Diesmal war es anders. Dieses Mal bekamen die Gräber, die die Reservisten aus Großwenkheim auf dem Soldatenfriedhof in Lommel pflegten, ein Gesicht. Nicht alle, das wäre auch kaum möglich gewesen, denn der deutsche Soldatenfriedhof im belgischen Lommel ist der größte in Westeuropa. Auf einer Fläche von insgesamt 16 Hektar liegen hier 38.560 Gefallene aus dem Zweiten Weltkrieg und 542 Gefallene aus dem ersten Weltkrieg. Für jeweils zwei tote Soldaten wurde ein Kreuz gesetzt.


Eine imposante Anlage

Seit Jahren steuern die Großwenkheimer Reservisten im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Friedhöfe in Europa an, um hier ehrenamtlich Pflegearbeiten durchzuführen. Jeweils eine Woche waren auch in diesem Jahr zwei Gruppen vor Ort. Zu tun gab es genug: Rund 600 Bäume stehen auf der Anlage, 96 Prozent davon sind Laubbäume, und im Herbst tun alles dasselbe: Sie lassen ihr Laub fallen. Man kann sich leicht vorstellen, dass auf 160 000 Quadratmetern Fläche dann genug zu tun ist. Ferry Dilissen, der Chef des festangestellten dreiköpfigen Friedhofteams, musste am ersten Tag auch nicht lange nach einem Arbeitsgerät für die Großwenkheimer suchen: Besen nämlich, um das Laub aus den Grabreihen herauszuziehen, das dann später mit einer Maschine aufgesammelt wurde. Außerdem mussten die Heidepflanzen, die um und zwischen den Grabkreuzen gepflanzt wurden, vom Laub befreit werden.

Des Weiteren wurden in der zweiten Woche drei Großwenkheimer damit beauftragt, die Baumscheiben (600) vom Gras zu befreien, damit später der letzte Grasschnitt in diesem Jahr auf der gesamten Anlage zügig von statten gehen kann. Die Arbeiten, die die Großwenkheimer Reservisten in diesem Jahr bei ihrem Arbeitseinsatz zu erledigen hatten, waren vergleichsweise einfach. Aber so ist das, wenn sie losfahren: Sie wissen nie genau, was auf sie zukommt.


Ein besonderer Friedhof

Der Soldatenfriedhof in Lommel ist ein besonderer. Während der Kämpfe in Belgien und Westdeutschland, insbesondere bei Aachen, im Hürtgenwald sowie am Brückenkopf Remagen, bestattete der amerikanische Gräberdienst die in diesem Kampfbereich geborgenen deutschen Gefallenen provisorisch auf vier Sammelfriedhöfen: Henri-Chapelle, Fosse, Overrepen und Neuville-en-Condroz. Aus den vier genannten Orten wurden die Toten in den Jahren 1946/47 nach Lommel umgebettet. Außerdem erhielten 542 deutsche Soldaten des Ersten Weltkrieges, unter Auflösung eines kleinen Soldatenfriedhofes in Leopoldsburg, hier ihren letzten Ruheplatz. Mit über 39.000 gefallenen Soldaten ist die Anlage in Lommel der größte deutsche Soldatenfriedhof in Westeuropa. Er wurde am 6. September 1959 offiziell eingeweiht.

Insgesamt besuchen pro Jahr über 30.000 Menschen die Anlage. "Es sind so ungefähr zu 50 Prozent Belgier und 50 Prozent Deutsche", sagt Levente Piri. Er absolviert nach seinem Abitur seit einigen Wochen über das EU-Programm und den Freiwilligendienst "Erasmus+" (Jugend in Aktion) auf dem Soldatenfriedhof Lommel ebenso wie Svenja Baksen ein soziales Jahr. Möglich ist das, weil der Friedhofsanlage eine Jugendbegegnungsstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge angeschlossen ist. Auch für die Betreuung der deutschen Schulklassen, die für einige Tage hierher kommen, werden Svenja und Levente eingesetzt. Den Reservisten aus Großwenkheim stellten die beiden den Friedhof bei einer Führung etwas genauer vor. "Überhaupt zum ersten Mal bekommen wir eine Führung auf einem Friedhof, auf dem wir arbeiten", stellte Herbert Schleier von den Reservisten fest. So erfuhr man, dass hier auch 63 Frauen beigesetzt sind, die während des Zweiten Weltkrieges getötet wurden. Sie waren als Krankenschwestern eingesetzt, oder waren zivile Opfer.


