Eigentlich hat Stephan Stoll jetzt Mittagspause. Es ist 12.30 Uhr, die Praxis ist leer, kein Patient sitzt im Wartebereich. Doch Pause machen kann der Arzt noch nicht, er muss erst noch ein paar Rezepte und Verordnungen in Auftrag geben. Das erledigt diesmal Sprechstundenhilfe Martha Rösner mit ihm. Außerdem müssen noch ein paar wichtige Informationen in den Krankenakten hinterlegt werden. Erst dann kann sich der Allgemeinmediziner auf den Weg nach Hause machen, bevor um 16 Uhr die nächste Behandlungsrunde beginnt.
Am Morgen, kurz nach 8 Uhr, hat er seinen ersten Patienten behandelt, gegen 18 Uhr wird der letzte die Praxis verlassen. Hört sich erst mal schrecklich an, ist es aber nicht. "Ich habe einen tollen Beruf", sagt der 50-Jährige.


Neue Kollegin ab 1. September

Umso weniger kann Stephan Stoll verstehen, dass immer noch wenig Mediziner als Hausärzte auf dem Land praktizieren wollen. "Es liegt wohl am schlechten Ruf, der seit Jahren besteht", vermutet er. Viele fürchten sich noch immer vor 60- bis 80-Stunden-Wochen, ständigen Bereitschaftsdiensten und drohenden Regressforderungen der Krankenkassen. Die können Zahlungen auch noch Jahre später zurückfordern, wenn mehr Medikamente oder krankengymnastische Behandlungen verordnet wurden, als im Kostenrahmen zulässig waren.
"Dabei hat sich inzwischen vieles verändert", sagt Stephan Stoll. Doch beim medizinischen Nachwuchs kommt das nicht an. Der spezialisiert sich lieber, bildet sich also zum Facharzt weiter, oder bleibt in der Stadt.


Auch Patienten aus Bad Kissingen

Stoll weiß, wovon er redet. Monatelang suchte er mit seinem Praxispartner Christian Staab einen Arzt, der sowohl im Gesundheitszentrum Bad Bocklet als auch in der Zweitpraxis Burkardroth mitarbeitet. "Glücklicherweise haben wir jetzt jemanden gefunden", sagt Stoll. Ab 1. September wird eine neue Kollegin in der Praxis tätig sein.
Es handelt sich dabei um eine Weiterbildungsassistentin, eine Ärztin in der Fachausbildung zum Allgemeinmediziner. "Das ist zwar nicht ganz das, was wir uns ursprünglich vorgestellt haben", fügt Stoll hinzu. Doch er freut sich auf die neue Kollegin, "die bereits in einer Praxis gearbeitet hat und vieles kann".
Schließlich läuft das Gesundheitszentrum mit Dependance in Burkardroth gut, personelle Unterstützung ist nötig. Eine Zahl, wie viele Patienten von dem aktuell sechsköpfigen Ärzteteam betreut werden, möchte Stoll nicht nennen, bestätigt aber, dass sie überwiegend aus Burkardroth und Bad Bocklet kommen. Inzwischen sind auch etliche Patienten aus Bad Kissingen darunter.
Neben den beiden Praxisinhabern kümmern sich vier angestellte Ärzte um die Kranken. Einer von ihnen ist Rudolf Schikora, der ehemalige Katzenbacher Hausarzt im Ruhestand. Er arbeitet ebenso wie Dr. Joachim Jaitner nur noch stundenweise mit. "Dadurch ist allen Seiten geholfen", so Stoll. Patienten würden weiter von "ihrem" Hausarzt betreut, der wiederum könne sich langsam aus dem Berufsleben zurückziehen.
Der Mediziner sieht diesen Weg jedoch nur als mittelfristige Lösung, um das Problem der fehlenden Landärzte zu überbrücken. Langfristig müssten verstärkt junge Ärzte von dem Beruf überzeugt werden.
Stoll findet es einerseits wichtig, dass ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität in Würzburg geschaffen wird. "Seit Jahren ist die Rede davon, passiert ist aber noch nichts." Andererseits müsste besser kommuniziert werden, wie ein Landarzt heutzutage arbeitet.


Notdienst nur alle drei Monate

"Die Zahl der Notdienste beispielsweise ist stark zurückgegangen", sagt er. Das läge unter anderem daran, dass die Tätigkeitsbereiche stark umstrukturiert und zusammengelegt worden sind. "Wir sind nur noch einmal im Vierteljahr dran."
Zudem ließen sich im Gegensatz zu früher auch Beruf und Familie prima unter einen Hut bringen. Als angestellter Arzt in einer Gemeinschaftspraxis oder in einem medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) beispielsweise gebe es geregelte Arbeitszeiten und keinerlei Praxisverantwortung.
Als weiteres großes Plus seines Berufs als Landarzt nennt Stoll die Abwechslung. Man behandelt auf dem Land alte und junge Leute, auch Kinder. Man hat frische Schürf- oder Schnittwunden, chronische Erkrankungen und vieles andere mehr. "Man kann und muss vieles machen."
Doch Stoll fordert nicht nur, sondern ist mit seinem Praxispartner Christian Staab selbst aktiv, um Nachwuchs zu gewinnen. Ihr Gesundheitszentrum ist seit einiger Zeit akademische Lehrpraxis. "Das heißt, wir bilden Medizinstudenten im neunten oder zehnten Semester aus. Diese dürfen hier mitlaufen, auch Behandlungen unter unserer Aufsicht durchführen", erklärt er. Zwar bedeutet das für die Ausbilder zunächst erst einmal Mehrarbeit, die sich langfristig aber auszahlt. "Wir zeigen schließlich, was die Allgemeinmedizin kann. Sie ist die Basis."


Versorgungsatlas Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns (KVB) ist der Landkreis Bad Kissingen mit Hausärzten überversorgt. Das geht aus dem Versorgungsatlas hervor, der im Februar 2016 erstellt wurde und auf der Internetseite der KVB ersichtlich ist. Burkardroth zählt darin zum Bedarfsplanungsraum Bad Brückenau, Bad Bocklet wird unter Bad Kissingen erfasst.

Versorgungsgrad Im Raum Bad Brückenau gibt es demnach 18 Ärzte - davon sechs weibliche und acht über 60 Jahre alt - für 26 423 Einwohner. Somit liegt der Versorgungsgrad rechnerisch bei 113,6 Prozent. In Bad Kissingen gibt es 39 Hausärzte - davon zehn weibliche und 19 über 60 Jahre alt - für 49 129 Einwohner. Der Versorgungsgrad liegt hier bei 120,4 Prozent.