere Unternehmen, öffentliche Verwaltungen, Kammern und Wirtschaftsverbände, soziale und medizinische Einrichtungen oder auch Institutionen der Grund- und Berufsausbildung. Sie helfen im Handwerk und in der Produktion bei der Installation, Wartung und Bedienung von Maschinen, bei der Fachkräfteausbildung, bei Fragen zu Marketing und Vertrieb, Organisation, Personalwesen oder Zertifizierung und in vielen weiteren Bereichen.

SES-Einsätze im Ausland dauern im Schnitt vier bis sechs Wochen und maximal ein halbes Jahr. Auch ehrenamtliche Einsätze im Inland sind seit Anfang der 1990er Jahre möglich. Mehr im Netz unter ses-bonn.de.