Das Ehrenamt im Landkreis hat viele Facetten. Das kam beim Regionalforum für den Norden des Landkreises deutlich zum Vorschein. Mehr als 60 ehrenamtlich tätige Personen brachten dabei ihre Vorstellungen und Wünsche ein. Bei der Vorstellungsrunde wurde eines klar: Die meisten, egal ob kirchlich, sportlich, kommunal oder sozial aktiv, sind in mehreren Ehrenämtern tätig.
Die Bandbreite der Teilnehmer spiegelten Tobias Breitenbach, einer der Jungen bei den Georgi-Bläsern, und Hildegunde Fuchs, Vorsitzende des Bad Brückenauer Frauenbundes, wider: "Wir bilden die Jugendlichen zwei bis drei Jahre an einem Instrument aus und dann sind sie weg", berichtete etwa Breitenbach als Vorstandsmitglied der Georgibläser und beklagte die Dienstleistungsmentalität. Andererseits betonteer aber dennoch den Spaß und die Selbstbestätigung des gemeinschaftlichen Musizierens.
Frauenbund-Chefin Hildegunde Fuchs sieht einen Generationskonflikt in ihrem Verein: "Wir waren bisher stark überaltert, jetzt haben wir eine neue Gruppe junger, engagierter Frauen und bringen uns nur schwer auf einen Nenner. Sei es bei für alt und jung attraktiven Themen oder den Terminen für Veranstaltungen, Alt mag abends nicht mehr, Jung kann tagsüber noch nicht".
Die Sinnhaftigkeit mancher Vereine - allein in Bad Brückenau selbst gibt es gut 70 registrierte Vereine - wurde von manchem in Frage gestellt. Stellvertretend für veile andere Vorsitzende berichtete etwa Christa Hornung, Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Oberleichtersbach, von erheblichen Nachwuchsproblemen.
An sechs Diskussionstischen trafen sich die Teilnehmer in wechselnden Zusammensetzungen, um über ehrenamtliches Engagement vor Ort und die Zukunft des Ehrenamts im Landkreis zu diskutieren. Das Ergebnis der Diskussionsrunden wurde zu einer Schautafel zusammengefasst, an der jeder Teilnehmer seine Wertigkeit markieren konnte. Hier wurde nochmals deutlich, dass es vor allem der Bürokratismus ist, der das Ehrenamt und somit die Vereinsarbeit erschwert und teilweise, insbesondere bei Festveranstaltungen gar lahm legt. Die Verantwortungslast der Vorstände durch Haftungsfragen wird immer größer.
Als Ergebnis wird vor allem die noch stärkere Zusammenarbeit der Vereine angeregt, ebenso wie die Einrichtung von Koordinierungsstellen, insbesondere um den Bürokratismus einzudämmen und weiterhin wie an diesem Abend "Austausch" zu ermöglichen.
Reinhilde Beck vom Frauenbund zeigte sich nach der Veranstaltung zufrieden: "Es hat sich gelohnt und hat Spaß gemacht. Ich konnte mich gut austauschen." Hans-Dietrich Unger, pensionierter Schuldirektor: "Ich bin unbeleckt aus Neugierde gekommen, ich habe momentan kein Ehrenamt, könnte mir aber vorstellen in Bad Brückenau zukünftig der KuKo zu werden. Wir haben reichhaltige Kultur hier, die darauf wartet ehrenamtlich stärker koordiniert zu werden."
"Aus unserer Sicht war die Veranstaltung wieder sehr gelungen. Sehr zufrieden waren wir mit der Teilnehmerzahl", sagte Christina Flurschütz vom betreuenden Institut für soziale Arbeit in Nürnberg (ISKA) nach der Veranstaltung. Die Anwesenden hätten sich auf die Diskussionsrunden eingelassen, rege kommuniziert und ihre Ideen, Anregungen und Wünsche eingebracht. "Ich hatte den Eindruck, dass gerade der Austausch untereinander als wertvoll empfunden wurde. Man kennt sich zwar, aber dennoch äußerten viele Teilnehmer, dass man im Kontext seines Engagements kaum Kontakt hat. So wurde auch der Wunsch geäußert, die Zusammenarbeit der Vereine untereinander zu intensivieren."
Interessant ist laut Flurschütz auch, dass es in Bezug auf den Bedarf an Ehrenamtsangeboten einen Unterschied zwischen Stadt und Land gibt. "Wie die Gewichtung der zentralen Ergebnisse zeigt, ist es den Bürgerinnen und Bürgern besonders wichtig, dass es bei den bürokratischen Hürden Erleichterungen gibt, zum Beispiel Vorschriften bei Festen." Und: "Die Anerkennungskultur spielt eine große Rolle. Die Engagierten wünschen sich eine angemessene Würdigung ihres Engagements, sei es durch die Öffentlichkeit, den Landrat oder in den eigenen Reihen."
Außerdem werde eine Anlaufstelle zu Fragen rund um das Thema Ehrenamt gewünscht. Eine solche Servicestelle soll spätestens Anfang 2013 im Landratsamt Bad Kissingen ihre Arbeit aufnehmen und die Anregungen der insgesamt vier Foren praktisch umsetzen und so dem Ziel des Projekts "Netzwerk Bürgerengagement" näher zu kommen, Hilfestellungen und Unterstützung anzubieten, um das Ehrenamt vor Ort zu stärken und auszubauen.
Landrat Thomas Bold und Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (beide CSU) hoben den Stellenwert des Ehrenamts in Landkreis und Kommunen deutlich hervor. Trotz demographischem Wandels seien die Institutionen auf das Ehrenamt angewiesen, zur Wahrung der allgemeinen Lebensqualität und um die Grenzen der Handlungs- und Leistungsfähigkeit weit genug zu halten. Zum Forum waren auch mehrere Bürgermeister aus dem Altlandkreis gekommen, um aus erster Hand zu erfahren, wie es so läuft im Ehrenamt mit all seinen positiven und negativen Seiten.
Stellvertretend für alle Bürgermeister betonte Meyerdierks den unbezahlbaren Wert der ehrenamtlichen Arbeit. Sie hofft, die Wertigkeit der unentgeltlichen Arbeit zu steigern, um nicht in Gefahr zu laufen, den Sozialstaat auf kommunaler Ebene auszutrocknen. Unter dem Motto "Den Helfern helfen" wünscht sie sich neue Strukturen durch die Initiative des Landkreises.