Bei vielen Eltern von fünf- bis elfjährigen Kindern herrscht Verwirrung und Unsicherheit: sollen sie ihre Kinder jetzt gegen Corona impfen lassen oder nicht?

Die EMA hat die Zulassung eines Impfstoffs für Kinder dieser Altersgruppe empfohlen, die STIKO hat für gesunde Kinder vorerst keine Impfempfehlung ausgesprochen. Eltern fragen sich, was ist für ihre Kinder das geringere Übel: die Impfung oder eine Infektion mit Corona? - und fühlen sich bei ihrer Entscheidung von den Experten alleine gelassen.

Kinder gegen Corona impfen oder nicht? Viele Eltern sind verunsichert

Bernadette hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die Mutter von sechsjährigen Zwillingen hat sich anhand zahlreicher, seriöser Quellen informiert und intensiv mit ihrem Mann diskutiert: "Michael war von Anfang an dafür, aber ich habe mir schon Sorgen gemacht", erzählt die 35-Jährige. Dabei haben die Eltern Risiken und Vorteile lange abgewägt: "Bei unseren Jungs treffen zwei Faktoren zu: erstens haben sie täglichen Kontakt zu ihrer 82-jährigen Oma und damit zu Angehörigen mit hohem Risiko", erklärt Bernadette. "Außerdem sind sie als Extrem-Frühchen mit Lungenerkrankungen auf die Welt gekommen. Auch wenn sie jetzt gesund sind, haben wir einfach schon zu viel um sie gebangt."

Die Pflegewissenschaftlerin und der Notfallsanitäter haben ihre Kinder in die Entscheidung mit einbezogen und ihnen offen gelassen, Nein zu sagen. "Obwohl sie keine Fans von Spritzen sind, sind sie nun stolz darauf, dass sie mithelfen, Corona zu bekämpfen", sagt Bernadette lächelnd. Die Empfehlungen der STIKO kann sie nachvollziehen, aber "es wäre schon schön gewesen, wenn jemand den Eltern eine konkrete Hilfestellung bei dieser Entscheidung geben würde".

Nadja wird ihre fünf- und achtjährigen Mädchen definitiv nicht impfen lassen. "Meine Kinder sind gesund und haben alle typischen Kinderkrankheiten gut überstanden - also warum impfen?", fragt sich die 40-Jährige. "Ich erwarte keinen Schaden durch die Impfung, aber der Impfstoff ist nicht erprobt, es gibt viele Impfdurchbrüche - da frage ich mich, ob der Schutz ausreichen wird?" Es stört die Apothekerin sehr, dass es keine klare Linie seitens der Experten gibt: "STIKO-Chef Mertens hält einerseits den Impfstoff für sicher, andererseits würde er sein siebenjähriges Kind jetzt nicht impfen - das ist widersprüchlich!" Schlimm findet sie vor allem, dass so viele Freizeitaktivitäten für Kinder zur Zeit nicht möglich sind, "dabei sind Kinder sowieso schon die Leidtragenden der Pandemie!"

"Wenn Kinder wegen ihrem Impfstatus ausgeschlossen würden, wäre das wirklich schlimm"

Anja, Mutter einer Sechs- und einer Zehnjährigen, ist noch unschlüssig. "Es ist alles ziemlich vage. Ständig gibt es neue Varianten, neue Meldungen und dann ändert sich wieder alles - was kann man da noch glauben?", fragt sich die Krankenschwester. "Wenn es mehr Transparenz und Klarheit gibt, befolge ich den Rat von Experten gerne. Aber bis dahin warten wir lieber ab." Auch sie findet es wichtig, dass die Kinder ihre Hobbys ausüben können und einfach Kind sein können: "Wenn Kinder wegen ihrem Impfstatus ausgeschlossen würden, wäre das wirklich schlimm."

Auch Falk und Sandra sind noch hin- und hergerissen. Von ihren drei Kindern sind die Großen im Teenageralter bereits geimpft. Bei der Jüngsten mit acht Jahren möchten sie noch warten: "Wir sind nicht prinzipiell dagegen, aber uns ist kein schwerer Verlauf von Corona in ihrem Alter bekannt und wir wollen mehr Zahlen abwarten", sagt Sandra. Ihnen würde bei der Entscheidung ebenso eine klare Aussage der Experten helfen: "Bisher gibt es nicht viele Infos, die einen weiterbringen, aber die Pandemie ist ja für alle neu", sagt der Hochbautechniker. Sandra macht sich Sorgen, dass ungeimpften Kindern das soziale Umfeld genommen wird, "das darf man den Kindern nicht antun", findet die Radiologie-Assistentin.

Die Kinderärztin Gabriele Khazim empfiehlt Eltern von Kindern mit Vorerkrankung wie auch von gesunden Kindern die Impfung gegen Corona. "Es ist doch besser, möglichst viele Menschen gesund zu halten, als sie dem Virus auszusetzen", sagt sie. "Natürlich ist der Krankheitsverlauf bei Kindern bei einer Corona-Infektion meist mild, aber sie verbreiten das Virus oft unbemerkt."

Eine Quarantäne sei für Kinder einfach nur ätzend: Zur sozialen Isolation komme noch dazu, dass häufig die Eltern stärker erkranken, "da laufen die Familien am Limit!", gibt Khazim zu bedenken. In ihrer Hammelburger Praxis wie auch bei ihrer Arbeit im Impfzentrum hat die Kinderärztin gute Erfahrungen gemacht: "Wenn die Impfung im Familienkreis beschlossen wurde und Eltern positiv an die Sache ran gehen, dann sind die Kinder ganz anders drauf und die Verträglichkeit ist auch besser", bemerkt sie. "Und wenn sie dann hören, dass sie heute keine anstrengenden Aufgaben wie Zimmer aufräumen machen dürfen, ist die Begeisterung groß!"

Fazit: Alle befragten Eltern machen sich viele Gedanken und wägen Chancen und Risiken sorgfältig ab. "Ich denke, es ist eine individuelle Entscheidung und jede Familie muss ihren eigenen Weg finden", meint Bernadette nachdenklich, "wichtig ist, Verständnis für andere Wege als den eigenen, zu haben. Daran fehlt es momentan leider oft in unserer Gesellschaft."

STIKO & EMA: Das sind die Empfehlungen der Experten

Die STIKO ist die Ständige Impfkommission beim Robert Koch-Institut. Sie spricht in der Ausgabe 01/2022 ihres Epidemiologischen Bulletins vom 6. Januar 2022 (Seite 16-47) vorerst keine allgemeine COVID-19-Impfempfehlung für Fünf- bis Elfjährige aus. Hingegen gibt sie eine Indikationsimpfempfehlung, das heißt, sie empfiehlt eine Grundimmunisierung für die Kinder dieser Altersgruppe, die aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung haben.

Zusätzlich wird die Impfung fünf- bis elfjährigen Kindern allerdings empfohlen, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden. (https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2022/Ausgaben/01_22.pdf?__blob=publicationFile) *

Die EMA (European Medicines Agency), die Europäische Arzneimittel-Agentur, ist für die Beurteilung und Überwachung von Arzneimitteln zuständig. Sie hat am 25. November 2021 die Zulassung des Impfstoffs Comirnaty (BioNTech/Pfizer) für fünf- bis elfjährige Kinder in einer Dosis von 10 Mikrogramm empfohlen.