Es dürfte selten vorkommen, dass sich ein Angeklagter nach dem Urteilsspruch für die ihm auferlegte Strafe bedankt. Doch genau dies geschah kürzlich im Bad Kissinger Amtsgericht, als ein seit über zwei Jahrzehnten in Deutschland lebender Immigrant wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

"Ich habe niemanden geschlagen, ich war zum Zeitpunkt der Schlägerei gar nicht vor Ort", widersprach der aus Bosnien-Herzegowina stammende Handwerker wiederholt höflich, aber bestimmt dem Vorwurf des Staatsanwalts und entsprechenden Zeugenaussagen. Demnach soll er im vergangenen Jahr in einer Sommernacht vor einem Hammelburger Mietshaus während einer Schlägerei unter Nachbarn auf zwei Männer eingeschlagen, beide allerdings kaum verletzt haben. Dennoch kam es zur Anklage, nachdem die Polizei erschienen war.

Er habe sich an diesem Abend dort in der Wohnung von Freunden aufgehalten, schilderte der Angeklagte den Vorfall aus seiner Sicht. Nach einigem Alkoholgenuss habe er das Haus verlassen, habe vor dem Haus die Nachbarn feiern sehen, habe freundlich gegrüßt und sich zum Joggen entfernt. Nach seiner Rückkehr habe er die befreundete Familie völlig aufgelöst in der Wohnung angetroffen. Kurz darauf sei schon die Polizei in der Wohnung erschienen. "Ich kenne die Zeugen gar nicht", gab er sich vor Gericht völlig unschuldig.

Doch mehrere an der damaligen Schlägerei Beteiligte, darunter die beiden Opfer, sagten als Zeugen vor Gericht gegen ihn aus. Einer hatte sogar ein Video der Schlägerei auf dem Smartphone, das er nun der Richterin und dem Staatsanwalt im Beisein des Angeklagten vorführte. Wieder behauptete der Beschuldigte: "Tut mir leid, aber das bin ich nicht." Er sei während der Schlägerei doch gar nicht vor Ort gewesen. Auch die ebenfalls als Zeugin geladene Bekannte des Angeklagten stützte dessen Aussage: "Ich möchte betonen, dass er erst wiedergekommen ist, als alles vorbei war. Er war nicht dabei." Tatsächlich hatte wohl sie selbst mit der Schlägerei vor dem Haus begonnen, nachdem die Nachbarn ihre heranwachsende Tochter als Nutte und - so die Aussage der Tochter - die Familie als Zigeuner beschimpft hatten.

Nach Verlesung der Liste einschlägiger Vorstrafen von Bewährungs- bis zu Freiheitsstrafen wegen Körperverletzung in einem Dutzend Fällen, die bis ins Jahr 2003 zurückreichten und - allerdings in zeitlich größer werdenden Intervallen - erst 2018 endeten, beantragte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von acht Monaten ohne Bewährung. "Der Sachverhalt ist nach glaubhaft und den Vorfall schlüssig wiedergegebenen Aussagen der Zeugen sowie durch das vor Gericht gezeigte Video erwiesen" und die Behauptung des Angeklagten, er sei nicht dabei gewesen, eindeutig widerlegt. Vor allem die Vielzahl einschlägiger Vorstrafen und die "mehrjährige Hafterfahrung des Angeklagten" mache eine Aussetzung zur Bewährung unmöglich.

In seinem "letzten Wort" vor der Urteilsfindung verzichtete der Angeklagte auf nochmaligen Widerspruch, gab sich kleinlaut und bat die Richterin nur noch "von ganzem Herzen um eine Chance" und die Verurteilung nur zu einer Geld- statt zu einer Gefängnisstrafe. "Ich bin erwachsen geworden und will mich um meine Familie kümmern." Seine beiden Kinder seien von ihm abhängig.

Die Richterin hielt die Schuld des Angeklagten ebenfalls in beiden Fällen für erwiesen: "Sie sind es, der mit der Faust ausholt."

Dennoch fällte sie mit einer nur sechsmonatigen Freiheitsstrafe auf zweijährige Bewährung ein milderes Urteil, als vom Staatsanwalt beantragt. Als Bewährungsauflage setzte sie eine Summe von 240 Euro fest, zahlbar über zwei Jahre in monatlichen Raten zu zehn Euro. Die vom Angeklagten erhoffte Geldstrafe sei wegen seiner einschlägigen Vorstrafen nicht infrage gekommen. "Im Gegensatz zum Staatsanwalt sehe ich aber bei Ihnen eine positive Entwicklung." Zu Gunsten des Angeklagten habe gesprochen, dass er seine beiden Opfer nicht ernsthaft verletzt habe und er seine Gastgeberfamilie vielleicht habe beschützen wollen.

Der Angeklagte bedankte sich bei der Richterin für die Bewährungsstrafe und nahm das Urteil sofort an. Bei Verlassen des Gerichtssaals verabschiedete er sich höflich mit den Worten: "Ich hoffe, wir sehen uns nicht wieder."