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Mädchenfussball: Kein Plan für die Zukunft

Der Mädchen- und Frauenfußball bundesweit steckt in der Krise. Wie sieht es aber im Spielkreis Rhön aus und gibt es überhaupt noch eine Chance, einen Spielbetrieb zu etablieren. Mehrere Vereine starten eine Initiative.
Mittlerweile ein eher seltenes Bild im Fußballkreis Rhön: 2019 feierten die Ballbina-Mädchen aus der Großgemeinde Oerlenbach gegen Heustreu ihre Premiere. Es war das erste Spiel einer reinen Mädchenmannschaft überhaupt. Mittlerweile gibt es kaum n...
Mittlerweile ein eher seltenes Bild im Fußballkreis Rhön: 2019 feierten die Ballbina-Mädchen aus der Großgemeinde Oerlenbach gegen Heustreu ihre Premiere. Es war das erste Spiel einer reinen Mädchenmannschaft überhaupt. Mittlerweile gibt es kaum noch Spiele zwischen Mädchenteams aus der Region. Foto: Thomas Sturm

Die Zahlen sind mehr als alarmierend. Der Frauen- und Mädchenfußball bundesweit steckt in einer Krise. Das musste unlängst auch der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Bernd Neuendorf, eingestehen. Über zwei Millionen Jungen und Männern stehen aktuell nur knapp 187.000 Spielerinnen gegenüber. Bis 16 Jahre sind es 103.000 junge Mädchen, die dem runden Leder nachjagen. Wie es im Fußballkreis Rhön aussieht und warum es scheinbar unmöglich ist, Mädchenfußball zu etablieren.

Die Kampagne "Pro Amateurfußball" vom Bayerischen Fußball-Verband (BFV) zielte schon in den Jahren 2010 und 2011 darauf ab, den Mädchen- und Frauenfußball zu stärken. Doch außer umfangreichen Konzepten und Schlagworten ist im Fußballkreis Rhön bisher nicht viel dabei herausgekommen. Jetzt gibt es aber eine Initiative von verschiedenen Vereinen, die sehr vielversprechend klingt.

2018 tastete sich die aktive Spielerin des TSV Ebenhausen, Johanna Bausewein, an den Mädchenfußball heran. Damals noch unter dem Dach der JFG Oberes Werntal, dem Jugendfußballverein in der Großgemeinde Oerlenbach, folgte kurz danach das Projekt "Ballbina kickt". Bis dahin spielte kein einziges Mädchen mehr in den Mannschaften der Ortsteile Oerlenbach, Ebenhausen, Eltingshausen und Rottershausen.

Nachwuchs auch für Frauen nötig

Ein neuer Ansatz musste her, eben auch diese für den Fußballsport zu begeistern. Schließlich gab und gibt es in der Großgemeinde Oerlenbach mit dem TSV Ebenhausen und dem FCE Rottershausen gleich zwei Frauenteams. Nachwuchs muss auch hier her und eben nicht nur für die Herrenteams.

Das Projekt wurde beantragt und die JFG erhielt den Zuschlag. Startpunkt ist ein Schnuppertraining für Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren ohne Vereinszugehörigkeit. Der teilnehmende Verein bekommt vom BFV eine Materialbox mit Trainingsutensilien wie Bälle und Hütchen. Zwei Mal im Monat muss trainiert werden und die Übungsleiter müssen ein Mal pro Saison an einer BFV-Schulung teilnehmen. Für die Trainer gibt es sogar ein Honorar vom Verband. 25 Euro pro Training, aber nur maximal 50 Euro im Monat. Also unterm Strich doch ein paar Anreize für Vereine, den Schritt Mädchenfußball zu wagen.

Die JFG hatte damals einen Volltreffer gelandet und relativ schnell über 30 Mädchen aus der Großgemeinde und anliegenden Ortschaften motiviert. Bis aus Ramsthal und Sömmersdorf strömten die Mädchen nach Ebenhausen. Schnell musste Johanna Bausewein Unterstützung suchen, denn mit 30 Mädels auf dem Platz ist kein vernünftiges Training möglich. Sie wurde in Sina Zwirlein fündig, die ebenfalls aktiv kickt und nun mit zum Trainerteam gehört.

Damals gab es mit der DJK Weichtungen und dem TSV Heustreu noch zwei weitere Vereine, die das Projekt forcierten. Da waren schnell auch Testspiele vereinbart und beim Tag des Jugendfußballs 2019 feierten die "Ballbinas" Premiere. Beim Spiel damals gegen Heustreu setzte es eine 1:5-Niederlage. Kurz davor fand das erste Spiel einer reinen Mädchenmannschaft überhaupt statt. Gegen Weichtungen reichte es damals aber auch nur zum Ehrentreffer.

