Die Sinnberg-Grundschule hat sich im Bereich zur Sinnbergpromenade hin in eine Baustelle verwandelt. Für vier Millionen Euro entsteht hier bis 2022 ein zweigeschossiger Anbau, der die bestehende Schule um rund 40 Prozent vergrößert. Die Henneberg-Grundschule soll in den nächsten Jahren sogar komplett neu gebaut und die bestehenden Schulhäuser in Garitz, Arnshausen und Reiterswiesen an einem Standort in Garitz zusammengeführt werden. Die Stadt nimmt für ihre Grundschulen in den nächsten Jahren viel Geld in die Hand. Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) äußert sich im Interview mit der Saale-Zeitung zu den anstehenden Aufgaben im Bereich der Grundschulen, warum er mit der Betreuungssituation bei den Kitas unzufrieden ist und warum die Stadt ihre Brot-und-Butter-Aufgaben besser erledigen muss.

Die Sinnberg-Grundschule wird erweitert, für die Henneberg-Grundschule ist ein Neubau geplant. Zudem hat die Stadt zuletzt den Schulsprengel verändert und Teile vom Einzugsgebiet der Sinnberg-Grundschule der Henneberg-Grundschule zugeschlagen. Ein Vorteil, so hieß es im Stadtrat, sei, dass die Stadt zwei gleich große Schulen bekommt. Gleichzeitig plant die Stadt neue Wohngebiete im Einzugsgebiet der Sinnberg-Grundschule, etwa in der Stögerstraße und der Johann-Phillipp-Geigel-Straße, aber auch in Winkels und Hausen. Ist es da sinnvoll, zwei gleich große Schulen anzustreben? Wird die Sinnberg-Grundschule in den nächsten Jahren nicht zwangsläufig weiterwachsen?

Dirk Vogel: Es geht nicht darum, zwei gleich große Schulen zu haben. Unser Ziel ist es, für die steigende Schülerzahl in Bad Kissingen ausreichend und gute Schulen zur Verfügung zu stellen. Das realisieren wir durch die Erweiterung am Sinnberg und den Neubau in Garitz. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten können wir die Sinnberg-Grundschule nur so erweitern, wie wir es jetzt tun. Deswegen können wir leider nicht allen, für die die Sinnberg-Grundschule näher wäre als die Henneberg-Grundschule, ein Angebot an der Sinnberg-Grundschule unterbreiten.

Die Sinnbergschule ist jetzt elf Jahre alt. Besonders weil sich Kissingen Nord-Ost und die ehemalige Housing-Area der US-Armee in ein attraktives Wohngebiet für Familien verwandelt haben, platzt die Schule aus allen Nähten. Schüler sind seit Jahren in der Außenstelle am Geschwister-Scholl-Platz und in mobilen Containern untergebracht, jetzt wird die Schule das erste Mal erweitert. Da stellt sich die Frage, ob die Erweiterung langfristig ausreicht. Können Sie gewährleisten, dass die Schule in elf Jahren nicht schon wieder erweitert werden muss?

Das weiß ich nicht. Voraussagen über die Zukunft sind in der Regel ungewiss, das wussten schon schlauere Zeitgenossen vor mir. Man nähert sich solchen Herausforderungen in der Regel über mehrere Maßnahmen an. Erstens beobachten wir genau, wie viele Geburten wir haben, wie viele Kinder den Kindergarten oder die Grundschulen aktuell besuchen. Zweitens planen wir bei der Ausweisung neuer Wohngebiete die Auswirkung auf die Nachfrage nach Kita-Plätzen und Schulen. Drittens, und da ist wahrscheinlich die größte Unsicherheit zu konstatieren, gibt es eine schwer prognostizierbare Binnendynamik in Wohngebieten, in denen altersbedingt in den letzten Jahren keine Nachfrage nach Kita-Plätzen bestand. Aber eben nun jüngere Familien eingezogen sind. Da müssen wir in Zukunft durchaus kleinräumlicher den gesellschaftlichen Wandel, auch in den Stadtteilen, beobachten und in die Planungen einbeziehen.

Kommen wir zur Henneberg-Grundschule: Wann werden da die Bagger rollen, wie ist der Zeitplan für den Neubau?

Zunächst einmal eine Anmerkung vorweg: Für mich gehört das Bereitstellen von Kita-Plätzen und Schulen zu den Kernaufgaben einer Stadt, das "Brot-und-Butter-Geschäft" sozusagen. Das müssen wir gewährleisten, ansonsten können wir nicht in Wettbewerb mit Metropolen bestehen, wenn Eltern im ländlichen Raum die gleichen Probleme haben, einen Kita-Platz zu finden. Deswegen ist der Neubau sehr wichtig. Aktuell arbeiten wir mit Hochdruck daran, mit dem Bewilligungsbescheid der Regierung den nächsten Meilenstein zu erreichen. Wenn wir diesen in der Hand halten, werde ich einen Projektplan vorstellen - dann wissen wir auch, wann voraussichtlich die Bagger nicht nur rollen, sondern auch buddeln werden. Vorher ist das leider nicht möglich.

In der Stadt fehlen auch Hortplätze, an denen die mehr als 600 Grundschüler nach dem Unterricht und vor allem auch in den Ferien betreut werden, während die Eltern arbeiten. Lange nicht alle Eltern, die einen Hortplatz brauchen, dürfen erwarten, einen zu bekommen. Wäre ein Neubau der Henneberg-Grundschule nicht ideal, um dort auch einen Hort zu integrieren?

