Müde reibt sich Franziskus Mathiae die Augen und klappt den schweren hölzernen und mit Leder bespannten Buchdeckel zu. Sein Meisterstück ist abgeschlossen; morgen wird er das monumentale Werk zum Bamberger Klarissenkloster bringen und von Äbtissin Katharina Sensenschmid hoffentlich fürstlich dafür entlohnt werden. "Das habe ich auch verdient", mag er gedacht haben. Selbstbewusst hat der Franziskanerfrater auf einer der fast 400 Pergamentseiten seine Leistung in einer Art "Impressum" dokumentiert: "von Franziskus Mathiae geschrieben, ausgemalt und gebunden im kaiserlichen Ort Bamberg". Das war ein Novum, denn die Künstler waren bis dahin weitgehend anonym geblieben. Doch nun begannen die Maler, ihre Gemälde zu signieren. Warum sollte dies nicht auch für die Schreiber und die Buchillustratoren gelten?

30 Jahre Forschung

Über 500 Jahre später begibt sich der Kunsthistoriker Karl-Georg Pfändtner auf Spurensuche. Wer war dieser Frater Franziskus? Wirklich ein solches Allroundtalent, wie er selbst behauptet? Hat er sich vielleicht mit fremden Federn geschmückt? Aber immerhin bestellten die Nonnen nach dem von 1498 bis 1501 geschaffenen ersten Chorbuch bei Franziskus noch mindestens zwei weitere so genannte Graduale mit Messgesängen.
Der Mönch ist in Bamberg einer der ersten Künstler, die aus der Anonymität der klösterlichen Schreibstuben heraustreten. In der Staatsbibliothek auf dem Domberg werden seine drei kostbaren Bände derzeit nebst 180 weiteren illuminierten - also bebilderten - Handschriften des 15. Jahrhunderts untersucht und katalogisiert. Nach fast 30 Jahren wird damit das letzte Kapitel eines wahren Forschungs-Marathons begonnen.

Das letzte Kapitel

Bereits seit 1986 finanziert die Deutsche Forschungsgesellschaft das Projekt "Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Staatsbibliothek Bamberg". Zwei Kataloge unter der Federführung von Gude Suckale-Redlefsen sind 1995 (Schriften des zwölften Jahrhunderts) und 2004 (achtes bis elftes Jahrhundert) erschienen. Nun schreibt Karl-Georg Pfändtner, der seit 2008 mit der Aufgabe betraut ist, das Werk fort und gibt Anfang 2015 Katalog Nummer drei über die Schriften des 13. und 14. Jahrhunderts heraus. Dabei steckt er schon mitten in der Arbeit für den Abschlussband über die Handschriften bis 1530. "Danach haben die gedruckten Bücher die per Hand geschriebenen Werke weitgehend abgelöst", erklärt der Kunsthistoriker, der gebürtiger Bamberger ist, hier studierte und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Städtischen Sammlungen war und später in Wien wirkte. Die meisten Bücher aus der Staatsbibliothek hat Pfändt ner in München, wo er Mitarbeiter am Handschriften-Erschließungszentrum der Bayerischen Staatsbibliotheken ist, im wörtlichen Sinn unter die Lupe genommen. Doch die monumentalen Bände wie die drei Graduale von Frater Franziskus sind zu groß und zu fragil für den Transport und werden daher vor Ort begutachtet.

Bücher-Monster

"Monster" nennt Bibliotheksfotograf Gerald Raab die dicken Wälzer augenzwinkernd. Denn er muss die bis zu 60 mal 40 Zentimeter großen, zum Teil 800 Seiten starken und an die 25 Kilo schweren Bücher auf seinen "Grazer Buchtisch" hieven, wo er sie richtig platzieren und ablichten kann. Mit der Digitalisierung ihrer illuminierten Handschriften ist die Staatsbibliothek Bamberg wegweisend und auf dem neuesten Stand der Technik (www.staatsbibliothek-bamberg.de).

Ein Rind für zwei Doppelseiten Pergament

Warum sind die Bücher so riesig? "Damals hatte nicht jeder ein Gesangbuch. Die Graduale lagen zentral auf einem Pult, um das sich die Mönche scharten, um ihre Gesänge anzustimmen. Dabei musste natürlich jeder Sicht auf das Blatt haben", erläutert Pfändtner. Auch die Kosten für ein solches Werk waren enorm: "Man könnte - je nach Ausstattung und Umfang des Buches - den Gegenwert eines städtischen Reihenhauses bis zum Preis für ein prachtvolles Stadtpalais ansetzen. Also zwischen 200 000 und 20 Millionen Euro." Immerhin liefert die Haut eines Rindes gerade mal ein bis zwei Doppelblätter Pergament! Da musste mancherorts erst tüchtig gefeiert werden, bevor man wieder Material für ein neues Buch hatte.
Die Werke waren in lateinischer Sprache verfasst, meist handelte es sich um theologische Inhalte (Bibeln, Gesangbücher etc.) oder um Rechtshandschriften. Ab dem 13. Jahrhundert brachten Domherren und Juristen Literatur von Studienaufenthalten in Paris oder Bologna mit; später entstanden bebilderte Bücher, darunter auch Psalter für reiche Damen, vorwiegend in Franken. Die kostbaren Schriften wurden von Generation zu Generation weitergegeben und landeten schließlich in der königlichen bzw. später staatlichen Bibliothek.

Rätsel aus Kloster Langheim

So auch zwei schwere Antiphonare - liturgische Bücher für das Stundengebet - aus dem ehemaligen Kloster Langheim bei Lichtenfels. Wie in einer Art "Widmung" zu lesen ist, gab sie der von 1494 bis 1510 regierende Abt Emmeram Teuchler in Auftrag. Der Verfasser hat sich hier nicht verewigt, muss jedoch den Ort gekannt haben, denn ein Gesang zur Kirchenweihe ist mit einem prachtvollen Bild des Klosters illustriert. Ob er in Langheim war oder auf eine Grafik zurückgreifen konnte? "Wir wissen es nicht. Noch nicht", sagt Karl-Georg Pfändtner und hofft, irgendwann Licht ins Dunkel bringen zu können. Auch bei Frater Franziskus sieht sich der 48-Jährige noch längst nicht am Ende seines Lateins. "Vieles deutet darauf hin, dass er tatsächlich Schreiber und Buchmaler in einer Person gewesen ist", befindet der Kunsthistoriker.
Der Mann, der in den Bildern lesen kann, wird den Beweis erbringen.