Einhundert - eine gewisse Magie verbindet sich mit der dreistelligen Ziffer. Vor allem die Zeitgeschichte und die daran Interessierten fühlen sich nicht selten elektrisiert, von den Geschichten, die nicht selbst erlebt wurden, aber doch ganz nahe am eigenen Erleben sind.

Sei´s drum, ob es 100 oder 105 Jahre waren, denen die Litera(n)ten Bärbel Fürst, Bernt Sieg und Jens-Müller Rastede in ihrem neuesten Leseabend im vollen Deutschherrnkeller ein Gesicht gaben. Das frühere Datum ist ohne das etwas ältere kaum zu ergründen.

1913 war gewiss nicht langweilig, so wie alle Jahre davor und ausnahmslos alle Jahre danach. Es hatte aber seine besonderen Geschichten und blieb in der Historie als ein sehr nachhaltiger Zeitabschnitt haften.

Denn die Menschen, die damals agierten, haben bis heute Spuren hinterlassen. Und sie kommen konzentriert in dem Lesungsabend vor, der sich schlicht "1913" nennt. Im Dunst des "Schicksalstags der deutschen Politik", dem 9. November, hörten die die Gäste des Abends politische Geschichten und intime Plaudereien, die Eitelkeiten von Künstlern, die heute, lange nach ihrem Tod, die Welt mit ihren Werken beglücken, obwohl diese Welt in den letzten 100 Jahren in zwei kriegerische Katastrophen geschlittert ist und der künstlerische Nachlass erheblich dezimiert wurde.

Das Wetter, insbesondere der Sommer der Jahres 1913 war schlecht. Die Berichte und Vorhersagen darüber hatten noch keine große Tradition. Der heißeste Sommer in der amerikanischen Wüstenregion half den schreibenden oder malenden Künstlern in Berlin oder München wenig. In der Hauptstadt gab es wenigsten "Aschinger" die Gaststätte, bei der man bei einer Erbsensuppe 30 Pfennige bezahlte, unendlich viel Brot essen konnte und den Rest des Tages seinen Sitzplatz verteidigte. Der eignete sich hervorragend für die Motivsuche. Die "Brücke"-Maler Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff waren von Dresden nach Berlin umgesiedelt, konnten dort auch nicht ohne Muse sein. Sie malten und zeichneten die "Weiber" dann auch im Kämmerlein sich räkelnd oder inmitten von Lokalen rund um den Potsdamer Platz.

Bekannt ist, dass Bärbel Fürst die Initiative für das Leseprogramm der Litera(n)ten innehat. Sie legt ihre Geschichte des Jahres natürlich an, nämlich von Neujahr bis Silvester. Grundlage ist der Bestseller "1913 -Der Sommer des Jahrhunderts" von Florian Illies. Bernt Sieg und Jens Müller-Rastede verstehen es blendend in ihren szenischen Vorträgen die männlichen Protagonisten, seien es Franz Kafka und seine Brautwerbung oder Oskar Kokoschka, den "hässlichsten aller Wiener Maler" in seiner Affäre mit der schönen Alma Mahler Schindler herauszuarbeiten. Ernst-Ludwig Kirchner ( Jens Müller-Rastede) der Bücke-Maler, der sich in Berlin, wie die anderen der Künstlergemeinschaft auch, ein eigenes Malprofil in der "Überforderung, die sich Hauptstadt nennt" zulegt, bringt Erna ( Bärbel Fürst), die Frau für die von ihm bevorzugten Fälle in Rage.

So einfach ist es in der Berliner Boheme nicht, ebenso in der Hauptstadt der österreichischen K. und K. Monarchie an der Donau. Die Frauen haben ihren eigenen Kopf, auch wenn sie denselben von Kaiser bis zum Bettelmann oft verdreht bekommen, dauert es noch fünf Jahre, bis die Aktivistinnen das Frauenwahlrecht durchsetzen, eine Stufe auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Gustav Klimt und Egon Schiele mag das wenig interessiert haben, was ihre Freundinnen, die auch ihre Modelle waren, so an politischen Ansichten über ihr Geschlecht hatten. Sie nahmen, egal wie sie es bekommen konnten. Und das in aller männlicher Konkurrenz. Das Ergebnis ist glänzend für uns heute, herrliche, sinnliche Frauengestalten in subtilen Farben.

Die Politik dieses mächtigen Jahres, in denen das Deutscher Reich vor Stärke trotzte und am Ende, zu Beginn eines noch denkwürdigeren Zeitabschnitts sich nicht wenige Experten einig sein wollten, "dass ein Krieg in Europa kaum möglich sein wird, so international verflochten ist die Wirtschaft", herrschten mit Wilhelm II und in Wien Franz-Josef zwei Kaiser, die nicht nur präsidierten, sondern auch aktiv Politik betrieben. Wie, das setzten die Litera(n)ten als Fußnoten in ihr Programm ein, als eine Klammer, das die Handlungsstränge im gesellschaftlichen Leben bestimmte. Schon damals hatten Menschen den Zeitgeist satt und begannen mit Alternativen zu experimentieren. Das Glück war nicht nachhaltig. Das Jahr 1914 zu sehr eine Zäsur. Während sich Österreichs Monarch nach 65 Jahren Kaiser lieber privat gemütlich machte und sein Reich an den Außengrenzen ein, zum Teil, kriegerischen Eigenleben führte, führte sein deutscher Kollege sein Reich mit erheblichem wirtschaftlichen Einsatz für militärische Güter in einen nationalistischen Rausch, aus dem es - wie wir heute wissen - kein gutes Entrinnen gab.

Wiederholt gaben die Litera(n)ten während des Abends ein "Extrablatt" heraus, verteilt in der Gaststube riefen sie in routinierter Zeitungsjungen-Manier die Schlagzeilen der Epoche durch den Raum. Sätze, die fatal an heute erinnern, nationalistischer Schmalz und Bonbons aus dem Boulevard.

Florian Illies hat mit seinem Buch "1913" die Vergangenheit, am Beispiel einiger Weniger in die Gegenwart transferiert. Er hat die Komplexität der Epoche in ein Jahr gepackt und 100 Jahre später damit einen Bestseller erarbeitet. Bärbel Fürst, Bernt Sieg und Jens-Müller Rastede gelang es, das Richtige in ihrer szenischen Lesung während 100 Minuten herauszufiltern.

Was sollte da noch die Musik? Milli Genth, die Liedermacherin aus dem Lauertal, deren Talent darin besteht ganz Normales zur Besonderheit werden zu lassen, war da ein wichtiger Pol. Sie verstand es in einigen gesanglichen Beiträgen, die Spuren von 1913 noch eingänglicher zu machen. Eigenkompositionen und Gedichts-Vertonungen setzten Bezüge zum Geschehen in den Texten und der Gipfel: "Der Revoluzzer" ein vertontes Gedicht von Erich Mühsam von 1907, gemeinschaftlich gesungen von den Litera(n)ten und Milli Genth. Die Epoche- Revue war perfekt!