Unter Hort versteht man eine Kindertagesbetreuung von Grundschülern. Die findet in Bad Kissingen in den Kitas und an den Schulen statt. Wir haben heute an den Kitas 60, an den Schulen 235 Plätze (bei den Plätzen an den Schulen gibt es keine Ferienbetreuung, Anm. d. Red.). Bis 2025 müssen wir aber den Rechtsanspruch für Schulkinder im Grundschulbereich umsetzen. Daher sehen wir mit der Theresienspitalstiftung beim Neubau der Kita und auch an der Henneberg-Grundschule Hort-Plätze vor.

Der Kita-Neubau ist ein gutes Stichwort. Bei den Kindergärten ist die Lage ebenfalls sehr drängend. Dass Betreuungsplätze fehlen, ist seit einigen Jahren bekannt, verbessert hat sich trotzdem nicht allzu viel. Kindergärtnerinnen berichten, dass inzwischen Kinder eingeschult werden, die nie eine Kita besucht haben... Wann gelingt hier der große Befreiungsschlag?

Als ich mein Amt begonnen habe, habe ich eine Bereinigungsaktion unseres Systems "Little Bird" durchführen lassen. Das Ergebnis ist "Licht und Schatten". Erfreulich ist, dass rund 73 Prozent, also die Mehrheit, einen Platz bekommt, wenn sie ihn beantragt. Unerfreulich ist, dass es aber 112 unversorgte Kinder zum Stand Ende September 2020 gibt. Teilweise sind die Eltern nicht flexibel genug, da wir ihnen innerstädtisch nur einen Platz anbieten können, der ihnen nicht zusagt. Aber teilweise liegt es auch daran, dass wir schlicht zu wenige Plätze haben. Das ist absolut inakzeptabel - und daran arbeiten wir mit Hochdruck. Im Kindergarten Poppenroth wollen wir bald die Kapazität um 25 Plätze erweitern und sind in enger Abstimmung mit dem Landratsamt. Mit der Theresienspitalstiftung als Bauherr arbeiten wir zusammen, damit dort eine Kindertagesbetreuung mit 118 Plätzen bis voraussichtlich 2023 entsteht. Die brauchen wir auch, denn die Außenstelle des Kliegl-Kindergartens mit 28 Plätzen soll darin aufgehen. Bis wir all diese Maßnahmen realisiert haben, stehen wir den Eltern unterstützend zur Seite, um etwa in Nachbargemeinden einen anderen Platz zu finden. Das gefällt mir natürlich nicht, aber anders geht es kurzfristig nicht.

Sind mit dem Neubau der Theresienspitalstiftung alle Betreuungsplatzprobleme gelöst?

Ich bin guter und berechtigter Hoffnung, dass der Druck damit erstmal raus ist.

Kommt Bad Kissingen auch in Zukunft ohne eine städtische Kindertages-Einrichtung aus, oder andersherum, werden die Träger immer da sein können, wenn sie gebraucht werden?

Wir haben ein sehr gutes Miteinander und unterstützen die freien Träger, wo es nur geht. Auf jeden Fall ist die ehrenamtliche Arbeit, die über die freien Träger einfließt, nicht hoch genug zu bewerten. Darauf möchten wir auch nicht verzichten.

Sie haben vorhin angesprochen, dass die Stadt sein Brot-und-Butter-Geschäft meistern muss, um attraktiv zu sein im Wettbewerb mit Großstädten und Metropolen. Wen wollen Sie davon überzeugen nach Bad Kissingen zu ziehen und mit welchen Argumenten?

Bad Kissingen hat traditionell ein Problem, Menschen zu binden, die altersmäßig in der Mitte des Lebens stehen. Viel zu viele gehen zur Ausbildung, zum Studium weg und kommen nicht wieder. Diese gesellschaftliche Entwicklung wird überdeckt durch einen Zuzug von Menschen, die im Alter nach Bad Kissingen ziehen. Gerade jüngst wurden wir erst in einer bundesweiten Studie als Nummer 1 bei den Mittelstädten als "Seniorenparadies Deutschlands" eingestuft. Dadurch bleibt die Bevölkerungszahl konstant bis wachsend. Wir brauchen aber auch für die Unternehmen und die Vereine die Menschen mittleren Alters. Und ich behaupte, dass wir als Bad Kissingen in der Lage sind, in den Wettbewerb mit einer Metropolregion gehen zu können. Dann braucht es aber klare Angebote im Bereich Arbeit, Wohnen und, wie zuvor skizziert, sozialer Infrastruktur.

Zum Stichwort Wohnen: Nicht jeder, der nach Bad Kissingen zieht, wird sich ein eigenes Häuschen leisten können. Wie sieht es mit günstigem Wohnraum aus? Der wird laut Wohnmarktanalyse in den nächsten Jahren besonders gebraucht.

In der Tat dürfen wir nicht alles dem freien Markt überlassen, sondern müssen uns schlaue Konstruktionen überlegen, die am Ende dazu führen, dass es Angebote für alle gibt. Ich möchte im kommenden Jahr eine Kissinger Wohnrauminitiative vorstellen, die dem gerecht wird.