"Ich hoffe und wünsche, dass ich mit dieser Arbeit, die viele Nerven gekostet hat, das erreiche, was mir wichtig war: dass die Gefallenen nicht in Vergessenheit geraten; dass man sie vielleicht in jetzt lebenden Nachkommen erkennen kann." So fasste Helmut Schuck, Altbürgermeister von Steinach und Bad Bocklet, seine Ausführungen zusammen.
Zuvor hatte er sein Buch "Wir werden Euch nie vergessen" vorgestellt, hatte von den der ersten Idee und dem langen Prozess ihrer Umsetzung erzählt. Gut 30 Interessierte waren gekommen. "Ich freue mich, dass es solche Resonanz gefunden hat."

Viele haben Schuck geholfen, das Material für das Buch, in dem er die Kriegstoten der Pfarrei Steinach namentlich und - fast vollständig - mit Fotos vorstellt, zusammenzutragen. Der Titel des Bändchens ist ein Versprechen, das an der Kriegsgedächtniskapelle in Steinach prangt. Von ihrer Errichtung 1945/ 46 erzählte Schuck an diesem Nachmittag. Und immer wieder machte er, spürbar bewegt, deutlich, wie wichtig ihm dieses Gelöbnis ist. "Erinnern kann man sich nur an etwas, das man gekannt hat oder vor sich gesehen." Dieser Gedanke war für ihn Anlass, das Buch zu verfassen. "In Steinach hatten ganz wenige Leute Bilder." Anderswo taten sich wahre "Fundgruben" auf, erzählte der Autor. Und wichtig waren die sieben ältesten Bürger der Gemeinde, die er immer wieder befragen konnte. "Alle sind nahe an 90 Jahren, zwei sogar darüber", sagte Schuck. "Aber alle sind bei klarem Verstand. Danke für Eure Mithilfe!"

Mit 17 Jahren eingezogen

Einer der Helfer war Rudolf Heinrich aus Hohn, dem Schuck viele alte Bilder von Steinacher Bürgern vorgelegt hatte. "Bei vielen wusste er nicht, wer auf den Fotos zu sehen war", erzählt der 1924 Geborene. "Ich hatte oft Sterbebilder; damit konnte er die Namen erfahren." Und an manchen erinnerte sich Heinrich auch. "Hohn mit 200 Einwohnern - da kannte jeder den anderen." Er war mit 17 Jahren eingezogen worden, war in Stalingrad und kam verwundet zurück. Er geriet nicht in Gefangenschaft; ein Vorgesetzter schrieb ihm einen Marschbefehl, der ihn von Hammelburg in ein Kissinger Lazarett führen sollte. "Da wusste man noch nicht, dass die Amerikaner schon so weit gekommen waren." Heinrich zog weiter über Bad Bocklet nach Hohn. Als die Amerikaner schließlich dort waren und als es brannte, half er löschen.

Zu 75 Prozent zerstört

Der 8. April 1945 war der Tag, an dem, wie auch Schuck sagt, "der Krieg nach Steinach kam". Schuck hätte an diesem Weißen Sonntag zur Erstkommunion gehen sollen - doch die fiel aus. Nicht nur, weil die Kirche beschädigt war. Nach heftiger Schlacht zwischen deutschen und amerikanischen Soldaten hatten die Amerikaner den Ort eingenommen. Steinach war zu 75 Prozent zerstört. "Blutsonntag" heißt der Tag seither in Steinach.
Susi Scherpf aus Steinach erinnert sich, dass es am Freitag, 6. April, nachts um 11 Uhr, begann und wie die deutschen Nebelwerfer im Windheimer Wald heulten, wie Geschosse im Ort einschlugen und es gebrannt hat. Anders als viele andere im Ort hat sie mit Mutter und Tante im Keller des Hauses gesessen, neben dem ein Panzer stand. Sie weiß noch, dass die Amerikaner sonntags früh um 5 Uhr mit ihren Autos ins Dorf kamen. "Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen, dass die Amerikaner da waren", sagt sie. "Wir waren so erleichtert. Jetzt hörte ja auch die Schießerei auf." An den Lärm denkt sie zurück, an das Feuer. "Es hat noch Monate lang gerochen und gestunken."

Ihr Vater ist einer derer, die nicht heimkamen aus dem Krieg. Seit Februar 1944 ist er vermisst. Bereits 1939 war er eingezogen worden. "Danach war er nur einmal für ein Vierteljahr daheim." Ein Bild von ihm hat sie Helmut Schuck für das Buch gegeben, das sie "sehr wertvoll findet", weil es zu erinnern hilft. "Ich kenne viele der Gefallenen. Ab und zu denkt man an die Leute, aber es rückt in immer weitere Ferne." Mit ihrem Mann kümmert sie sich seit vielen Jahren um die Gedächtniskapelle, hält sie in Ordnung, stellt frische Blumen auf.

Gischa Albert aus Bad Kissingen, die ebenfalls zur Buchpräsentation gekommen war, pflegt ein besonderes Grab an der Kapelle: das des Adam Frank. Eines Steinacher "Kriegstoten" eigener Art. 1942 war Frank, der Jude war, aus Steinach nach Dachau deportiert und dort im August umgebracht worden. "Ein junger Pfarrer, Thurn hieß er, hat dafür gesorgt, dass er hier an der Kapelle beerdigt werden konnte." Es war ein bisschen Widerstand in der Bevölkerung. "Aber er hat sich durchgesetzt", sagt sie.

Helmut Schuck hat ihr die Geschichte erzählt, weil sie das Grab pflegt. Weil sie sich öfter schon mit ihm ausgetauscht hat, ist sie zur Buchvorstellung gekommen. Auch ihr liegt daran, dass niemand vergessen wird. Wie denen, die unter Leitung des Pfarrers Johannes Schilling die Kapelle nach dem Krieg errichteten, unter denen auch Rudolf Heinrich war. "Wir waren an die 100 Leute. Das war eine Harmonie - die sucht man sich." Nun ruft dieser Ort zur Erinnerung an die Kriegstoten auf. "Von Zeit zu Zeit geht es zur Kapelle; da denkt man schon daran."

Vergessen verhindern

Nun haben die, derer man gedenkt, Frauen und Männer, ein Gesicht bekommen. Und nicht nur die Uniformen der Soldaten mahnen. Helmut Schuck, der alles unternommen hat, das Vergessen zu verhindern, sagt: "Ich wünsche uns allen, dass so etwas, wie es damals geschehen ist, nie wieder über unseren Ort und unser Land kommt."