"Die NS-Euthanasie, die Tötung geistig und körperlich behinderter Menschen, war der erste systematisch geplante, staatlich durchgeführte Massenmord des NS-Regimes. Sie erfolgte in verschiedenen Aktionen und Phasen als ,Aktion T 4‘, deren Bezeichnung von der Adresse der organisatorischen Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, herrührt", schreibt Wolfgang Neugebauer im Buch "Tötungsanstalt Hartheim".
Auch das Kloster Maria Bildhausen blieb von diesen Greueltaten des NS-Regimes nicht verschont. Jetzt haben 129 Mitarbeiter, Schwestern und Betreute des Dominikus-Ringeisen-Werkes und der St. Josefskongregation Ursberg das etwa 70 Kilometer östlich von Passau gelegene Schloss Hartheim besucht. Dabei war auch eine Delegation aus Maria Bildhausen. Es galt, der 199 Menschen mit Behinderung zu gedenken, die in den Jahren 1940 und 1941 in Hartheim von den Nationalsozialisten grausam ermordet wurden.

Sechs Euthanasieanstalten

Zu den Motiven und der Entstehung der berüchtigten "Aktion T 4" schreibt Neugebauer: "Die ,Ausmerzung‘ geistig und körperlich Behinderter und anderer als ,minderwertig‘ angesehener Menschen war ein zentrales Anliegen des Nationalsozialismus, das in den Jahrzehnten zuvor sich in Wissenschaft und Politik ausbreitenden, rassistischen und rassenhygienischen Vorstellungen seine Wurzeln hatte."
Die Theorie des Naturwissenschaftlers Charles Darwin von der natürlichen Auslese, vom Durchsetzen des Stärkeren gegenüber den Schwächeren, wurde von den Nazis auf die menschliche Gesellschaft unter dem Begriff "Sozialdarwinismus" übertragen. Der Zentraldienststelle unterstanden sechs Euthanasieanstalten, Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Sonnenschein, Hadamar und Hartheim. Die ausgewählten Personen wurden zunächst in besondere Anstalten "verlegt", wie Günzburg und Eglfing-Haar, das als besonders finsterer Ort galt. Von den Verlegungsanstalten erfolgte der Transport per Bahn beziehungsweise grauen Bussen mit zugehängten Fenstern in die Tötungsanstalten. Die Tötung der Opfer erfolgte in Gaskammern durch das Kohlenmonoxyd.

Grauer Bus aus Bad Neustadt

Betroffen von der "Verlegung" waren auch viele Heimbewohner des Dominikus-Ringeisen-Werkes Ursberg. In der weit abgelegenen Filiale Maria Bildhausen in Unterfranken hofften alle, dass sie von den grausamen Aktionen verschont blieben. Doch es kam anders. In seinem Buch "Menschen aus unserer Mitte" schreibt Herbert Immenkötter: ",Nun kommt doch das Schwere auch noch für Maria Bildhausen‘, musste die Generaloberin der St. Josefskongregation, Schwester Desideria Braun Anfang Dezember nach Bildhausen melden."
Bereits am 6. Dezember 1940 wurden 14 Heimbewohner abgeholt und nach Günzburg "verlegt:" Um 12.30 Uhr kam der berüchtigte graue Bus aus Bad Neustadt. Spiritual Thein begleitete den Transport bis zum Bahnhof nach Schweinfurt. Der Betreute Leopold B. übergab in seiner Todesangst seine Spardose an die Schwester Oberin, die dafür ein Heidenkind kaufen und auf den Namen Georg taufen lassen sollte.
Nach Angaben von Immenkötter wurden von den 14 Männern aus Maria Bildhausen fünf am 1. Juli 1941 in Hartheim durch Vergasen ermordet, zwei verhungerten zuvor in Günzburg wegen der Entzugskost, sechs kehrten im Herbst 1942 nach Maria Bildhausen zurück, einer zu seinen Angehörigen. Am 31.März 1941 wurden acht Männer aus Maria Bildhausen nach Eglfing-Haar "verlegt." Sie wurden um 5.45 Uhr, begleitet von zwei Schwestern und dem Verwalter, mit dem Bus nach Münnerstadt gebracht. Von hier ging es mit der Bahn nach München und wieder mit dem Bus nach Eglfing-Haar. Diese acht Männer überlebten und kamen am 9.September 1942 nach Maria Bildhausen zurück.
Für die Behinderten aus Maria Bildhausen hielt, nach Angaben von Immenkötter, der zuständige Selektionsarzt, Medizinalrat Dr.Hölzel eine "persönliche Augenscheinnahme" nicht für erforderlich. Entschieden wurde ausschließlich nach Aktenlage. Die Pfleglinge wussten nicht, was mit ihnen geschah, hatten aber gewisse Vorahnungen und große Angst. So schrieb einer der aus Maria Bildhausen nach Günzburg gebrachten Pfleglinge: "Wir alle viel Heimweh. Viel Weinen. Bildhausen gut. Nicht gut angewöhnen. Kommen, bald fahren."
Täuschung der Betroffenen, Geheimhaltung und Tarnung waren wichtige Faktoren der Euthanasieaktionen. Systematisch verfälscht wurden Todesart-, -tag und -ort in den Sterbedokumenten beziehungsweise in Auskünften an Angehörige oder Behörden. Da war es für alle sehr schwierig, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Die Ursberger und Bildhäuser Schwestern und alle Mitarbeiter versuchten mit allen Mitteln, zu retten, was zu retten war, mit unterschiedlichem Erfolg.

