Der Name des Hausener Malers Robert Kirchner (1940-2009) ist in Fachkreisen bekannt, seine Bilder werden in Ausstellungen gezeigt und online gehandelt. Weitestgehend vergessen ist dagegen sein Vater, der Möbelschnitzer und Holzbildhauer Josef Kirchner (1897-1965), der zu Lebzeiten vor allem als Riemenschneider-Kopist einen guten Ruf hatte.
Josef Kirchner wurde am 17. Juli 1897 in Aschach als Sohn des gleichnamigen Möbelschreiners und -schnitzers Josef Kirchner (1874-1946) in bescheidene, aber auskömmliche Verhältnisse hineingeboren. Vater Kirchner hatte bis zum Ersten Weltkrieg mit üppig geschnitzten, historisierenden Möbeln - dem heute so genannten "Gelsenkirchener Barock" - gutes Geld verdient, wie Heimatforscher und Autor Werner Eberth im Kirchner-Kapitel seiner Chronik des Dorfes Hausen schreibt.
Es war ein konservatives, streng katholisches Elternhaus. So war es wohl auch selbstverständlich, dass Sohn Josef beim Vater in die Lehre ging und die Möbelschnitzerei erlernte.
Wenige Wochen vor seinem 25. Geburtstag heiratete Kirchner am 25. Mai 1922 die Aschacherin Monika Markart. Von ihren vier Kindern überlebten nur Lydia (1927), Hildegard (1934) und Robert (1940), ein erstgeborener Sohn Robert starb bereits 1937 an Blutvergiftung.
Mit 28 Jahren machte Josef Kirchner am 15. April 1926 seine Prüfung zum Schreinermeister. Wohl schon damals wird er sich bewusst gewesen sein, dass er mehr konnte, als nur Möbel zu schnitzen. Er wollte nämlich als Holzbildhauer und Kunstschnitzer seinen Unterhalt verdienen, weshalb er auch einen Standort näher zur finanzkräftigen Kundschaft Bad Kissingens und den Gästen des Staatsbades suchte.
Auf einem großen Grundstück an der Salinenstraße 97 ½ in Hausen, heute Untere Saline 17, ließ er sich nach eigenen Entwürfen ein dreigeschossiges Wohnhaus mit Werkstatt bauen mit dem Schriftzug "Kunstgewerbliche Werkstätte Josef Kirchner" an der Vorderfront. 1928 meldete er sein Gewerbe mit drei männlichen Beschäftigten und einer weiblichen Mitarbeiterin offiziell an. In den Anfangsjahren setzte er dort das beim Vater erlernte Handwerk der Möbelschnitzerei noch fort, weshalb ihn dieser auch dabei unterstützte und, wie Werner Eberth schreibt, täglich mit dem Fahrrad aus Aschach nach Hausen zur Arbeit kam.
Als die Nachfrage nach schweren Möbeln zurückging, dürfte sich Kirchner endgültig auf die Holzbildhauerei verlegt haben. Er fertigte Heiligenfiguren, zierreiche Kruzifixe und ähnliche Devotionalien, die nicht nur von Klöstern und Kirchen gefragt, sondern auch in katholischen Haushalten und bei Kurgästen begehrt waren. Kirchner, dem man wohl Geschäftstüchtigkeit nachsagen darf, stellte letztlich her, was der Markt verlangte, und versuchte, mit seinen Kunstwerken und sakralen Souvenirs auch im wörtlichsten Sinne "nah am Kunden" zu sein. So hatte er nicht nur unterhalb seines Wohnhauses in Hausen direkt an der Salinenstraße einen Verkaufspavillon, sondern noch einen zweiten neben dem Gradierbau an der Flaniermeile der Kurgäste. Beide Pavillons gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr.
