Sehr viele Schülerinnen und Schüler in ganz Bayern können sich bei Jutta Merwald bedanken. Als sie zum Schuljahresbeginn 2018 als Rektorin ans Karlstadter Johann-Schöner-Gymnasium (JSG) versetzt wurde, kippte sie die von Lehrkräften, Eltern und Schülermitverwaltung getroffene Vereinbarung zur privaten Handynutzung an der Schule und untersagte diese komplett.

Daraus entspann sich eine Diskussion, die zum bayernweiten "Schulversuch Handynutzung" mit 135 beteiligten Schulen führte - und in diesem Februar zu einer Empfehlung des Kultusministeriums. Allen Mittel-, Real-, Berufsschulen und Gymnasien in Bayern wird nun geraten und freigestellt, ab Schuljahresbeginn 2022/23 eigene Leitlinien und Regeln zur privaten Nutzung digitaler Geräte während der Schulzeit und auf dem Schulgelände festzulegen.

Bis dahin gilt grundsätzlich weiter, dass Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auf dem Schulgelände auszuschalten sind.

"Am Johann-Schöner-Gymnasium sind wir jetzt wieder da, wo wir vor fünf Jahren schon waren", sagt Schulleiter Gerald Mackenrodt, Nach-Nachfolger von Jutta Merwald, die nach ihrem unglücklichen Start nicht mal ein komplettes Schuljahr lang in Karlstadt tätig gewesen war. Das JSG war als eine von 16 unterfränkischen Schulen beteiligt am Pilotprojekt. Und das "war ein voller Erfolg", sagt Freie-Wähler-Politikerin Anna Stolz.

Die Staatssekretärin im Kultusministerium von Michael Piazolo (FW) stammt aus Arnstein (Lkr. Main-Spessart), hat das Karlstadter Gymnasium früher selbst besucht und sagt: "Entscheidend für die Akzeptanz der Regelungen zur privaten Handynutzung war es, die gesamte Schulgemeinschaft vor Ort einzubinden und passgenaue Lösungen zu finden." Diese Möglichkeit hätten nun alle weiterführenden Schulen im Freistaat.

In der Mittagspause an

Am Karlstadter Gymnasium gilt: Eine Viertelstunde vor Schulbeginn um 8 Uhr sind die Geräte auszuschalten oder in den Flugmodus zu versetzen.

In der Mittagspause von 13 bis 13.45 Uhr dürfen sie wieder verwendet werden. "In den Pausen sollen die Schülerinnen und Schüler ruhig mal miteinander reden und an die Luft gehen", sagt Schulleiter Mackenrodt.

Er weiß aber auch: "Die Regelung stellt ein Ideal dar." Die Lehrerinnen und Lehrer hätten zurzeit durchaus Verständnis dafür, wenn etwa ein Kind, das Verwandte in der Ukraine hat, in der Pause mal aufs Handy schaut. Und bei kurzfristiger Änderung des Stundenplans wird ein Anruf oder eine Nachricht an die Eltern ohnehin gestattet. Und, sagt der Schulleiter: "Es geht schon längst nicht mehr nur ums Handy." Den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe ist das Verwenden von Tablets zum Mitschreiben freigestellt, in der Mittelstufe können es Lehrer oder Lehrerin gestatten.

Die 15-jährige Zehntklässlerin Jule Hain sagt: "Mehr als die Hälfte meiner Klasse nutzt lieber das Tablet zum Mitschreiben als ein Schulheft." Das sei "eine große Erleichterung". Freilich komme es "schon mal vor, dass dann irgendwelche Messages aufpoppen". Aber das passiere ja auch, wenn das Handy in den Unterricht einbezogen werde, was - so Mackenrodt - "immer öfter vorkommt".

"In Bio haben wir am Handy neulich ein Quiz gespielt, das lockert den Unterricht auf", berichtet Jule. "In Erdkunde haben wir nach Bevölkerungsdiagrammen für China recherchiert." Wichtig sei, den Schülerinnen und Schülern einen "verantwortungsvollen, bewussten Umgang mit Medien beizubringen", sagt Mackenrodt. Dem Gymnasium gehe es um "Harmonisierung im Mediennutzungskonzept", das dann auch für Tablets und Armbanduhren mit Internetzugriff gilt.

"Der private Gebrauch von Smartphones bildet die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen ab", stimmt Anna Stolz zu. Schule müsse den Jugendlichen helfen, "ein intuitives Gespür für die Gefahren, die eine digitale Technik mit sich bringt, aufzubauen". Diese Gefahren sind ein Argument für eher restriktive Regelungen. Tatsächlich habe es auch in Karlstadt schon Fälle gegeben, "die in Richtung Mobbing gingen", so Mackenrodt. Er suche dann das Gespräch mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern, auch mit deren Erziehungsberechtigten. Er weiß aber: "Das passiert hauptsächlich außerhalb der Schule, wo unsere Einflussmöglichkeiten gering sind." Es sei dennoch schon vorgekommen, dass Mobiltelefone für die Dauer des Schultags konfisziert wurden. Ein Schüler erhielt gar einen strengen Verweis und "ein intensives Gespräch", weil er einen Lehrer im Unterricht gefilmt und diese Aufnahmen verbreitet habe. Der Karlstadter Schulleiter vermutet: "Die Gefahren der Technik werden uns noch länger und immer wieder neu beschäftigen." Auch wenn an seiner Schule "liberale Regeln" gelten, Gerald Mackenrodt sagt: "Am liebsten wäre mir, wenn die Handys außerhalb der Unterrichtsnutzung ausgeschaltet wären." Aber er möchte, dass die Jugendlichen von selbst zu dieser Einsicht gelangen. Ein generelles Verbot - das sieht nun auch das Bayerische Kultusministerium so - sei nicht mehr zeitgemäß. Markus Rill

Schulversuch Handynutzung

An dem Pilotprojekt zur Handynutzung von 2018 bis 2020 nahmen 135 weiterführende Schulen aus ganz Bayern teil. Die Modellschulen erstellten in Abstimmung mit dem Schulforum oder dem Berufsschulbeirat schulintern Nutzungsordnungen und Regeln für die private Handynutzung in der Schule - zeitlich, räumlich oder auch altersspezifisch. Parallel gab es eine Kontrollgruppe von 131 vergleichbaren Schulen, die sich an das Handyverbot hielten. Über Fragebögen gaben Schulleitungen, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie deren Erziehungsberechtigte aller 135 Pilotprojekt-Schulen sowie der Kontrollgruppe dreimal Evaluierungen ab.

Laut Kultusministerium trafen die Schulen sehr unterschiedliche Regelungen zum privaten Gebrauch von Handys und anderen digitalen Speichermedien auf dem Schulgelände. Die überwiegende Mehrheit der Schulen legte konkrete Regeln für Zeiten, Orte, Arten und Inhalte der Nutzung sowie für die erlaubten Gerätetypen fest.

Bei der Auswertung der Rückmeldungen zeigte sich laut Ministerium kein einheitliches Bild, aus dem sich "mustergültige Nutzungsordnungen" ableiten ließen. Zu unterschiedlich seien die schulischen und örtlichen Gegebenheiten. Deshalb erfolgte die Empfehlung an die Schulen, im Schulforum mit Lehrkräften, Erziehungsberechtigten sowie Schülerinnen und Schülern eigene schulinterne Nutzungsordnungen zu erstellen.

Quelle: Bayerisches Kultusministerium