Im Bildhäuser Wald versteckt

In verschiedenen Dokumenten in "Menschen aus unserer Mitte" ist aufgezeichnet, wie schlimm und erschütternd die Abtransporte der Pfleglinge waren, wie unmenschlich die Unterbringung in Günzburg und Eglfing-Haar, außerdem mehrere Versuche, die Pfleglinge auch nach Maria Bildhausen zurückzuholen.
Die Schwestern und Mitarbeiter versuchten mit allen Mitteln, ihre Pfleglinge vor den Zugriffen der Nazis zu schützen. Mündlichen Überlieferungen zufolge soll ein Gestapo-Mitglied aus seiner Dienststelle in Bad Neustadt heimlich und illegal in Maria Bildhausen angerufen und die Schwestern gewarnt haben, dass ein Lastwagen komme und Pfleglinge abhole. Daraufhin hätten die Ordensfrauen Pfleglinge, versorgt mit einer Brotzeit, im Bildhäuser Wald versteckt.
Insgesamt wurden, laut Immenkötter, 519 Personen aus Ursberg und seinen Filialen zwischen September 1940 und August 1941 in staatliche Anstalten "verlegt." 199 Menschen wurden durch Vergasen in Hartheim, 180 durch Entzugskost und Todesspritzen in den staatlichen Anstalten ermordet. Die Gesamtzahl der Ursberger Todesopfer betrug 379 Tote. Außerdem haben 140 Personen den Krieg nicht überlebt.
Im Schloss Hartheim wurden von Mai 1940 bis August 1941 18 269 körperlich und geistig behinderte sowie psychisch kranke Menschen ermordet und verbrannt, außerdem noch rund 12 000 "unangenehme" Personen. Im Verlauf der "Aktion T 4" dürften, so Norbert Aas in "Tötungsanstalt Hartheim", zwischen 6000 und 7000 Kranke aus Bayern umgebracht worden sein. Am Ende der "Aktion T 4" waren die kirchlichen Anstalten weitgehend von ihren Schwerkranken "geräumt."
Laut Hartheimer Statistik wurden in den sechs Euthanasieanstalten 70 273 Menschen "desinfiziert", das heißt ermordet. Ein "T 4" Statistiker berechnete die dadurch erzielte Ersparnis (an Personal, Lebensmittel, Wohnraum, Bekleidung etc.) für den deutschen Staat auf 885 Millionen Reichsmark für einen Zehn-Jahres-Zeitraum. Das wären über drei Milliarden Euro. Am 24. August 1941 stoppte Adolf Hitler die "Aktion T 4."

Krasser Gegensatz

Die menschenverachtenden, skurrilen und bizarren Gedankengänge der Nationalsozialisten standen im krassen Gegensatz zu den Leitlinien von Pfarrer Dominikus Ringeisen, der sagte: "Jeder Mensch ist kostbar."
"Acht Tote sind acht zu viel", sagt Thomas Hahn, Wohneinrichtungsleiter des Dominikus-Ringeisen-Werkes in Maria Bildhausen, der sich intensiv mit den damaligen Ereignissen beschäftigt hat.
Maria Bildhausen sei aber bei der "Aktion T 4" dennoch relativ glimpflich davon gekommen, weil zur damaligen Zeit alle Bewohner mit den Schwestern arbeiten konnten und in Maria Bildhausen "Nützliches" in Form von Lebensmitteln produziert wurde. Diese mussten allerdings zwangsweise weitgehend abgeliefert werden.