Der "Summer of 1969" wurde von Bruce Springsteen intensiv besungen, in Münnerstadt war es 1970 das Festjahr, welches bis heute als Auftakt neuer kultureller Aktivitäten besungen werden kann. Warum? Erstmals seit der ideologisierten "Braunen Messe" 1935 kam es in der Aufschwungphase der jungen BRD zu einer großen Festwoche, zur 1200-Jahr-Feier der ersten urkundlichen Erwähnung Münnerstadts. Mit dem Festjahr 1970 und der Einrichtung des Museums begann die Erfolgsgeschichte des Deutschordensschlosses, des markanten, ehemals von Wasser umschlossenen Gebäudes inmitten der Altstadt, zum Kulturzentrum. Darüber soll in weiteren Erzählungen berichtet werden.

Ungewöhnliches Hobby

Von einer Begebenheit damals soll an dieser Stelle berichtet werden. Es war vor 50 Jahren üblich, dass neue Lehrer, die den Münnerstädter Schulen zugeteilt wurden, sich auch hier niederließen. Der junge Gymnasiallehrer für Sport und Französisch, Peter Genth, kam im Herbst 1968 an die "Rhön-Universität" und brachte ein ungewöhnliches Hobby mit. Er interessierte sich für Geschichte und Kunst. Zu dem Thema war man damals in Münnerstadt mit dem Besuch der Rokoko-Klosterkirche und der Stadtpfarrkirche St.Maria Magdalena mit seinem Riemenschneideraltar und den Veit-Stoß-Bildern eigentlich durch. Der Neubürger mit Kunstgeschichte-Studium wollte mehr und fragte in der Stadtverwaltung nach einem Museum. Der damalige Geschäftsleitende Beamte Max Klemm soll Genth geantwortet haben: "Nein haben wir nicht, aber wenn Sie eines machen, dann haben wir ein Museum."

Hohe Motivation und Improvisationstalent

Voller Tatendrang ging der Junglehrer und Jungvater ans Werk. Schon vorher hatte sich der Stadtrat für eine museale Ausstellung in der Deutschordenskommende (Niederlassung) ausgesprochen, um die Reste des 1923 gegründeten Ortsmuseums für die 1200-Jahr-Feier präsentieren zu können. Dem Kulturreferenten Alfred Neumann kam mit Peter Genth zur richtigen Zeit die Person, die dem Ortsmuseum wieder den passenden Stellenwert zuweisen wird. Das Deutschherrnhaus war seit 1953 in städtischem Besitz. Die Stadt bemühte sich trotz klammer Kassen um eine Sanierung. Die landwirtschaftliche Kreisberufsschule war gerade in den Neubau am Karlsberg gezogen (heute Nebengebäude des BBZ), und einige der als Klassenräume genutzten Räume standen leer; genau drei fand der selbsternannte und später vom Stadtrat bestätigte Museumsleiter vor. Räume, deren ruinenhafter Charakter erstmal abschreckend wirkten. Doch mit hoher Motivation und Improvisationstalent schafften es Peter Genth, und mit ihm Ludwig Herrmann, der aus der Nachbarschaft heraus, dem "armen" Lehrer unter die Arme greifen wollte, die Zimmer in einen ansehenswerten Zustand zu bringen. Etwa 150 Gegenstände rettete Genth aus dem alten Museumsraum im Rathaus (heute zum Teil Bürgerzentrum). Das Mobiliar wurde ebenfalls aus dem Rathaus zweckentfremdet eingesetzt. Finanzielle Mittel für Kulturangelegenheiten waren damals, auch wenn es ein Jubiläumsjahr war, nicht nennenswert bereitgestellt worden. Der Nonplusultra-Schwerpunkt lag auf der Ehrenamtlichkeit; das hieß voller Einsatz mit allen eigenen Mitteln. Genth verinnerlichte diesen Geist sehr schnell und schuf sich in kürzester Zeit einen Kreis von Förderern. Bis zur Eröffnung war er jedoch der Einzige, der neben seinem Idealismus auch noch finanzielle Mittel einsetzte.

Begehrlichkeit nach mehr Räumen

Am 19. Juli 1970, einem Sonntagvormittag, wurde das "Stadtmuseum" eröffnet. Es hatte jetzt auch einen Namen, der dem gewachsenen Selbstbewusstsein der Bürger entgegenkam. Weil Peter Genth auch zeitgleich Stadt- und Kreisheimatpfleger wurde, konnte er jahrelang bei seinen Erkundungen und Begutachtungen museale Gegenstände zusammentragen. Die Begehrlichkeiten des Museumsleiters nach mehr Räumen für die Objekte wuchsen von Jahr zu Jahr. Anfang der 1980er Jahre war es dann soweit. Mit 33 Raumeinheiten hatte Genth sein Ziel erreicht, das Museum durchgängig rundum zu präsentieren. Die ungefähr 14.000 Objekte erforderten viel Platz - ein geordnetes Depot wurde erst von der Nachfolgerin Karoline Knoth eingerichtet - die Präsentierung erfolgte mehr nach dem Ensembleansatz, was hieß, dass die Gegenstände in großer Zahl einem bestimmten Thema zugeordnet wurden.

Diese Dichtigkeit in der Anschaulichkeit hatte zur Konsequenz, dass es im Museum nur Führungen gab. Die Besucher waren zwar dicht am Objekt, jedoch war die Zerstörung und sogar Diebstahl eine ständige Gefahr. Eine ganze Generation von Helfern wusste dann immer mal bei geselligen "Betriebsfesten" von eigentümlichen Besuchererlebnissen zu erzählen.

Geschichte eines Kulturzentrums

Mit der Eröffnung des Stadtmuseums begann die Geschichte eines Münnerstädter Kulturzentrums, die des Deutschordensschlosses. Die ehemalige Kommende (Niederlassung) des Deutschen Ordens, die 1806 während der Säkularisierung dem Staat zufiel, in der Zwischenzeit Finanzamt oder später Reichsarbeitsdienstquartier war, fand nach dem Zweiten Weltkrieg Verwendung als Wohnquartier für Familien und als Berufsschule. Allenfalls als Fotokulisse für besondere Anlässe wurden im Hof der Erkerbau oder der Eingang zum Treppenhaus genutzt.