Der Abschluss der rundum gelungenen Aufstiegs-Saison 1996/97 hätte mit dem 6:0-Erfolg beim TuS Röllbach nicht besser sein können für die Kickerinnen des TSV Oberthulba. Mit ihren drei Treffern zum 4:0, 5:0 und 6:0 schraubte Goalgetterin Alrun Heilmann (heute: Albert) ihre Saisonbilanz auf stolze 52 Treffer - seinerzeit eine einmalige Bilanz im unterfränkischen Frauenfußball. "Ich war damals eine der jüngsten Spielerinnen in einer Mannschaft mit vielen guten und erfahrenen Kickerinnen aus der Region Bad Kissingen und Hammelburg. Auch aus dem eigenen Nachwuchs kamen immer wieder gute Spielerinnen nach", erinnert sich Alrun Albert. In den Folgejahren glänzte der TSV auch in der Bezirksliga und landete meistens auf den vorderen Plätzen.

Über die gesamte Spielzeit 1996/97 hinweg hatte sich das Team von Übungsleiterin Beate Stoll als sehr stabil, konstant und torgefährlich erwiesen. Bis auf wenige Wochen rangierte der TSV Oberthulba immer auf dem Platz an der Sonne. Die Trainerin hatte das Amt von ihrem Vater Horst Stoll übernommen, der sich über viele Jahre um die Entwicklung des Frauenfußballs verdient gemacht hatte. Der Hassenbacher starb im August vergangenen Jahres nur kurz vor seinem 80. Geburtstag. Auch wenn Horst Stoll im Meisterjahr nicht mehr offiziell als Trainer in Funktion war, so verfolgte er das Team dennoch auf seinem weiteren sportlichen Weg. Die Tochter setzte seinerzeit voll auf den Spaß am Fußball und ließ sich auch durch ein paar vermeidbare Ausrutscher in Alzenau (2:2), Arnstein (4:4) oder in Schondra (1:1) nicht aus der Ruhe bringen. Teamgeist und lockere Atmosphäre waren Trumpf beim Frauenteam des TSV Oberthulba.

Pioniere des Frauenfußballs

Der TSV Oberthulba, der heute keine vereinseigene Frauenmannschaft mehr am Start hat, gehörte im Landkreis Bad Kissingen zu den Pionieren des Frauenfußballs. Eugen Freiberg gründete im Jahr 1983 das erste Team, das noch in einer "wilden" Liga unterwegs war. Ein Jahr später übernahm Horst Stoll, ab 1987 nahmen die Frauen an regulären Verbandsspielen teil. Schnell stellte sich der sportliche Erfolg ein. In der Saison 1989/90 folgte mit der Meisterschaft in der Kreisliga der erste Aufstieg in die unterfränkische Bezirksliga. Wahrlich keine Selbstverständlichkeit im beschaulichen Markt.

Erste Engpässe

Nach dem Titel in der Bezirksliga verzichtete der Verein freiwillig auf den Aufstieg in die damalige Verbandsliga. "In der Verbandsliga hätten wir bis nach Nürnberg fahren müssen, das war den Spielerinnen dann doch zu weit", blickt Alrun Albert zurück. Die Titelverteidigung klappte in der darauffolgenden Saison zwar nicht, dafür schossen die TSVlerinnen erstaunliche 109 Tore, um letztlich auf dem dritten Tabellenplatz zu landen. Viel Pech klebte den Spielerinnen von Beate Stoll an den Kickstiefeln, was einen erneuten Titel verhinderte. Und allmählich musste sich die Trainerin immer wieder mit kleineren Personalsorgen beschäftigen, denn gestandene Spielerinnen aus der Meistersaison hängten nach und nach ihre Kickstiefel an den Nagel. So auch Susanne Höffner, für die das "Meisterspiel" in Röllbach im Jahr 1997 ihr persönlich letztes Match war. "Ich war damals durch und durch Fußballerin und Sportlerin. Für mich war wichtig, was direkt auf dem Platz passiert. Das Drumherum hat mich immer wenig interessiert", blickt Susanne Höffner zurück. "Aber der Fußball hat natürlich auch viele Freundschaften hervorgebracht. Spielerinnen haben sich auch außerhalb der Platzes in ihrer Freizeit getroffen. Bis heute sind Teammitglieder aus der Meistermannschaft enge Freundinnen geblieben und treffen sich immer noch gerne", so Höffner.

