Bamberg
Wahlkampf

15 Bamberger Pfarrer protestieren gegen CSU-Plakate

Schon wieder Ärger mit Wahlplakaten. Diesmal ist es eine Serie der CSU, die Anstoß erregt. Dekan Sperl und 15 evangelische Würdenträger distanzieren sich von dem Slogan "evangelisch wählen", weil sie sich nicht vor den Karren der CSU spannen lassen wollen. Urheber Stefan Kuhn wirft der evangelischen Kirche vor, "unverhältnismäßig " zu reagieren.
Stefan Kuhn war Urheber eines CSU-Wahlplakats mit dem Slogan "das soziale Profil schärfen - evangelisch wählen". Die Plakate unweit der Stephans- und der Erlöserkirche waren der evangelischen Kirche ein Dorn im Auge und sind mittlerweile abgehängt.  Foto: Michael Wehner
Stefan Kuhn war Urheber eines CSU-Wahlplakats mit dem Slogan "das soziale Profil schärfen - evangelisch wählen". Die Plakate unweit der Stephans- und der Erlöserkirche waren der evangelischen Kirche ein Dorn im Auge und sind mittlerweile abgehängt. Foto: Michael Wehner
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Es war beim Verabschieden der Gottesdienstbesucher am Ausgang der Stephanskirche am vergangenen Sonntag. Eine Frau machte ihrem Ärger bei Pfarrer Johannes Wagner-Friedrich Luft. Anlass war ein Wahlplakat, das rund 80 Meter weiter im Umfeld der Stephanskirche hing. Farbgebung himmelblau - ein etwa 1,50 Meter breites Wahlplakat des Evangelisches Arbeitskreises der CSU.

Was die Frau störte, waren weniger die lächelnden Konterfeis von den fünf CSU-Kandidaten Stefan Kuhn, Gisela Schlenker, Oliver Leuteritz, You Xie und Dieter Hoffmann, sondern die Formulierung, die dort gebraucht wurde: "Bambergs soziales Profil schärfen - am 16. März evangelisch wählen", heißt es da.

Stimmenfang nun auch auf die konfessionelle Tour? Noch am Wochenende wurde bekannt, dass die fünf evangelischen CSU-Kandidaten nicht nur in der Nähe der Stephanskirche vom Großplakat lächeln. Die Aufforderung "evangelisch" zu wählen, erging auch an die möglicherweise kirchennahen Menschen im Umfeld der Erlöserkirche sowie bei protestantischen Altenheimen, etwa beim Wilhelm-Löhe-Heim und dem Albrecht-Dürer-Heim des Diakonischen Werks.

Warum sind die Bekennerplakate ein Problem? Am kommunalpolitischen Engagement evangelischer Christen liegt es gewiss nicht, dass Pfarrer Johannes Wagner-Friedrich die Stirn runzelt. Seine Frau Petra Friedrich, früher Stadträtin der Grünen, kandidiert selbst auf der Liste der GAL. Doch die Instrumentalisierung des Glaubens für Wahlkampfzwecke lehnt er ganz entschieden ab. "Evangelisch kann man nicht wählen. Evangelisch ist einBekenntnis. Das hat nichts mit Kandidaten einer einzelnen Gruppierung zu tun."

Der Pfarrer von St. Stephan ist mit seiner Empörung nicht allein. Insgesamt 15 Geistliche der evangelischen Kirche in Bamberg und Dekan Otfried Sperl verwahren sich in einem Brief an den Kreisvorsitzenden der CSU, Christian Lange, dagegen, von der CSU vor den Karren des Wahlkampfs gespannt zu werden: "Durch ihr Plakat wird der Eindruck erweckt, evangelische Christen in Bamberg seien ausschließlich in einer Partei vertreten. Das ist nicht der Fall", heißt es in einem Schreiben, das auf Dienstag datiert. Darin fordert Sperl die Verantwortlichen in der CSU Bamberg auf, die besagten Plakate sofort zu entfernen.

