Tierliebhaber wissen, was für ein großes Fotografen-Glück Markus Melzer im Staatsbad Bad Brückenau gehabt hat: Er erwischte tagsüber einen eigentlich nachtaktiven Waschbären. Und das niedliche Tierchen blieb tatsächlich so lange auf der Dachrinne und den Ziegeln eines Hauses sitzen, dass Markus Melzer tolle Fotos schießen konnte. Was Melzer sehr freute und das Herz von Tierfans höher schlagen lässt, treibt anderen Sorgenfalten auf die Stirn: Der Waschbär gilt bei vielen als Mülltonnen plündernder Schädling. Und er wird immer häufiger abgeschossen.

Das ist erlaubt, wie Lena Pfister vom Bad Kissinger Landratsamt erklärt: Der Waschbär darf ganzjährig geschossen werden.

Wie hoch die Population der possierlichen Tiere ist, ist schwer einzuschätzen, denn sie sind nachtaktiv. Jedoch: Sie haben sich stark vermehrt, sagt das Landratsamt.


Hohe Abschusszahlen

Galt der Waschbär lange als Exot, darf er mittlerweile schon als heimische Tierart bezeichnet werden. Und dementsprechend sind die Abschusszahlen in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. In diesem Jagdjahr - 1. April 2016 bis 31. März 2017 - wurden in Bad Brückenau 223 Waschbären erschossen. Zum Vergleich: im Jagdjahr 2011/12 waren es nur 43. Im Raum Hammelburg stieg die Zahl im gleichen Zeitraum von 88 auf 144, in Bad Kissingen von 16 auf 99.

Waschbären sind Allesfresser, sie ernähren sich sowohl von Pflanzen, als auch von anderen Tieren. Vor allem räumt der Bär mit der charakteristischen Gangster-Maske Nester aus - und zwar alle möglichen. Denn er ist nicht nur ein guter Schwimmer, sondern auch ein hervorragender Kletterer. Damit hat der Speiseplan des Waschbärs Auswirkungen auf die Tierwelt.


Heben auch Dachziegel an

Die kleinen Bären sind intelligent. Sie haben schnell begriffen, dass es in der Nähe des Menschen Futter gibt und räumen daher Mülltonnen aus. Ihre Pfoten können sie geschickt einsetzen, sodass sie in der Lage sind, Dachziegel anzuheben und sich so im Dachstuhl einzunisten.

Und es stimmt: Wer einmal den Schaden gesehen hat, den ein Waschbär im Dach eines Wohnhauses anrichten kann, der wird notgedrungen den Jäger oder die Jagdbehörde informieren müssen, um sich von dem Randalierer zu befreien: Sie zerstören sogar Rigips-Wände.

Wer aber, wie letztes Jahr in Züntersbach, eine Waschbärin samt drei Jungen in einer Scheune beherbergt und noch dazu ein Herz für Tiere hat, der freut sich über das fidele Quietschen der Babys unterm Dach. Im Züntersbacher Fall aber war die Kinderstube nach wenigen Wochen geschlossen: Die Mutter - Waschbärenmütter gelten als sehr fürsorglich - kam nicht mehr zum Nest im Stroh in der Scheune zurück. Überfahren? Erschossen? Es war nicht zu erfahren. Das traurige Ergebnis: Die drei Waschbär-Babys verhungerten jämmerlich.