Wie ernst nehmen Landrat Thomas Bold (CSU) und der Kreis Bad Kissingen den Klimaschutz? Wenn es nach dem früheren Grünen-Bundestagsabgeordnete und Klima-Experten Hans-Josef Fell geht, nicht ernst genug. Fell hatte im Interview mit dieser Zeitung vor kurzem eindringlich vor dem drohenden Klima-Kollaps gewarnt, wenn es nicht gelingt, den Energieverbrauch in den nächsten zehn Jahren vollständig klimaneutral umzubauen. Vergangenes Jahr habe er dem Landrat einen Plan vorgelegt, wie man den Landkreis zu 100 Prozent mit Erneuerbaren Energien versorgt. Er warf dem Landrat vor, sich daraufhin nicht gemeldet und offensichtlich kein Interesse daran zu haben.

Stellvertretender Landrat Emil Müller (CSU) nimmt in Abwesenheit von Thomas Bold zu dem Vorwurf Stellung. Dem Landkreis wurde nie ein Plan vorgelegt. "Informationen über diese Studie haben wir nur aus der Berichterstattung", sagt Müller. Gemeint ist ein Bericht in dieser Zeitung vom März 2020, als Fell die Studie auf einer Veranstaltung des Grünen-Kreisverbandes kurz vor der Kommunalwahl vorstellte. "Wir haben daraus keine Erwartungshaltung an den Landkreis gesehen, Herrn Fell zu antworten", kontert Müller. Auch im Kreistag habe es bislang kein Schreiben und keinen Antrag zu der Studie gegeben.

Landkreis: Klimaschutz höchste Priorität

Das beiseite zu wischen - kann sich die Politik das leisten, angesichts der drängenden Warnungen des Weltklimarates, des überfluteten Ahrtales, der verheerenden Brände in Südeuropa und des Regens auf dem grönländischen Eisschild? "Bei dem Thema geht es vielen nicht schnell genug", sagt der stellvertretende Landrat. Der Landkreis will sich jedoch keine Versäumnisse vorwerfen lassen. Emil Müller versichert, dass der Klimaschutz im Kreistag höchste Priorität habe und dass der Landkreis Klimaschutz umsetze, wo es möglich ist.

Klimaschutzmanager gesucht

Dort wo der Landkreis eigene Liegenschaften saniert oder neu baut, "fließt es seit Jahren mit ein". Fassaden und Fenster werden gedämmt, auf die Dächer kommen Photovoltaik-Anlagen. Der Anteil an E-Fahrzeugen im Fuhrpark werde ausgebaut. Zudem hat die Behörde unlängst eine Fachstelle für Klima und Energie geschaffen. Leiter Friedbert Beck ist dort bislang Einzelkämpfer, Unterstützung soll er demnächst von einem Klimaschutzmanager erhalten. "Die Stelle wurde vor zwei Wochen ausgeschrieben", berichtet Müller. Die Aufgabe: ein Klimaschutzkonzept für den Landkreis erstellen und realisieren. Auch hat der Landkreis inzwischen ein Elektromobilitätskonzept, das den Kommunen als Leitfaden an die Hand gegeben wurde. "Hier sind auch erste Kommunen in der Umsetzung", sagt Müller. Etwa bei der Ladeinfrastruktur für E-Autos.

Fell: Kreis muss Verfahren beschleunigen

Laut dem Klima-Experten Fell braucht es einen Mix aus erneuerbaren Energien, um den Landkreis klimaneutral aufzustellen. "Das ist keine Frage der Technik, sondern politischer Wille", kritisiert er. Nach Angaben des Landratsamtes sind aktuell 39 Windkraftanlagen in Betrieb, sechs weitere befinden sich im Bau. "Wir brauchen noch 50 neue Windkraftanlagen der Fünf-Megawatt-Klasse", sagt Fell. Insbesondere sei ein stärkerer Ausbau von Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und auf Freiflächen nötig. Ebenso bedarf es mehr Wärmepumpen, Speicher, Nahwärmeversorgung, und Elektro-Fahrzeuge. Der Landkreis sei vor allem gefordert, Flächen für Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen bereitzustellen sowie die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen.

Müller wendet ein, dass der Landkreis vieles nicht selbst beeinflussen kann. Baugenehmigungsverfahren seien aufwendig und lassen sich schwer beschleunigen. Selbst als Bauherr aufzutreten, ist nicht möglich. Vor Jahren habe der Kreistag diskutiert, Freiflächen-Solaranlagen auf der alten Deponie in Arnshausen zu bauen. Aber: "Landkreise dürfen keine Energieerzeugungsanlagen errichten, die über den Eigenbedarf hinausgehen", erklärt Müller. Das ist Sache kommunaler- und privater Energieversorger. Der Landkreis Bad Kissingen besitze kaum Flächen, die für Investoren von großflächigen Photovoltaik-Anlagen in Frage kommen. Der Großteil liege in Naturschutzgebieten, die alte Deponie scheide wegen des sensiblen Untergrunds für Dritte aus. Er betont: Grundsätzlich sind auf gesetzlicher Ebene die Regierungen von Bund und Ländern zuständig, den Ausbau Erneuerbarer Energien voranzubringen.

Dass in den nächsten zehn Jahren Elektrobusse für den kreiseigenen Omnibusbetrieb KOB in der Rhön fahren, sieht Müller skeptisch. Die Akkureichweite reiche für einen bergigen Flächenlandkreis nicht aus. "Wir hatten vor kurzem einen E-Bus probeweise im Einsatz. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Wenn es funktional ist, wird man sich damit auseinandersetzen", meint Müller.