Das ist zwischenzeitlich geschehen, denn der Brief erreichte auch den presserechtlich verantwortlichen Urheber der Plakatkampagne, den 38-jährigen Bamberger Rechtsanwalt Stefan Kuhn, Vorsitzender des vor zwei Jahren gegründete Evangelischen Arbeitskreises der CSU. Kuhn fiel nach eigenen Angaben aus allen Wolken ob der "unverhältnismäßigen Schärfe" des Briefes von Sperl und seiner Pfarrer. Kuhn bestätigt, dass er die zehn Plakate des Evangelischen Arbeitskreises, die am vergangenen Wochenende aufgestellt worden waren, nach nur fünf Tagen wieder entfernt hat.

Die Kritik der evangelischen Kirche an seiner Aktion nimmt er mit Bedauern zu Kenntnis, wirklich verstehen kann er sie nicht. Kuhn, der mehrere Kirchenämter unter anderem in St. Stephan bekleidet, hätte sich gewünscht vom Dekan vorab informiert zu werden, "wenn es Probleme gibt". Mit den Plakaten habe er seine Freude darüber zum Ausdruck bringen wollen, dass "fünf engagierte Christen" auf der Liste der CSU kandidieren und hier auch ihre konfessionellen Überzeugungen einbringen wollen. Irritierend finde er die Formulierung "Bambergs soziales Profil schärfen - evangelisch wählen" nicht.

Otfried Sperl kann sich über diese Einschätzung nur wundern. Dabei geht es dem Kirchenchef in Bamberg nicht nur darum, dass evangelische Christen selbstverständlich in allen politischen Richtungen aktiv sind. Das Wahlplakat sei auch ein Schlag gegenüber den jahrelangen ökumenischen Bemühungen: "Wir lehnen es entschieden ab, konfessionell geprägte Wahlempfehlungen zu geben. Denn was sollen katholische Christen, Juden oder Muslime davon halten, wenn hier ,soziales Profil´ als ausschließlich evangelische Position erscheint?"

"Mit Enttäuschung" reagierte am Donnerstag der CSU-Kreisvorsitzende Christian Lange auf die Vorwürfe des evangelischen Dekans und der 15 Geistlichen. Das Plakat habe nur darauf aufmerksam machen sollen, dass sich evangelische Christen auf der CSU-Liste befinden, sagte Lange. Wie Kuhn moniert auch der CSU-Chef , dass die evangelische Kirche nicht das Gespräch gesucht, sondern zeitgleich die Medien informiert habe. "Hier entsteht der Eindruck, dass drei Tage vor der Wahl Wahlkampf gegen die CSU gemacht wird."

Ohne materielle Konsequenzen für die Kirche wird der Streit nicht ausgehen. Seinen Austritt aus der evangelischen Kirche kündigte am Donnerstagnachmittag das CSU-Mitglied Detlef Ermold an. "Ich bin enttäuscht über die Form und den Zeitpunkt dieser Reaktion", sagte Ermold. Er hätte sich von der Kirche Besonnenheit und Neutralität erwartet. Nun greife die Kirche in den Wahlkampf ein, um der CSU zu schaden. Ermold sagte, er werde nicht der einzige sein, der der evangelischen Kirche den Rücken dreht.

Doch die "evangelischen Plakate" der CSU sind nicht die einzigen, die Abwehrreaktionen von überparteilichen Organisationen hervorgerufen haben. Bereits Anfang März traten die Bürgervereine Stephansberg, Bruderwald und Südwest einer Plakatserie der CSU entgegen, in der diese den Eindruck erwecken, für alle Bürgervereine im Berggebiet zu sprechen.

"Dies ist jedoch nicht zutreffend", kommentiert Gerhard Will, Vorsitzender des BV Stephansberg. "Die Kandidaten der CSU sind in den Bürgervereinen Wildensorg, Bug und Kaulberg aktiv. Die Bürgervereine Stephansberg, Am Bruderwald und Südwest sind parteipolitisch unabhängig und haben den Wahlplakaten der CSU in der derzeitigen Form nicht zugestimmt. Dies wäre aber Voraussetzung für die gewählten Formulierungen gewesen", sagt Will. Anders als die Plakate im Umfeld der Kirchen hängen die Werbebanner im Berggebiet immer noch.

Mit seinem Appell genauer hinzusehen, dringt Will bei der CSU aber nicht durch. "Wir wollten nur auf die besonderen Tätigkeitsbereiche unserer Kandidaten hinweisen", sagte CSU-Chef Lange. Wills Reaktion bezeichnet er als "durchsichtiges Wahlkampfmanöver".