Der Zuspruch überwiegt. Eindeutig. Im sozialen Netzwerk Facebook und im "richtigen Leben". Seit Oberhaids katholischer Pfarrer Stefan Hartmann im Erntedank-Gottesdienst am Sonntag mitgeteilt hat, dass er fortan mit einer Frau leben möchte, und deswegen seine Gemeinde verlassen wird, geht es rund. Im Ort und in den sozialen Medien. Während Hartmann auf Facebook seinen Status kurzerhand in "selbstständig" änderte, taucht er ansonsten medial ab, gibt keine Interviews und bittet um Verständnis. Das haben die meisten, für diesen wohl konsequenten Schritt des Priesters.

Denn für Aufsehen hatte der heute 61-Jährige bereits im Jahr 2014 gesorgt, als er sich im Fernsehen (Nachtcafé) zu seiner Tochter bekannte. Seitdem hat Hartmann den Zölibat weiter kritisiert, auch an Papst Franziskus geschrieben, in der Hoffnung auf Dispens davon. Vergebens. Und nun dieser weitere Schritt an die Öffentlichkeit.
Oberhaid hat seit dieser so ganz anderen Verkündigung vom Sonntag praktisch nur noch das eine, das Pfarrer-Thema. Das bestätigt die Mitarbeiterin eines Ladens. "Tendenz: Er hat Recht." Allerdings möchte die Dame hier ebenso wenig in der Zeitung genannt sein, wie all die anderen Oberhaider, die sich zu der Angelegenheit äußerten.


Vorgehen der Katholischen Kirche "unmenschlich"

Ohne Namensnennung freilich bestätigen sie die Einschätzung der Dame aus dem Laden. Eine Oberhaiderin, die sich ehrenamtlich in der Pfarrgemeinde engagiert, berichtet, sie sei in dem Gottesdienst sehr gerührt gewesen und verstehe den "Menschen Stefan Hartmann sehr, sehr gut". Schließlich sei er Mensch und habe als solcher das Recht, zu leben, wie er will. Was die Katholische Kirche hingegen mache, sei "sehr unmenschlich". Sie wünscht sich wieder einen Seelsorger für die Gemeinde, fände es toll, wenn Pfarrer Hartmann "einfach bleiben könnte." Das wird wohl eher nicht der Fall sein.

Nach der am Dienstag veröffentlichten Mitteilung der Bistumsleitung zeigt sich Oberhaids Bürgermeister Carsten Joneitis (SPD) realistisch. Schließlich widerspräche das dem Kirchenrecht, erklärt der Katholik. Persönlich zollt er Hartmann Respekt für dessen "ehrlichen Weg". Joneitis ist mit dem Seelsorger, den er als ebenso intelligenten wie charakterstarken Menschen schätzt, seit einigen Jahren befreundet. Hartmann sei keiner, der der Kirche nach dem Mund gesprochen habe. Er schaue hin, äußere Kritik. Joneitis beschreibt den Freund weiterhin als jemanden, der den Kontakt zu den Menschen sucht und liebt und als jemanden, der sich über Jahre hinweg einsam gefühlt habe.

Den jüngsten Schritt nun bezeichnet Joneitis nicht nur als konsequent, sondern auch als mutig, gerade im Alter von 61 Jahren. "Normalerweise müssen katholische Pfarrer ja länger arbeiten." Da stelle sich die Frage nach dem Gehalt beziehungsweise nach einer Pension. Es werde wohl nicht einfach, "aber ich gehe davon aus, dass er sich durchbeißt".

Nicht einfach wird es wohl auch für die rund dreieinhalb Tausend Katholiken, für deren Seelsorge Pfarrer Hartmann in den letzten 14 Jahren zuständig war. "Es wird gestorben, es wird geheiratet, Religionsunterricht muss gehalten werden", beschreibt Joneitis die Situation. Darüber hinaus ist der Oberhaider Pfarrer auch für rund 15 Mitarbeiter etwa in den Kindergärten zuständig. Der Bürgermeister hat erfahren, dass vorübergehend Hallstadts Pfarrer Christoph Uttenreuther die Pfarradministration übernehmen wird. Möglichst bald freilich hofft er darauf, dass Oberhaid wieder einen eigenen Pfarrer bekommt. "Es muss reibungslos weitergehen."


Neuanfang

Die Tatsache, dass Hartmann, der entsprechend der kirchlichen Ordnung von seinen Ämtern und Aufgaben entbunden wird, Oberhaid verlässt, kann Joneitis verstehen. Gerade im Sinne eines Neuanfangs. "Pfarrer Hartmann geht, als Freund und Persönlichkeit bleibt er erhalten", fasst der Bürgermeister für sich zusammen. "Ich hätte nicht in seiner Lage sein wollen", kommentiert er abschließend. Der beliebte Geistliche habe es sich bestimmt nicht einfach gemacht," merkt eine Oberhaiderin an. "Ein guter und feiner Pfarrer", ergänzt ein Mann aus der Gemeindeverwaltung und schlägt vor: "Die Kirche muss sich a weng bewegen."

Per Facebook-Mitteilung meldete sich Hartmann übrigens bei der Autorin zu Wort: "In einem Online-Artikel auf infranken.destand, ich wolle ,nicht mehr Priester' sein. Das stimmt nicht, aber ich kann und will die menschengemachten Rahmenbedingungen nicht mehr erfüllen (den Zölibat)."