Aus ihrem Alltag zu berichten, halten nicht wenige für überflüssig - einfach nicht wichtig - und schon gar nicht interessant. Und vor allem, was soll das auf einer Bühne? Auf einer Münnerstädter? Jessy James LaFleur sind die Bretter der Alten Aula vertraut, denn beim 1. Poetry Slam war sie dabei und holte den Publikumspreis. Das und natürlich die 1250-Jahr-Feier der Stadt war es den Kulturverantwortlichen wert, die gebürtige Aachenerin (34) mit ihrem Programm "Bekenntnisse eines Papierfliegers" einzuladen.

Worte zu Geschichten fabuliert

Die "Spoken Word (übersetzt gesprochenes Wort) Artist" packt in ihren "liebsten Freund" Constantin, einen Reisekoffer, eine Menge Papierflieger, eine Trinkflasche und wenige Klamotten. Sie will von Berlin-Schönefeld nach Brüssel. Es ist das ganz normale Alltags-Business einer Künstlerin, die dem Wort nachhängt und Worte zu Geschichten fabuliert, die sich mitunter in der Melancholie eines Ereignisses verschlucken. Oder anders, die Dramatik des Augenblicks erhöhen.

Jessy spielt eine Nacht im Flughafen, weil der angepeilte Flug auf den nächsten Morgen verschoben wurde. Oder hat sie ihn verpasst, weil das letzte Gespräch am Smartphone mit ihrer Mutter nur noch den Aufschrei "Freiheit" zuließ, die sie sich jetzt zu nehmen gedenke. Zum Glück ist sie nicht alleine, denn circa 50 "Mitflieger" sitzen im Warteraum "Alte Aula" und hörten sich eine Art Lebensbeichte von Jessy an. Das war gewiss eine Momentaufnahme, aber die Worte können schon ganz schön ans Herz gehen. Denn die seit Jahren Vielgereiste mit Flieger, mit Bahn, Bus oder Auto, hatte Erlebnisse, mit denen ihre "Mitreisenden" im Saal nicht mithalten können. Überhaupt nehmen die 20- bis über 80-jährigen Besucher die Herausforderungen das Programms an, welches, ganz zeitgemäß, in Wort und Bild auf schnelle Wechsel setzt.

Unstet und unzufrieden

Jessy sucht das Gespräch mit dem Paar in der ersten Reihe. Sie will augenscheinlich Kontakt und Interesse für ihre Nöte wecken. Dafür spendiert die das Gespräch Suchende zwei Flaschen Bier. Mit anderen tauscht sie sich in Französisch, Englisch oder Spanisch aus. Eine aktuelle "Sächsische Zeitung" wird zerfleddert, ein paar Überschriften gelesen, die Werbeeinlagen propagiert. Unstet und unzufrieden - die Nacht im Flughafen ist anstrengend, die inzwischen lauernden Gäste auch.

Entspannung sucht sie auf der Bank oder am Boden liegend, oder sie lässt Papierflieger in den Saal fliegen. Dazu begleiten die Worte als Sinn ihres Daseins die Handlung. Die sehr erfahrene und erfolgreiche Poetry-Slammerin hat da ihre besten Momente. Sie ist die Passagierin, der ein Licht aufgeht, und sie spürt, dass ihre Sinnlichkeit die Gäste sehr beeindruckt: Dass "Ihr so viel von mir mitnehmt und dann einfach geht! Ihr nehmt mein Leben mit zu Euch nach Hause!"

Plaudertaschen wäre da ein gewisser Zufriedenheitseffekt zu eigen, Jessy James LaFleur fängt sich ein, in dem sie ihre Lage seziert, sich mit der ersten Reihe im "Warteraum" verständigt. Sie macht aus ihrer momentan misslichen Lage ein lyrisch-anmutiges Bekenntnis.

Das gut einstündige Filmschnipsel-Programm wird über den Aufbruch zur Reise und die Einsamkeit auf einem Flughafen bis hin zu mehr philosophischen Sprüchen am Ende begleitet.

Das Fremde als Herausforderung

Jessy James LaFleur macht sich Sorgen über ihren Status. Sie feilt - als im belgisch-holländisch- deutschen Dreiländereck geborene - an dem Begriff der "Auslandsdeutschen" und bohrt verbal so lange, bis daraus ein europäisches Anliegen geworden ist. Dass zum Teil etwas Streichmusik Jessys lyrische Einlassungen untermalte, und vor allem, dass das Fremde als Herausforderung mit eigenem Erleben nicht mehr fremd ist, war ein großer Gewinn des Abends.