Reinhold Sühlfleisch würde sein Haus mit keinem anderen tauschen, Thomas Nobis will nicht lange bleiben, Wilfried und Marliese Großmann waren schon immer da, und Aron la Dous und Anna-Lena Sackmann können es nicht abwarten, endlich hier zu sein. Sechs Menschen in Grattstadt. Und vier besondere Geschichten.
"Da ist ja gar nichts!" Der spontane Ausruf der Kollegen, als der Dartpfeil haarscharf neben der ehemaligen innerdeutschen Grenze einschlägt, sitzt bei der Fahrt auf der A73 im Hinterkopf. "Ausfahrt Eisfeld Süd". Tatsächlich. Wenn man nach Grattstadt im Landkreis Coburg will, macht man am einfachsten einen Umweg über Thüringen. Heute geht das ...
Rechts abbiegen, links abbiegen: Am Fuß der Schwarzen Berge hat das Navi gut zu tun. Prima, dass der Fotograf der Automatenstimme auf der schmalen Straße hinterher fährt. So bleibt Muse für den Blick in die hügelige Landschaft.
Schön hier.
Der Treffpunkt des Dartpfeils ist ein Feldweg am Waldrand bei Grattstadt; ganz genau: eine Pfütze, über der weiße Schmetterlinge flattern. Die Felder sind reif für den Mähdrescher. Zum Glück ist uns auf dem Sträßchen keiner begegnet. Sonst ist auch niemand zu sehen. Erster Blick: Ist hier Weltende?


Filigranes mit der Kettensäge

Immerhin: Es gibt eine Kirche. So ein Gotteshaus ist immer eine gute erste Anlaufstelle. Treffer. Reinhold Sühlfleisch werkelt in seiner Werkstatt neben dem Kirchturm. Der Rentner lebt seit 45 Jahren im 195-Einwohner-Dorf. Sein Hobby: Aus großen Holzstücken formt er filigrane Figuren mit der Kettensäge. In der Kirche hat er eine Aufgabe übernommen, die noch mehr Fingerspitzengefühl verlangt: Er bedient die Uhr.
Fürs Foto vor dem Haus will sich Reinhold Sühlfleisch umziehen: ein frisches Hemd und die Kopfbedeckung. "Hier kennt mich ja jeder nur mit Hut", schmunzelt er, als er auf der Bank vor dem üppig eingewachsenen Haus Platz nimmt und plaudert. Und sogar sein Haus erzählt: Sühlfleischs wohnen in der ehemaligen Dorfschule.
Dass Grattstadt, einen Steinwurf von der ehemaligen Grenze entfernt, Teil der deutschen Geschichte ist, spürt man hier nicht. Die Grattstadter haben alle Veränderungen mit fränkischer Gelassenheit genommen. Früher konnte man zum Einkaufen wir nur dort hin fahren, erzählt Sühlfleisch und deutet Richtung Süden, Bad Rodach. Jetzt fahren sie da hin, nach Harras in Thüringen.
Präsenter ist die Vergangenheit bei Marliese und Wilfried Großmann. Wir wollten das Rentnerehepaar nur nach dem Weg zur Eisstockbahn fragen, die Sühlfleisch erwähnt hatte. Aber die Arche Noah der Großmanns ist eine Geschichte für sich. Es gackert, gurrt und trällert, der Traktor knattert, die Äste der Obstbäume biegen sich. Wenn Kinder einen Bauernhof malen sollen, dann sieht ihr Bild sicher ganz ähnlich aus.
Die großen Tiere mussten die Großmanns abgeben; die Kinder sind aus dem Haus, immerhin kommt der Sohn regelmäßig am Wochenende aus München und hilft. So genießen die Hühner und Fasane und die Tauben und die Gänse ... eine ganze Arche Noah das Landleben, so lange es das noch gibt.


Mit Schnaps zu den Russen

Ein kleines Paradies. "Ja scho", sagt Wilfried Großmann. "Aber halt a a viel Ärbärt." Die Gattin stimmt zu. "Aber ohne Ärbärt wärs ja aa nix." Auf der Gänsewiese des rüstigen Paares guckt man auch in die Vergangenheit. "Da drüben, da war die Welt zu End'", sagt Wilfried und deutet auf eine Baumreihe im Hügelland. 1945, so erzählt er, hatten die Bauern aus Grattstadt Äcker und Wiesen "bei den Russen". Die Ernte war eine Weltreise, endete oft vor dem Lauf einer Kalaschnikow. "Wer schlau war", grinst Großmann, nahm ein paar Flaschen Schnaps mit. "So lange die Russen voll waren, konnte man in Ruhe seine Arbeit machen."
Die deutsch-deutsche Geschichte hat auch Thomas Nobis nach Grattstadt gebracht. Der Aachener arbeitet als Produktentwickler in München und genießt es, einmal im Jahr auf dem Rad von allem abzuschalten. Diesmal hat er sich eine Tour von Hof an die Ostsee ausgeguckt, und einen guten Teil der Strecke legt er auf dem heutigen grünen Band zurück, dem einstigen Todesstreifen. In Grattstadt hat der Radler eine Wasserpause eingelegt.


Vom Traum zur Wirklichkeit

Zum Abschied treffen wir die Zukunft in Grattstadt - in Gestalt von Aron la Dous und Anna-Lena Sackmann vor einem heruntergekommenen Haus. Das junge Pärchen, dem es in Coburg "zu laut" ist, hat in der Bruchbude im Ortskern seinen Traum gefunden - Landliebe auf den ersten, eher zweiten Blick, aber mit Langzeitgarantie, ist sich der 26-Jährige sicher. "Die Schwarzen Berge sind eine natürliche Barriere. Die Logik spricht dagegen, dass hier irgendeiner mal irgendwas Großes baut." Weder Autobahn noch Stromtrassen, Grenzzäune gleich gar nicht. Weltende in Grattstadt? Das war einmal!

Für den 14. und letzten Teil dieser Serie fuhr Matthias Litzlfelder nach Waischenfeld im Landkreis Bayreuth. Seine Geschichte lesen Sie am Donnerstag.