Yoga, Pilates und gesunde Ernährung, statt Zahlen, Fristen und Bilanzen. Ein Wochenende hat Kreditsachbearbeiter Helmut Keller mit 19 Kollegen von Profis Tipps zum Thema Gesundheit und zum Umgang mit Stress bekommen. Eine gute Erfahrung, findet er. Immerhin werden die Anforderungen an Bankmitarbeiter immer größer. "Wir verwalten uns zu Tode", sagt Keller. Es ist wie überall: Mit steigender Arbeitsbelastung wachsen die Überstunden und der Stress.


Die Raiffeisenbank Hammelburg setzt deshalb auf betriebliche Gesundheitsförderung und ist damit bei den Mitarbeitern auf positive Resonanz gestoßen. "Wir wollen das Thema Gesundheitsprävention nicht versacken lassen", sagt Vorstandsmitglied Roland Knoll. "Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter die Balance halten." Zwar sei der Krankenstand in der Bank nicht überdurchschnittlich hoch, aber Bedarf bei der Gesundheitsvorsorge bestehe trotzdem. Beispielsweise ist die Büroarbeit im Sitzen auf Dauer schlecht für die Körperhaltung. Knoll: "Rückenschmerzen sind typisch."


Volkskrankheit Rücken

Die Beobachtung wird im dem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK bestätigt. Nahezu jeder vierte gemeldete Krankheitstag hat eine Erkrankung des Skelett-Muskel-Systems (oft sind das Rückenprobleme) als Ursache. In den Top drei der Krankheitsstatistik folgen psychische und Atemwegserkrankungen. Laut Studie wirken sich verstärkter Wettbewerbsdruck und Personalabbau negativ auf den Krankenstand in Betrieben aus.


Probleme zu entspannen

Für die Physiotherapeutin und Personal Trainerin Patricia Kirchner aus Oberthulba stellt die ständige Erreichbarkeit und der daraus resultierende Stress ein Problem dar. "Wenn die Leute aus dem Betrieb rausgehen, können sie nicht einfach die Türe hinter sich schließen. Die Gedanken kreisen immer weiter um die Arbeit, sie kommen nicht zur Ruhe", sagt die 28-Jährige.

Diesen Zustand stecken manche Mitarbeiter weg, andere bekommen mit der Zeit gesundheitliche Probleme. "Viele Menschen empfinden den Stress erst einmal gar nicht so schlimm, bis sie körperliche Symptome kriegen", sagt die Sportstudentin. Krankmachende Effekte von Stresshormonen sind medizinisch belegt.
Kirchner arbeitet viel mit Unternehmen in betrieblicher Gesundheitsförderung zusammen. Mit Mutter Ulrike, einer Heilpraktikerin, bietet sie überwiegend im süddeutschen Raum Gesundheitsseminare an. Kursinhalte: Von Yoga und Qigong-Übungen über Meditationen zu Ernährungsberatung. Diese Angebote sind im Moment bei den Kunden sehr gefragt, schildert Patricia Kirchner. Ehemals exotische Übungen gehören mittlerweile zum modernen Gesundheitsbewusstsein. Überwiegend Frauen lassen sich davon ansprechen, Männer haben eher Vorbehalte. Aber: "Der Männeranteil wird um einiges größer. Sie werden offener", sagt Patricia Kirchner.
Das Thema Gesundheit ist breit in der Wirtschaft verankert, die Unternehmen wissen, dass Krankheitstage teuer sind, sagt Oliver Freitag, Fachkraft für Arbeitsschutz bei der IHK Mainfranken. Gleich ob gesetzlich vorgeschriebener Arbeitsschutz, ein professionelles Gesundheitsmanagement oder kleine Fördermaßnahmen wie bei der Raiffeisenbank. "Das machen nicht nur große Konzerne. Alle Unternehmen, egal ob groß oder klein tragen ihr Scherflein bei", meint er. Die Größe eines Betriebes sei kein entscheidender Faktor. Auch kleine Unternehmen können unbürokratische Einzelmaßnahmen umsetzen. "Es ist eine Frage der Einstellung und des Wollens", sagt Freitag.


Mehr Mitarbeiter dopen sich fit

Die DAK betont, dass neben dem äußeren Druck am Arbeitsplatz übertriebene Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit problematisch sind. Die Autoren des Gesundheitsreports sehen zwar die Mehrheit der Arbeitnehmer auf einem guten Weg, mit Stress umzugehen. Aber: "Knapp drei Millionen Deutsche haben verschreibungspflichtige Medikamente genutzt, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder um Stress abzubauen", schreibt die Krankenkasse. Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten oder unsicherem Arbeitsplatz seien Risikogruppen für den Medikamentenmissbrauch.

Der Anteil der Arbeitnehmer, die sich fit dopen, ist laut Studie in den letzten sechs Jahren von 4,7 auf 6,7 Prozent gestiegen. Es handle sich damit noch nicht um ein Massenphänomen. Den Anstieg wertet die Krankenkasse dennoch als Alarmsignal.