Die längerfristige Anmietung eines innerstädtischen Kiosks an der Kurhausstraße direkt neben Bad Kissingens Grandhotel wurde ihm allerdings im Mai 1937 von der NSDAP-Kreisleitung untersagt. Die Bäderverwaltung, die den von ihr "widerrechtlich errichteten Kiosk" in der damaligen Adolf-Hitler-Straße ausschließlich für ein staatliches Reisebüro oder für Bäder- und Kurort-Werbung nutzen durfte, hatte ihn erst kürzlich an die Firma Kirchner in Hausen vermietet. "In der besten Geschäftslage des Weltbades Kissingen werden geschnitzte Kruzifixe und Heiligenfiguren ausgestellt." Dies missfiel der NSDAP, weshalb sie bei Missachtung dieses Verbots sogar mit dem Abriss des Kiosks drohte. Auch diesen gibt es längst nicht mehr.
Nur wenige von Kirchners Kunstwerken sind heute bekannt, da es kein offizielles Werksverzeichnis gibt. Wernert Eberth nennt einige wenige beispielhaft - wie die Riemenschneider-Madonna im Würzburger Neumünster, das Bildnis des Erzengels Michael, dessen Original einst die Bildeiche in Albertshausen zierte, aber längst in der örtlichen Pfarrkirche steht, oder die lebensgroße Figur des Bruders Konrad in der Bad Kissinger Jakobus-Kirche, den Kirchner je nach Wunsch der Auftraggeber wahlweise mit einem Knaben oder einem Mädchen herstellte. Auch dieses Beispiel zeigt die Offenheit Kirchners gegenüber Kundenwünschen. Der wirtschaftliche Erfolg fiel entsprechend aus, so dass der Holzbildhauer in besten Zeiten bis zu acht Mitarbeiter beschäftigen konnte.
Seine geschäftstüchtige Offenheit dürfte allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg ein Grund gewesen sein, weshalb die amerikanische Verwaltung ihn als "politisch belastet" einstufte, wie es auf einer Meldekarte im Stadtarchiv nachzulesen ist. Denn Kirchner stellte auf Kundenwunsch nicht nur Heiligenfiguren her, sondern auch die damals geschätzten Hitler-Büsten. Doch kaum war der Krieg verloren, waren in der Hausener Werkstatt keine Hitler-Köpfe mehr zu finden. In Windeseile hatte Kirchner diese Holzköpfe in Bildnisse des damaligen Papstes Pius XII. umgeschnitzt, erinnert sich Schwiegertochter Hildegard Kirchner aus frühen Erzählungen ihres Ehemannes Robert.
Ausgerechnet bei den Amerikanern gewann Kirchner begeisterte Kunden. Hatte er sich schon in früheren Jahren in seiner Kunstfertigkeit als Kopist von Riemenschneider-Figuren bayernweit einen Namen gemacht, "konnte er sich in den Nachkriegsjahren vor Aufträgen der Amerikaner kaum retten", weiß Schwiegertochter Hildegard aus Berichten. Jeder US-Soldat habe ein mittelalterliches Kunstwerk aus Deutschland in seine Heimat mitnehmen wollen.
Hildegard Kirchner traf ihren künftigen Schwiegervater das erste Mal 1961, also nur vier Jahre vor dessen Tod. So hat sie ihn selbst kaum mehr richtig kennenlernen können, sondern nur einiges durch seinen Sohn Robert erfahren. "Er starb ja schon am 1. Juli 1965 an Leukämie und war viele Monate vorher schon erblindet." Aber sie kannte Josef Kirchner noch als stattliche Erscheinung. "Raue Schale, weicher Kern", charakterisiert sie ihn. "Ich habe ihn immer bewundert." Bescheiden sei er gewesen und freundlich. "Aber er hat auch immer gewusst, was er wollte."

Quellenangabe: Werner Eberth: "Beiträge zur Geschichte von Hausen und Kleinbrach", Teil 3, Seite 101ff., Theresienbrunnen-Verlag, Bad Kissingen