Irmgard Heinrich läuft durch ihren üppigen, naturbelassenen Garten. Die Luft riecht nach frischen Pflanzen. Bei den Borretsch-Sträuchern beugt sich die 76-Jährige herunter und schneidet einen Zweig ab. Die Frankenbrunnerin sammelt Kräuter und Blumen für einen Würzbüschel. "Früher hat jeder - auch die Kinder - Kräuterbüschel gesammelt.
Man ist raus und am Bach entlang", erinnert sich Irmgard Heinrich.

Würzbüschel sind in Süddeutschland ein alter Brauch in katholischen Gemeinden. Die Gläubigen binden Sträuße aus Kräutern und Blumen, die anlässlich von Mariä Himmelfahrt (15. August) in der Kirche gesegnet werden. Den volkstümlichen Brauch der Kräuterweihe gibt es vermutlich seit dem 10. Jahrhundert. Die geweihten Würzbüschel werden mit nach Hause genommen und sollen vor Krankheit, Gewitter und anderen Katastrophen schützen. Auch im Stall kamen die Kräuterbüschel zum Schutz der Tiere zum Einsatz. Doch welche Pflanzen kommen in den Würzbüschel? Die Auswahl und die Anzahl der Kräuter sind von Ort zu Ort verschieden.

"Jedes Rhönkind kennt diesen Brauch", sagt Inge Schlereth aus Waldfenster. Doch das Wissen, welche Kräuter und Blumen man in die Sträuße bindet, sei mit den Jahren in Vergessenheit geraten. Die 74-jährige Kräuterexpertin bietet für Gemeinden, Kindergärten und Interessierte Kurse zum Würzbüschel-Binden an.


Neun bis 99 verschiedene Kräuter

Auf ihrem Tisch steht ein fertiger Strauß. Sie erklärt, dass es mindestens neun oder 12 verschiedene Kräuter sein sollten. Es können auch 33, 77 oder für ganz tüchtige Kräutersammler 99 sein. Die Anzahl der Kräuter richtet sich nach den sogenannten heiligen Zahlen.

"Die Mitte bildet die Königskerze", sagt Schlereth: "Und der Hauptanteil war früher dann der Wermut", erklärt die Expertin. Sie kennt die Heilkräfte, die von den Kräutern ausgehen sollen. Wermutkraut gab man beispielsweise dem kalbenden Vieh. In ihre Sträuße kommen dann noch Beifuß, Brennnessel, Schafgarbe, Kamille, Johanniskraut, Pfefferminze und Ringelblumen. Diese neun Pflanzen bilden den Grundstock eines Würzbüschels in Waldfenster.

"Das Wissen ist in den Familien eigentlich drin", sagt Inge Schlereth. Sie möchte Menschen ermutigen, wieder selbst raus zu gehen und Kräuter zu sammeln. Zu ihren Kursen bringen die Menschen meistens "irgendwelche Kräuter mit, die sie gefunden haben", erklärt sie. Beim Würzbüschel-Binden gebe es keine feste Regeln, erläutert die 74-Jährige. "Jeder gestaltet seinen eigenen persönlichen Strauß", erklärt sie und fügt hinzu: "Man will und soll bewusst Farben mit rein machen." Die Würzbüschel, die nach der Kräuterweihe mit in die eigenen vier Wände genommen werden, sollen schön aussehen. Deswegen wählt man heutzutage zu den Heilkräutern farbenfrohe, dekorative Blumen.

Bunt ist auch der Strauß von Irmgard Heinrich. Sie hat alle benötigten Kräuter und Blumen aus ihrem Garten gesammelt. Die Frankenbrunnerin steht unter ihrer Gartenlaube und bindet die Pflanzen mit einem roten Band zu einem Strauß zusammen. Folgende Pflanzen kommen in ihren Würzbüschel: Königskerze, Lavendel, Borretsch, Zitronenmelisse, Ringelblume, Dahlien, Liebstöckel, Goldrute, Salbei, Kamille, "Blutströpfchen" (Großer Wiesenknopf) und Schafgarbe. "Diese Kräuter tun wir auf jeden Fall rein", sagt Irmgard Heinrich.


Die feierliche Kräuterweihe

Heute Nachmittag kommen noch zehn bis zwölf Frauen vom Gartenbauverein Frankenbrunn bei ihr vorbei. Zusammen binden sie jedes Jahr 120 Würzbüschel. Die Frauen tragen die Büschel in Trachten am Abend in die Kirche. Bei der Kräuterweihe am heutigen Samstag um 20 Uhr segnet der Pfarrer die Sträuße. Danach werden die Würzbüschel gegen eine freiwillige Spende an die Kirchenbesucher verteilt. Rund 120 Euro sammelt der Gartenbauverein damit jährlich. Die Spenden werden dieses Jahr für den Kirchenschmuck eingesetzt. So wie in Frankenbrunnen, lebt der Brauch in vielen Gemeinden im Landkreis weiter.

Zu Hause stellt man die Sträuße dann oftmals in eine Vase oder hängt sie zum Trockenen auf. Die Gläubigen erhoffen sich heilende und beschützende Kräfte durch die Würzbüschel. "Früher hat man gesagt: mit einem dünnen Haselnusszweig zusammenbinden und als Blitzabwehr oben unter das Dach hängen," erinnert sich Inge Schlereth. Die meisten hängen sie jedoch in der Wohnung auf, wo die Würzbüschel noch lange ihren Duft verströmen.