Er ist ein eleganter Segler und das inoffizielle Wappentier der Rhön: der Rotmilan. Vogelfreunde und Wanderer erfreuen sich an seinen Flugkünsten. Doch die Gabelweihe - wie sie auch genannt wird - hat nicht nur Freunde. Seit dem Frühjahr häufen sich Totfunde des streng geschützten Greifvogels in der Region. Mittlerweile ist klar, warum: Die Milane wurden vergiftet. Das zeigen Gutachten von Wissenschaftlern.

Tote Vögel: Erste Funde im Hammelburger Raum

Nach den ersten Funden bei Diebach und Untereschenbach im März - drei tote Rotmilane und ein Kolkrabe - veranlassten der Bund Naturschutz (BN) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) toxikologische Untersuchungen. Dem gingen laut Landratsamt Bad Kissingen Tests auf Geflügelpest voraus, die jedoch negativ waren. Es folgten die Tests auf Gift. "Es sind nicht alle getestet worden", sagt Elisabeth Assmann, vom BN. Bei drei Tieren entdeckten die beauftragten Wissenschaftler das Nervengift Carbofuran. Im Lauf der Zeit wuchs die traurige Bilanz der toten Tiere im Hammelburger Raum weiter auf insgesamt vier tote Milane, einen Silberreiher und zwei Mäusebussarde.

Tote Greifvögel fanden sich bald auch in einer anderen Region des Landkreises. Jäger entdeckten einen weiteren verendeten Rotmilan bei Windheim. Die Waidmänner schickten den Kadaver zur Untersuchung. Ihr Totfund ging nach München, an die Ludwig-Maximilians Universität. Todesursache war ebenfalls eine Carbofuran-Vergiftung. Der Jägerverein Bad Kissingen erstattete daraufhin Anzeige bei der Bad Kissinger Polizei.

Tückisches Nervengift

Bei Carbofuran handelt es sich um ein Insektizid, das in der EU seit 2007 verboten ist. Den Tieren wurde wohl ihre ureigene Lebensart zum Verhängnis, ernährt sich doch der Rotmilan unter anderem von Aas. "Aufgrund der Fach- und Sachlage sind Giftköder oder gedankenloses Ausbringen denkbar", sagt Christian Pörtner, Leiter der Hammelburger Polizei, die seit den ersten Funden ermittelt. Eine andere Möglichkeit stellt für den Polizisten eine Sekundärvergiftung dar. Dazu kommt es, wenn jemand mit Carbofuran beispielsweise Mäuse vergiften will und ein Milan dann den Mäusekadaver frisst. Fälle mit Greifvögeln und dem Nervengift gibt es immer wieder. Das zeigen Fälle aus ganz Bayern und dem gesamten Bundesgebiet. Die Rotmilane verenden unmittelbar nach der Aufnahme des Insektizids qualvoll an einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen.

Andreas Lutz vom Bayerischen Bauernverband: "Mit dem Mittel geht heute keiner mehr um. Es ist brandgefährlich."

Andreas Lutz, stellvertretender Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands im Landkreis Bad Kissingen, sagt: "Mit dem Mittel geht heute keiner mehr um. Es ist brandgefährlich." Das gilt nicht nur für den Aspekt der Gesundheit. "Wenn ich heute damit rausfahren würde, dann komme ich in Teufels Küche. Da sind wir im Bereich von Straftaten." Denn das Mittel ist seit 2007 EU-weit verboten. Mit dem Rotmilan haben die Landwirte keine Probleme: "Für uns ist das ein Vogel, der die Kulturlandschaft durch seine Lebensart im Gange hält. Er fliegt übers Feld, sieht eine Maus und sagt sich: Da gibts was zu Essen. Das freut uns."

Die Mitglieder des Bad Kissinger Jägervereins haben eine traurige Vermutung: "Wir wissen nicht um die Dunkelziffer", sagt Dr. Helmut Fischer, Vorsitzender des Bad Kissinger Jägervereins.

Nachdem die Wissenschaftler bei vier von fünf toten Rotmilanen Carbofuran nachgewiesen haben, liegt die Vermutung nahe, dass auch die anderen Vögel daran zugrunde gingen. Laut Nathalie Bachmann, der Pressesprecherin des Landratsamtes Bad Kissingen, steht derzeit noch das Ergebnis des toxikologischen Gutachtens zu einem Mäusebussard aus.

Nervengift in der Natur: Wer macht so etwas?

Und: Nicht nur Greifvögel sind in Gefahr. Bei Carbofuran handelt es sich um ein schnell schnell wirkendes Gift. Und Milane sind nicht die einzigen Aasfresser in der Natur. Für Elisabeth Assmann ist ein mögliches Auslegen von Giftködern unbegreiflich: "Es gibt keinen Grund so etwas zu machen. Es ist etwas Kriminelles." Dem pflichtet Christian Pörtner bei: "Sollte jemand mit dem gefährlichen Gift draußen Köder auslegen, die möglicherweise auch von Menschen berührt werden, ist das hochkriminell." Er appelliert: "Wenn jemand Altbestände des Gifts besitzt, sollte er das Mittel nicht gedankenlos verwenden, sondern sich über die Abfallberatung kundig machen, wie es zu entsorgen ist."

Carbofuran: Gefahr für den Menschen

Denn die Gefahr ist groß: Das Neurotoxin gilt als Kontaktgift und kann somit über die Haut aufgenommen werden. Deshalb sollten Spaziergänger tote Tiere in der Feldflur in keinem Fall berühren. Das Gift ist für Menschen hochgefährlich. Hunde sollten laut Polizei an der Leine ausgeführt werden und verdächtige Fleischstücke oder tote Tiere an die Polizei (09732/90 60) gemeldet werden.

Polizei ermittelt

Der Fall geht laut Christian Pörtner in den kommenden Tagen an die Wasserschutzpolizei in Schweinfurt (09721/202 0), die bei Umweltdelikten und in Sachen Naturschutz ermittelt. Laut Thomas Baumeister, dem stellvertretenden Dienststellenleiter der Bad Kissinger Polizei wird die Anzeige des Bad Kissinger Jägervereins ebenfalls dort weiterbearbeitet.

Hinweise auf einen Täter gibt es laut Christian Pörtner bislang nicht. "Wir bitten um Mithilfe aus der Bevölkerung."