Überraschende Details

Besonders interessant war bei der Führung, dass Svenja und Levente einige Personen, die auf dem Friedhof begraben sind, genauer vorstellen konnten. Auch mit Bildern. Da war zum Beispiel Wilhelm Weber: Er ist mit 74 Jahren der älteste identifizierte Soldat, der in Lommel beigesetzt ist. Etwa 450 Soldaten, die in Lommel ihre letzte Ruhe fanden, sind über 50 Jahre alt gewesen. Wilhelm Weber gehörte wahrscheinlich zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot der deutschen Wehrmacht im Jahr 1944.

"63 Frauen sind auf dem Friedhof in Lommel beerdigt, die äteste Frau ist 68 und die jüngste ist 17", erklärte Svenja Baksein. "Die Frauen waren Krankenschwestern oder einfach Helferinnen. Wilhelmine Walter zum Beispiel war Krankenschwester beim Roten Kreuz", erzählt sie weiter, "sie hat einen Bekannten auf einem Friedhof besucht, vermutlich ihren Onkel. An diesem Tag fielen Bomben auf den Ort und den Friedhof, und dabei ist Wilhelmine Walter verstorben. Sie liegt heute mit ihrem Bekannten, den sie damals besucht hat, in Lommel begraben."


Ganz banale Gründe

Auf einem anderen Kreuz steht der Name von Josef Lieber. Auch über ihn hat man vieles erfahren. Josef Lieber war Ungar, allerdings ein ethnischer Deutscher. Er ist in Ungarn aufgewachsen, seine Mutter war Hausfrau, der Vater hat in der Fabrik gearbeitet, erzählt Svenja aus ihren Unterlagen. Die Familie hatte finanzielle Probleme, der Sohn wollte den Eltern helfen. Er hat einiges Tages Briefe der ungarischen und deutschen Armee bekommen, den Streitkräften beizutreten. Er sich für die deutsche Armee entschieden, weil er fand, dass die Uniform der deutschen Armee schöner und hochwertiger war als die ungarische, der Sold der Deutschen war besser und er hat vermutet, dass auch das Essen bei der deutschen Armee besser sei. Über ihn weiß man auch genau, wie er gestorben ist: Während einer Gefechtspause kam ein Postbote. Sein Name wurde gerufen. Ohne seinen Helm aufzusetzen, ist Josef Lieber aufgesprungen, um seine Briefe entgegen zu nehmen. Dabei wurde er durch einen Kopfschuss getötet. Josef Liebers Schwester kam letztes Jahr aus Australien nach Lommel, um das Grab ihres Bruders zu besuchen. Sie hatte Feldbriefe ihres Bruders dabei und den Angestellten der Friedhofsverwaltung die ganze Geschichte ihres Bruders zu Protokoll gegeben. "Das Beispiel von Josef Lieber zeigt", so Svenja Baksein, "das Krieg nicht immer schwarz-weiß ist, sondern dass hinter einigen Schicksalen ganz banale Geschichten stehen".

In diesem Jahr wurden die Großwenkheimer Reservisten wieder von der Bundeswehr unterstützt. Oberstabsgefreiter Chris Gampe (29) und Stabsgefreiter Julian Weller (21) aus der Mainfranken-Kaserne in Volkach übernahmen den Fahrdienst von und nach Lommel und arbeiteten auch zwei Wochen lang mit dem Großwenkheimer Reservistenteam auf dem Friedhof fleißig mit. Die beiden hatten sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet. "Es war eine sehr schöne Erfahrung", sagte Chris Gampe, der sich genauso wie sein Kollege einen solchen Einsatz sofort wiederholen würden.


Einsätze

Die Reservisten aus Großwenkheim haben bislang folgende Arbeitseinsätze auf Soldatenfriedhöfen in Europa absolviert:
7. bis 15. August 2000: Brueulles Sur Meuse/Verdun (Frankreich)
2. bis 24. April 2010: La Campe/Normandie (Frankreich)
3. bis 14. September 2012: Futa Pass (Italien)
4. bis 27. September 2013: Niederbronn/Elsass (Frankreich)
5. bis 21. Oktober 2014: Oglandes/Normandie (Frankreich)
6. bis 15. August 2015: Pomezia/Rom (Italien)
7. bis 18. Juni 2016: Noyers-Pont-Maugis (Frankreich)
9. bis 20. Oktober 2017: Lommel (Belgien)


Die Teams


In diesem Jahr nahmen folgende Reservisten am Arbeitseinsatz in Lommel teil: Gruppe 1 mit Edgar Schlembach, Gerhard Freibott, Erich Fries, Dennis Keßler und Anton Ziegler; Gruppe 2 mit Herbert Schleier, Wilfried König, Norbert Ziegler, Martin Ziegler, Benno Trost, Paul Ziegler und Günter Behr.
Bundeswehr Unterstützt wurden die Reservisten 2017 von der Bundeswehr (Fahrdienst) mit Chris Gampe und Julian Weller.