Seit 1. März ist Gerhard Kallert Präsident des Polizeipräsidiums Unterfranken. Kallert ist 56 Jahre alt, hat viele Jahre in Dienststellen im ländlichen Raum in Mittelfranken gearbeitet und war von 2011 bis 2015 Polizeivizepräsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Im Interview spricht er über die Sicherheit in den Flüchtlingsunterkünften, die Personalsituation in Unterfranken und die Angst der Menschen vor dem Fremden.

Herr Kallert, aktuell kommt es in Deutschland zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Asylbewerbern. Wie sicher sind die Unterkünfte in Unterfranken?
Gerhard Kallert: Wir schützen Flüchtlingsunterkünfte genauso wie alle andere Einrichtungen auch. In den Plänen, wann und wo Streifenwagen fahren, ist jede einzelne mit aufgeführt.

Nun kümmert sich die Polizei nicht nur um die Sicherheit der Unterkünfte, sondern unterstützt auch die behördliche Arbeit bis hin zur Abschiebung abgelehnter Asylbewerber. Wann ist die Belastungsgrenze für die Polizei erreicht?

Die zusätzliche Belastung ist erheblich, aber zur Zeit noch zu bewältigen. Allein im Bereich der Sammelabschiebungen mussten seit Mitte April diesen Jahres rund 1370 Mannstunden geleistet werden. Dies entspricht in etwa zwei Beamten im Jahr.

Das ist viel.
Für eine kleine Polizeiinspektion wie Bad Brückenau sind zwei Beamte viel, da haben Sie Recht. Für den Gesamtbereich Unterfranken sieht dies anders aus. Man muss das im Verhältnis sehen. Wenn ich mir anschaue, wie viele Stunden wir zum Beispiel für Einsätze zu Fußballspielen einsetzen, da kommt man auf ganz andere Summen.

Ist die Personalsituation in Unterfranken denn stabil?

In diesem Jahr hatten wir unterfrankenweit 105 Abgänge. Dafür sind insgesamt 103 Kollegen dazu gestoßen.

Das macht ein Minus von zwei Beamten...

Nun, mehr könnten es immer sein. Ich möchte aber dazu sagen, dass Unterfranken heuer von allen Regierungsbezirken in Bayern die meisten Beamten zugeteilt bekommen hat.

Noch einmal zurück zur Sicherheit in den Unterkünften. Vor zwei Wochen gab es einen Vorfall in Bad Bocklet, bei dem ein halbes Dutzend Streifen vorfuhren. Am nächsten Tag meldete die Polizei eine Lappalie. Manche Leute macht das misstrauisch.
Es ist so: In Flüchtlingsunterkünften kommt es schnell zu einer Solidarisierung. Bis die Streife vor Ort sind, haben sich oft schon Menschenmengen versammelt, es kommt zu Handgemenge. Auf dieses Szenario wollen wir vorbereitet sein. Nur weil viele Fahrzeuge kommen, heißt das also nicht, dass etwas Schlimmes passiert ist.

Wie hoch ist der Anteil an Straftaten bei Asylbewerbern?

Für das laufende Jahr haben wir in ganz Unterfranken bereits 37.098 Straftaten registriert, davon wurden 890 von Asylbewerbern begangen. Wobei ich dazu sagen muss, dass hierbei nur die sicherheitsrelevanten Straftaten erfasst sind. Ein Beispiel: Wenn ein Asylbewerber bei der Einreise gegen ausländerrechtliche Bestimmungen verstößt, weil er zum Beispiel keinen Pass mehr hat, dann ist das ja nicht kriminell, auch wenn es strafrechtlich verfolgt wird.

Welche Delikte sind besonders häufig?
Wir haben vor allem Delikte in den Bereichen Ladendiebstahl, Leistungserschleichung und Körperverletzung. Ladendiebstähle waren es heuer zwischen 250 und 270, was die Flüchtlinge angeht. Das klingt jetzt auch wieder viel. Im Vergleich: In ganz Unterfranken hatten wir bisher 2129 Fälle von Diebstahl.

Lassen sich diese Zahlen auch für den Landkreis Bad Kissingen benennen?
Natürlich. Seit Januar haben wir im Landkreis Bad Kissingen 2233 Straftaten registriert, davon wurden 71 von Flüchtlingen oder Asylbewerbern begangen.

Und die Abschiebungen? Wie oft ist die Polizei da im Einsatz?
Hauptsächlich führen die Operativen Ergänzungsdienste (OED) Abschiebungen durch. Sie werden aber von Beamten vor Ort unterstützt. In Unterfranken haben die OED in diesem Jahr bereits 194 Abschiebungen durchgeführt. Im Landkreis Bad Kissingen wurden heuer drei Männer, vier Ehepaare und 15 Kinder in ihre Herkunftsländer zurückgebracht.

Trotz aller Information, bei vielen Menschen bleibt die Angst. Woran liegt es, dass sich manche Leute mehr vor den Flüchtlingen vor ihrer Haustür fürchten als davor, zum Beispiel Opfer von Schockanrufern zu werden?
Vielleicht, weil sie das Gefühl haben, die Flüchtlinge nicht kontrollieren zu können. Bei Schockanrufern jedoch denken viele: Das passiert anderen, aber doch nicht mir. Das ist eine Illusion, selbst ich kann diesen Tätern auf den Leim gehen, so gerissen sind sie.

Das Gespräch führte Ulrike Müller.