Respekt und Anerkennung

In einer Zeit, als der Frauenfußball längst noch nicht von allen männlichen Kollegen ernst genommen worden ist, verschaffte sich das Frauenteam des TSV Oberthulba mit seinen sportlichen Erfolgen im Landkreis Respekt und Anerkennung. Und doch musste auch das Meisterteam aus dem Jahr 1997 nach und nach damit fertig werden, dass Spielerinnen ihr fußballerische Karriere zugunsten der Familiengründung beendeten. Obwohl es rein sportlich gesehen über viele Jahre extrem gut lief für das Frauenteam des TSV Oberthulba, trennten sich die Kickerinnen um die Jahrhundertwende herum nach vereinsinternen Differenzen von ihrem Gründungsverein.

"Beim TSV Oberthulba spielte die Herrenmannschaft natürlich immer eine sehr wichtige, eine dominierende Rolle. Ohnehin hatte der Frauenfußball damals noch nicht so viel Aufmerksamkeit und es gab kaum Publikumsinteresse oder Sponsoren. Und so suchten sich die Fußballerinnen kurzerhand einen neuen Verein. Der benachbarte SV Alberthausen nahm schließlich die gesamte Frauenmannschaft auf", berichtet Alrun Albert. Dass die Wahl auf den SV Albertshausen fiel, lag nach Auskunft von Albert vor allem daran, dass die Frauenmannschaft einen Verein suchte, der möglichst irgendwo in der Mitte zwischen Bad Kissingen und Hammelburg liegt. "Aus beiden Städten waren immer sehr viele Spielerinnen aktiv und natürlich wollten die dann nicht so weit zum Training oder zum Heimspiel fahren."

Spielgemeinschaft mit Nüdlingen

Bis heute ist die Frauenmannschaft des SV Alberthausen, mittlerweile in einer Spielgemeinschaft mit der DJK Nüdlingen, in der Bezirksliga aktiv. "Der Vereinswechsel von Oberthulba nach Albertshausen verlief damals nahtlos. Die Mannschaft blieb zusammen und spielte fortan eben einfach unter einem anderen Vereinsnamen weiter", weiß Alrun Albert. Insofern müsse man die Geschichte des Frauenfußballs in Albertshausen als eine Fortführung der sportlich erfolgreichen Zeit in Oberthulba sehen. "Der Wechsel des Vereins war eine logische Folge aus ganz verschiedenen Entwicklungen. Nachkarten will da heute aber niemand mehr", sagt Alrun Albert rückblickend. Nur einmal gelang es der Torjägerin übrigens, mehr als 50 Treffer in einer Saison zu erzielen. "Später war ich zwar immer wieder knapp davor, aber die magische Grenze von 50 habe ich dann nie wieder knacken können."

Titel ohne Aufstieg: Stolze 18 Siege in 22 Partien und nur eine einzige Niederlage (gegen Prosselsheim). 98 Treffer bei lediglich 26 Gegentoren. Die sportliche Bilanz der TSV-Frauen aus Oberthulba in der Meistersaison 1996/97 fiel wahrlich prächtig aus. Und doch war es am Ende eine ganz enge Kiste in der unterfränkischen Frauen-Bezirksliga, denn die torgefährlichen Fußballerinnen aus Alzenau landeten mit nur zwei Punkten weniger auf der Habenseite knapp hinter den Meister-Kickerinnen aus Oberthulba. Auf den Aufstieg in die Verbandsliga sollte das Team aber freiwillig verzichten. Wenige Jahre später suchten sich die Kickerinnen kurzerhand einen neuen Verein und wechselten gemeinsam ins benachbarte Albertshausen.

Getrennte Wege: Während die TSVlerinnen in dieser Zeit einen sportlichen Höhenflug erlebten, endete der gemeinsame Weg mit den DJKlerinnen aus Schondra, die sich als langjährige Lokalrivalinnen 1997 aus der Bezirksliga verabschiedeten und den aktiven Spielbetrieb vorerst beendeten, weil bei einigen Frauen die Familienplanung in den Vordergrund rückte. Über Jahre hatten die Oberthulbaerinnen in leidenschaftlich geführten Lokalderbys die Klingen mit den Schondraerinnen gekreuzt.