Dass der Fall des toten Tobias aus dem südlichen Landkreis Bamberg auch nach mehr als 25 Jahren die Menschen bewegt, haben wir an den Reaktionen auf unsere jüngste "Tatort Franken"-Geschichte gesehen. Rechtsanwalt Thomas Mönius hat 1994 als junger Strafverteidiger Tobias' Mutter, die den Tod ihres eineinhalbjährigen Sohnes verursacht hatte, vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bamberg vertreten.

Wie sind Sie damals zu diesem besonderen Mandat gekommen?

Mönius: Merkwürdigerweise hatte ich schon vorher, als ich im Urlaub die Schlagzeilen zum angeblich entführten Tobias gelesen habe, das unbestimmte Gefühl: Mit dem Fall wirst Du zu tun bekommen.

Tatsächlich hatte meine Kanzlei schon einmal einen Verwandten der Angeklagten vertreten. Der rief mich eines Tages an und sagte: Herr Mönius, wir brauchen Ihre Hilfe.

Haben Sie gezögert?

Ich musste keine Sekunde überlegen. Prominente Verteidiger aus ganz Deutschland hatten sich bereits angeboten, darunter auch Staranwalt Rolf Bossi. Das Mandat hätte ich höchstens nicht angenommen, wenn meine Familie das nicht gewollt hätte. Denn dass der Druck erheblich sein würde, war klar. So ein Mandat fordert einen auch als Christ und Mensch heraus, nicht nur als Anwalt.

Wussten Sie zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Ihre Mandantin mit einem Tritt den Tod des kleinen Tobias verschuldet hatte?

Als ich das Mandat übernommen habe, wusste ich es nicht. Am 31. August 1993 habe ich dann den ganzen Tag mit ihr gesprochen und sie hat mir alles erzählt.

Das hat auch mich anfangs so schwer geschockt, dass ich therapeutische Hilfe gebraucht habe. Unser Sohn war damals so alt wie Tobias. Kinder in dem Alter sehen sich manchmal relativ ähnlich. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man abends den kleinen Sohn spielen sieht, nachdem sich tagsüber alles um den Tod eines Gleichaltrigen gedreht hat.

Ich bin ja keine Maschine und auch heute nicht gänzlich unberührt, wenn ich über den Fall rede. Aber man muss die nötige Professionalität an den Tag legen. Zum Glück hatte ich mit Alexander Seifert als Verteidiger des weiteren Beschuldigten einen Kollegen, der ähnlich denkt wie ich.

Hätte ich aber in einem Verfahren versagt, das so im Licht der Öffentlichkeit steht, wäre das auch für meine weitere Berufslaufbahn ein schwerer Rückschlag gewesen.

Nicht nur die Angeklagten, auch Sie wurden schon vor Prozessbeginn bedroht.

Wenn meine Frau zu dieser Zeit einkaufen war, haben ihr manche vor den Kinderwagen gespuckt. Nachdem ich mehrfach Morddrohungen bekommen hatte, hat die Polizei vor meinem Haus Präsenz gezeigt. Vor der Urteilsverkündung gab es eine Bombendrohung. Und andere Formen der Belästigung haben noch Jahre angedauert.

Wurden Sie häufig gefragt, warum Sie solche Leute überhaupt vor Gericht vertreten?

Das werde ich gefragt, seitdem ich Anwalt bin. Oder warum ich Angeklagte vertrete, von denen ich weiß, dass sie schuldig sind. Aber gerade dann fängt die Verteidigung erst an. Ich weiß ja nicht, wie es wirklich war. Die Sicht der Mandanten ist dabei nur eine mögliche Variante. Ich versuche immer, mir ein eigenes Bild zu machen.

Im Fall Tobias hat die Volksseele gekocht. Manche haben die Todesstrafe gefordert, und zwar möglichst quälend. Andere zumindest lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Meine Mandantin und ich haben früh verabredet, dass wir eine Aussage machen. Sie hat in einer staatsanwaltschaftlichen Vernehmung zeigen wollen, dass sie die Verantwortung für ihr Tun übernimmt.

