"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Natürlich - möchte man sagen - beginnt ein Text, der sich mit Antoine de Saint-Exupérys Märchen "Der kleine Prinz" befasst, mit diesem Satz.
Es ist die wohl bekannteste, meist zitierte Aussage aus der Erzählung von dem kleinen Prinzen, dem sich ein in der Wüste notgelandeter Flieger plötzlich und unerwartet gegenüber sieht und den er im Lauf einer langen Unterhaltung lieb gewinnt. Der Fuchs, den das kleine Kerlchen gezähmt, das heißt: "sich vertraut gemacht" hat, hat ihm diese Weisheit mitgegeben. Und seither wird die Weisheit weiter vererbt; tagtäglich sicher einige hundert Male. Ihr sprachliches Kleid hat sich dadurch abgenutzt; seine Farben sind verblasst. Man mag schon gar nicht mehr so recht hinschauen.
Die Weisheit selber ist deshalb nicht weniger wert, die Aussage nicht minder be- oder überdenkenswert.
Gerade darum ist es so schön, wenn sie von Zeit zu Zeit in einem außergewöhnlichen Rahmen wiederholt wird; nicht heraus gerissen aus ihrem Umfeld und zudem eingebettet in schöne Bilder. Einen solchen Rahmen bot die Bühnenfassung des "Kleinen Prinzen", mit der das Velvets Theater Wiesbaden am Freitagabend im Bad Kissinger Kurtheater zu Gast war. Das war eine ansprechende Einrichtung für Schwarzes Theater und eine liebevolle Inszenierung mit sich an Exupérys Zeichnungen orientierender Ausstattung. Eine wirklich bezaubernde Sache.
Exupéry entschuldigt sich in der Vorrede zu seiner Erzählung bei den Kindern, dass er das Buch einem Erwachsenen widme. Die literarische Vorlage ist trotzdem zu einem Klassiker (auch) der Kinderbücher avanciert; mehr noch ist die Bühnenversion der Velvets eine Wunderwelt, die Kinder mindestens so fasziniert, wie sie die Erwachsenen anrühren kann. Nicht nur, weil sich hier ganz prosaisch bewahrheitet, was der Fuchs ausspricht: Nirgends ist es augenscheinlicher als hier, dass es manchmal gut ist, wenn das Wesentliche - oder besser: das Nicht-Unwesentliche - für die Augen unsichtbar bleibt. Denn die Illusionen, die Saint-Exupéry beschreibt und zeichnet, werden verstärkt durch die Illusionen, die unsichtbare Akteure im Schwarzen Theater herauf zu beschwören vermögen.

Spiel mit Emotionen

Das Ensemble des Velvets Theaters hat die Gabe, die Figuren mit Pappmaché-Köpfen so zu führen, dass sie wirklich lebendig werden. Bei den großen Leuten mit ihren großen Köpfen - dem Geographen, dem König, dem Säufer zum Beispiel - ist das schon beachtlich. In ihren Gewändern allerdings steckt immerhin noch ein Schauspieler, der sich frei bewegen kann.
Besonders verwunderlich ist es bei den kleinen Figuren: dem schwermütigen Laternenanzünder, dem liebenswert zotteligen Fuchs oder der lockend tänzelnden Schlange. Und ganz besonders erstaunlich ist es beim kleinen Prinzen, den Sandra Kiefer zum Leben erweckte. Obwohl das niedliche Figürchen, ein Sympathieträger von der ersten Sekunde an, in Wahrheit keine Miene verziehen kann, führte sie die Figur doch so ausdrucksstark, dass mitunter sogar der Blick der verträumten kleinen Puppe sich zu verändern schien. Das war ein Spiel, das Emotionen weckte.
Das Figürchen brachte die kleinen und großen Zuschauer mit seiner Einfalt zum Schmunzeln, ließ sie lachen mit seiner verblüffenden, kindlichen Logik, rührte sie an, wenn es sich liebevoll an den Fuchs kuschelte und ihm über das Fell strich, und sorgte am Ende des Stückes gar dafür, dass das eine oder andere Taschentuch gezückt wurde.
Eine gelungen sichtbar gewordene Illusion stellte auch deren Zusammenspiel mit dem einzig nicht maskierten Schauspieler, dem notgelandeten Flieger, dar. Lars Ceglecki war in dessen Rolle geschlüpft. Er zeigte den Zuschauern einen jungenhaft sympathischen Erwachsenen, der, erstaunt von der Erscheinung des so andersartigen kleinen Prinzen und oft entwaffnet von dessen argloser Geradlinigkeit, selber nur mit spontaner Naivität reagieren kann. Eine natürliche Art, die vor allem Kinder gut nachvollziehen können und die sie eingenommen macht von der Figur.
Kinder waren übrigens reichlich vertreten im Zuschauerraum des proppenvollen Bad Kissinger Kurtheaters. Sie erlebten eine in jeder Hinsicht fantastische Aufführung, deren Ideenreichtum (hier sei beisepilhaft nur die Darstellung des "Echos" als Berge aus weißen Streifen, die sich im folgenden Bild in Eisenbahnschienen verwandelten, genannt) im Augenblick erfreute und nachhaltig beeindruckte.