Sonniger Sonntagmorgen unter Kastanien. Der gepflegte Hotelgarten des Kaiserhof Victoria, eingerahmt von repräsentativen Gebäuden der "Kaiserkur"-Zeit und Jugendstilfenstern des Salons. Einen Secco oder Frankenschoppen geordert und dann, angekommen am Platz auf der weitläufig gestellten Wiese: Maske ab. Erster, wohltuender Glücksmoment.

Vier gepflegt gestylte, sympathische junge Musiker mit in der Sonne blitzenden Instrumenten stürmen das Parkett des Partyzelts und dann füllt das Signum Saxophone Quartet den Garten mit der Klangfülle eines ganzen Orchesters. Mit selten gehörter Intensität dringt ein wahres Füllhorn von Melodien ins Ohr. Mit Instrumenten, die Bach nie gekannt hat, wird ein Klang erzeugt, der spannend anders wiedergibt, was der Meister des Barock vor 300 Jahren für Geigen und Holzbläser geschrieben hat.

Freilich sind Blaž Kemperle, Hayrapet Arakelyan, Alan Lužar und Guerino Bellarosa Könner, die weltweit herausragende Kritiken einfahren. Jeder führt seine Instrumentenstimme eigenständig, aber wie abgestimmt, wie präzise die Melodieführung abwechselt, sich wieder zusammenfügt, wer führt, wer sich zurücknimmt, ist lustvoll zu erleben. Da wirkt das Menuett der Orchestersuite Nr. 1 von Bach heiter, wie hingetupft, die Bourrée zaubert weiche Klänge, die Oboe und Fagott nicht schmelzender bringen könnten.

Auch die Bremerin Tanja Tetzlaff hat Bach mitgebracht. In einem hochmusikalischen Pfarrhaushalt aufgewachsen, studierte sie unter anderem bei Heinrich Schiff am Mozarteum in Salzburg. Ihre Karriere begann bei der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen, dem Kissinger Sommer Festivalorchester, wo sie die Cello Solopartien spielte. Längst hat sie sich auch als Solistin einen Namen gemacht. Mit Bruder Christian, Violine und Lars Vogt, Piano brilliert sie im Trio. Weil sie musikalisch durchaus Grenzen überschreiten will, konzertiert sie gern mit dem Signum Saxophone Quartet.

Sie greift sich das Micro, gibt ihrer Freude Ausdruck, wieder vor Publikum und in so stimmungsvoller Umgebung spielen zu können, kokettiert mit der Sonne, die sich auf ihrem Instrument spiegelt - sie spielt ein Guadagnini Cello von 1776 - und hofft, "dass die Sonne es nicht wegschmilzt".

Und dann fließt "ihr" Bach, die Cellosuite Nr. 3. Sie gibt ihn traumwandlerisch sicher und zupackend, den Fluss nie unterbrechend, lässt sie sich durch Motorradlärm und umfallenden Werbebanner nicht stören.

Im Italienischen Konzert bekommt ihre Bange vor der Sonne doch Sinn, denn hier dominieren schwierige Doppelgriffe und die Sonne hätte für ein verstimmtes Instrument sorgen können, aber zum Glück zieht eine kleine Wolke auf. So wurde Bachs Italienisches Konzert F-Dur zu einem klangschön homogenen Erlebnis, mit kompromissloser Perfektion und selbstverständlicher Leichtigkeit gespielt. Als wäre es tatsächlich so leicht, verbeugt sie sich nach prasselndem Applaus und meint: "So jetzt hole ich wieder die Jungs".

Und die "Jungs" zieht es nach Südamerika. Mit drei Danzas Argentinas von Alberto Ginastera befeuern sie den Tanz des alten Viehtreibers, dessen Pferd aber noch fetzig galoppiert. Von Bass- und Baritonsaxophon lustvoll untermalt auch der "flüchtende Gaucho". Signum kann aber auch ganz anders. Klangmächtig, dabei aber harmonisch fein formulieren sie den "Tanz des anmutigen Mädchens".

Höhepunkt des Vormittags: Heitor Villa-Lobos "schillernder Urwaldvogel aus dem Amazonas", wie sich der 1959 verstorbene Komponist aus Rio de Janeiro nannte und sein bekanntestes Werk, die Bachianas Brasileiras Nr. 5. Hier trifft Bach'sche Systematik auf brasilianische Folklore, und da werden musikalische Gesetze aufgehoben. Intensiv innig hat Villa-Lobos die weite Gesangslinie des Soprans angelegt und die Strenge Bachs mit dem brasilianischen Lebensgefühl des, auf seinen Reisen Melodien aufsaugenden Villa-Lobos, stimmig verschmolzen. Signum gibt das fein abgestimmte Orchester, den Part des Soprans übernimmt, beziehungsweise "singt" wie sie ankündigt, heute aber Tanja Tetzlaff mit ihrem Cello.

Tango ist für Argentinien mehr als Tanz, und so gibt auch Ástor Piazolla seinem "Le Grand Tango" viel Lebensgefühl und Leidenschaft mit. Von Signum und Tetzlaff großartig gespielt und mit einem Grundrauschen der besonderen Art durch auf Schirme fallende Regentropfen untermalt.

Hoteldirektor Mathias Heid hatte der kleinen Wolke misstraut und im Nu vieldutzendfach Schirme vom Servicepersonal verteilen lassen. So konnte das Konzert stimmungsvoll zu Ende gespielt werden. Zuhörer wie Künstler waren selig.