Das tat der Stimmung aber keineswegs einen Abbruch und die Mädels trainierten weiter fleißig. Dann kam Corona und der Trainings- und Spielbetrieb ruhte. Aber Johanna Bausewein und Sina Zwirlein konnten nicht ohne ihre Mädels und richteten über Facebook den "Ballbina-Kanal" ein. Mit Trainingseinheiten daheim sollten die Mädchen bei Laune gehalten werden und das gelang auch. Der Re-Start glückte und wieder tummelten sich rund 30 Mädchen beim Training.

"Ballbina"-Projekt ist ausgelaufen

"Wir haben aber aktuell keinen Plan, wie es weiter gehen soll", sagt Johanna Bausewein. Das Projekt ist ausgelaufen und auch die anderen Teilnehmer wie Weichtungen und Heustreu konnten kein Mädchenteam dauerhaft im Spielbetrieb auf die Beine stellen. Auch wenn es dem TSV Ebenhausen gelingen würde: Es gibt im Fußballkreis Rhön keinen Mädchen-Spielbetrieb in dieser Altersgruppe mangels Masse.

Die TSG Bastheim stellt eine U17-Mädchenmannschaft im Spielbetrieb und auch die SG Thulba meldet wohl wieder eine U17, allerdings nur als Sieben-gegen-Sieben oder Neun-gegen-Neun und nicht aufstiegsberechtigt. In der SG sind Thulba, Hammelburg, Sulzthal, Obererthal, Langendorf und Schondra zusammengefasst.

Das Dilemma ist enorm, denn ohne Spielbetrieb werden die Mädchen Stück für Stück dem Fußball verloren gehen und somit auch später den Frauenmannschaften fehlen. Im ganzen Fußballbezirk Unterfranken ist aktuell kein weiteres Ballbina-Projekt gemeldet, so die Antwort aus der BFV-Zentrale in München. Es gibt zwar für Mädchenteams Spiele in Turnierform, aber nur bei Mannschaften, die am Spielbetrieb teilnehmen. Die anderen gehen mehr oder weniger leer aus, weil auch die Informationen wohl nicht immer gut fließen.

Kontrovers diskutiert wird immer noch, ob man das Einstiegsalter für die Frauenmannschaften von 17 auf 14 Jahre senkt. "Das würde zwar kurzfristig nicht helfen, aber eben auf längere Sicht", sieht Weichtungens Abteilungsleiterin Franziska Kilian durchaus Vorteile. Anderer Meinung ist dagegen die Trainerin der Frauenmannschaft aus Bastheim, Manuela Kraus. "Die körperlichen Unterschiede sind zu groß", meint sie.

Noch weniger Frauenteams

Für die Zukunft sehen allerdings beide die Gefahr, dass es noch weniger Frauenteams im Fußballkreis Rhön geben wird. Die kürzlich neu gewählte Bezirks-Frauen- und Mädchenausschuss-Vorsitzende, Yvonne Söser, hält die Situation ebenfalls für schwierig. Die Frauenteams aus Bischofsheim und Herbstadt haben sich zur neuen Saison sogar von der Bezirksoberliga in die Kreisliga zurückversetzen lassen.

Die bestehenden Konzepte klingen auf dem Papier hervorragend; doch an der Umsetzung vor Ort hapert es gerade in der Rhön gewaltig. Das haben auch einige Vereine verstanden und starteten vor kurzem selbst mit einer Initiative, den Mädchenfußball voranzutreiben. Zwischen vier und fünf Klubs wollen dem Nachwuchs regelmäßige Spielmöglichkeiten in Form von Freundschaftsspielen oder sogar Turnieren bieten. Die Kontaktdaten sind schon ausgetauscht und eine Whatsapp-Gruppe gegründet. "Vielleicht können wir schon im September damit starten", hofft ein Teilnehmer.

Eben nur den Mangel zu verwalten, reicht halt nicht mehr, sind sich alle einig. Ob der kürzlich neu gewählte BFV-Präsident, Christoph Kern, hier schnell Abhilfe schaffen kann, bleibt abzuwarten.

Für die rund 30 Mädels in Ebenhausen sieht es indes eher nicht so rosig aus. Ob sie sich noch zwei oder drei Jahre nur mit Training zufrieden geben, ist ungewiss. Nur im Wettbewerb mit anderen Mannschaften werden die Mädchen besser werden können, ist sich auch Johanna Bausewein sehr sicher.