Auffällig viele junge Menschen hatten sich zu der Gedenkstunde am Freitag auf der Unteren Brücke eingefunden. Eine Generation also, die Schlachten nur aus den Nachrichten und von ihrer Playstation kennt und sich logischerweise nicht an das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 erinnern kann. Die aber zu anderen Gelegenheiten mit gebetsmühlenartig vorgetragenen Floskeln abgespeist wird wie "Lernen für die Zukunft", "Nie wieder" oder "Keinen Schlussstrich ziehen".

An diesem 8. Mai 2015 hörten die Jugendlichen Reden von Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Klaus Stieringer, SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, die so ganz anders waren: nachdenklicher, persönlicher. Dazu kam, dass Schüler und Schülerinnen des Franz-Ludwig-Gymnasiums, der Maria-Ward-Schulen sowie der Heidelsteigschule sich aktiv einbrachten und somit eindeutig zu Demokratie und zur Wahrung der Menschenrechte bekannten: "Wir sind die selben Menschen, egal aus welchem Land, wir reichen uns die Hände ...", lautete etwa der Refrain eines Liedes, das Schülerinnen selbst komponiert und getextet hatten.

Auseinandersetzung mit Vergangenheit erst "allmählich und wenig konsequent"

OB Starke wertete den 8. Mai 1945 als einen "Tag der Befreiung" von der nationalsozialistischen Diktatur, vom Krieg und vom Holocaust, von einer Gewaltherrschaft, die Menschen in aller Welt unermessliches Leid zugefügt, und die mit dem Völkermord an Juden ein unglaubliches Menschheitsverbrechen begangen habe. "Mit dieser Befreiung war der Weg frei für einen Neuanfang, der in unsere Verfassung und dem Grundgesetz mündete", erklärte Starke. Zwar habe die junge Bundesrepublik die notwendigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Doch die Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft sei erst "allmählich und wenig konsequent" erfolgt. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern oder Vollstreckern in den Konzentrationslagern "heute noch immer läuft", so der OB.

Der Redner mahnte eine Erinnerungskultur an, die angesichts der neuen und aktuellen Verwerfungen in Europa noch wichtiger sei als bei den früheren Jahrestagen. Starke führte die Lage in Griechenland, in Russland oder der Ukraine an. Daraus folgerte er, dass "die fortwährende Befassung mit unserer Vergangenheit nicht nur eine moralisch gebotene, sondern auch eine politisch sinnvolle Anstrengung ist". Ohne dieses moralische Kapital und ohne diese gelebte Erinnerungskultur "wäre die Stellung Deutschlands in der Welt heute erheblich komplizierter".

Im Inneren unseres Landes "dürfen wir nicht schweigen und schon gar nicht wegsehen, wenn sich Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit ausbreiten oder auf dem Rücken von unschuldigen Flüchtlingen und Asylbewerbern Stimmung gemacht wird", fuhr der OB fort. Er dankte ausdrücklich allen, die sich in Bamberg gegen Extremismus, Rassismus, Faschismus, Antisemitismus engagieren. Diese Gedenkveranstaltung sei ein gemeinsames Zeichen für Frieden, Freiheit, Toleranz und Mitmenschlichkeit.

Aältere müssen Jüngeren beschreiben, was Krieg bedeutet

Klaus Stieringer plädierte dafür, die Erinnerungskultur nicht zu bewahren wie Asche, sondern die "Vergegenwärtigungskultur" wie eine Flamme weiterzugeben: "Die Erfahrenen, die Älteren, müssen den Unerfahrenen, den Jüngeren berichten, erklären, beschreiben, was Krieg bedeutet." Nur dann könnten junge Menschen aus der Vergangenheit ihre eigenen Lehren ziehen. Der 8. Mai 1945 sei noch immer "die wichtigste Probe für unsere Fähigkeit und unsere Bereitschaft, sich mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen", so Stieringer.

Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließe, werde blind für die Gegenwart. Und wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern wolle, der werde wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren. Deshalb müssten junge Menschen die KZ-Stätten oder zumindest das Dokumentationszentrum in Nürnberg gesehen haben: "Wie sollen sie sich vorstellen können, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie nicht erahnen können, wozu Intoleranz, Gier, Hass und Dummheit beim Menschen führen können?"

OB Starke und Klaus Stieringer legten Kränze nieder und verneigten sich schweigend vor den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft. Das Blechbläserensemble der Städtischen Musikschule intonierte derweil "Großer Gott, wir loben Dich" - verstörend in diesem Zusammenhang und doch zukunftsweisend für Bamberg, das im Krieg alles andere als verschont blieb.