Wie haben Sie dann den Prozess erlebt?

Für die Bamberger Justiz habe ich zum Tobias-Prozess nur lobende Worte. In diesem Verfahren hat der Rechtsstaat von den staatsanwaltschaftlichen und kriminalpolizeilichen Ermittlungen über den Prozess bis zum Strafvollzug in einem optimalen Maße funktioniert, wie ich es vorher und nachher nie mehr erlebt habe.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass wir uns keine prozessualen Scharmützel liefern, sondern den Prozess so fair wie möglich führen wollen. Es wurde wirklich alles getan, um die Wahrheit herauszufinden. Und das fast ohne objektive Beweise, denn es gab nur noch ein paar Blutspuren in der Wohnung und Antauspuren in der Tiefkühltruhe.

Die Verhandlung dauerte nur acht Tage und am Ende blieb nichts offen. Als ich dann in meinem mehr als einstündigen Plädoyer eine Bewährungsstrafe forderte, hatte ich angesichts der aufgeheizten Stimmung erwartet, dass geschrien wird oder dass man mich bedroht. Aber es war nichts außer dem Knistern des Parkettbodens im Gerichtssaal zu hören.

Ihre Mandantin ist am Ende zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Ein gerechtes Urteil?

Ich habe damals das Urteil als überzogen bezeichnet. Das würde ich heute nicht mehr tun.

Ein Strafprozess ist für alle Beteiligten ein unglaublich herausforderndes Ereignis. Die prozessuale Wahrheit kann nur nach einem ganz strengen Regelwerk ermittelt werden. Dass das Urteil am Ende auf Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit versuchtem Mord lautete, war angesichts der Mordanklage ein Erfolg. Dafür haben wir hart gearbeitet.

Wir wollten aufzeigen, dass die beiden Angeklagten eine Form menschlichen Scheiterns erleben mussten, und nach der Tat verzweifelt versucht haben, ihr Leben aufrecht zu erhalten.

Für dieses Interview hat Sie Ihre damalige Mandantin von Ihrer Verschwiegenheitspflicht befreit. Was machen die Eltern des kleinen Tobias heute?

Es gibt nur wenige Fälle, in denen man sagen kann, dass die Resozialisierung so gut geglückt ist wie bei Sandra und Peter V. (Namen geändert). Die beiden haben ihre Lektion gelernt und führen nach Verbüßung ihrer Haft wieder gemeinsam ein ganz normales Leben in einer anderen Region. Ein prominenter Mithäftling hat meine Mandantin in der Justizvollzugsanstalt unter ihre Fittiche genommen. Sie hat eine Ausbildung zur Köchin gemacht und arbeitet nun sehr erfolgreich in diesem Beruf. Die beiden haben wieder eine Familie und wenn es Probleme gibt, dann lassen sie sich helfen.

Das ist kein Vergleich mehr mit der überforderten, ungebildeten jungen Frau, die damals vor Gericht saß. Als ich sie vor der Haftentlassung noch einmal besucht habe, hat sie gesagt: Wenn ich nicht verurteilt worden wäre, hätte ich nie die Chance gehabt, mit meiner Tat fertig zu werden. Sie steht zu dem, was da war.

Hat wirklich jeder eine zweite Chance verdient?

Verdient bestimmt. Und die Mutter hat sie auch genutzt. Ich habe an das Gute in ihr geglaubt. Kein Mensch ist nur ein Mörder.

Was ist aus den beiden Geschwistern des kleinen Tobias geworden?

Sie sind gemeinsam in eine Pflegefamilie an einem anderen Ort gekommen und dort gut aufgenommen worden.

Wissen sie vom Drama ihrer ursprünglichen Familie?

Natürlich. Irgendwann kommt so etwas sowieso raus. Und dann ist es besser, wenn es die Kinder nicht unvorbereitet trifft. Der Tod des kleinen Tobias ist ein Teil ihrer Biografie. Auch wenn sie nichts dafür können, dass sie in diese Familie hineingeboren wurden.

Die Fragen stellte Stefan Fößel.