Schweinekopf-Party, Hitler-Gruß, fehlende Munition: Vorwürfe gegen das Kommando Spezialkräfte (KSK) führten dazu, dass Ende Juli 2020 eine Kompanie ganz aufgelöst, 26 Soldaten daraus versetzt oder entlassen wurden und das gesamte KSK eine Galgenfrist bis Ende Oktober 2020 erhielt. Das Bundesverteidigungsministerium erarbeitete 60 Maßnahmen zur Reform der Eliteeinheit. An Nummer vier stand damals, dass die Ausbildung am KSK-Standort in Calw der Infanterieschule Hammelburg unterstellt wird. Auf mehrfache Nachfrage der Redaktion bestätigte die Infanterieschule nun, dass dieser Schritt bereits vollzogen ist.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) äußerte sich im Juni 2020 sehr deutlich zum KSK. Ihre Botschaft: So, wie es war, kann es nicht bleiben, und alleine kann sich das KSK nicht reformieren. Von "toxischer Führungskultur", "fehlgeleitetem Eliteverständnis" und "extremistischen Tendenzen" war die Rede. Mittlerweile steht zwar fest, dass das KSK bestehen bleibt, allerdings mit großen Einschnitten. In seinem "Abschlussbericht zur Umsetzung des Maßnahmenkatalogs" spricht Generalinspekteur Eberhard Zorn von "einer Aufarbeitung der Fehlentwicklungen und Missstände sowie umfassenden strukturellen Veränderungen im KSK, die faktisch einer Neuaufstellung dieses Verbandes gleichkommen".

"Familie der Infanterie"

"Künftig gehören die angehenden Kommandosoldaten zur ,Familie der Infanterie'", teilt Jan Volkmann, bisheriger Presseoffizier der Infanterieschule, auf Nachfrage mit. Der neu aufgestellte "Ausbildungsstützpunkt Spezialkräfte Heer" in Calw sei bereits seit 1. April 2021 der Infanterieschule unterstellt. Volkmann bezeichnet in seiner Mitteilung die Infanterieschule als "Alma Mater". Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff "Nähernde Mutter" und wird meist für Universitäten verwendet. Betont wird damit die Bedeutung der Infanterieschule als zentraler Ausbildungsstätte des Heeres, der bereits die Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald sowie die Luftlande-/Lufttransportschule in Altenstadt unterstellt sind.

"Wenn man sich Image- und Werbefilme der Spezialkräfte oder der Infanterie ansieht, besteht Verwechslungsgefahr, weil die Tätigkeiten des Einzelschützen weitgehend gleich sind", kommentiert Brigadegeneral Michael Matz als General der Infanterie und Kommandeur Infanterieschule die Neuordnung. Spezialkräfte im Heer bilden laut Matz jedoch auch weiterhin eine eigene, selbstständige Truppengattung. "Das ist sinnvoll, weil sie sich truppengattungsübergreifend rekrutieren und der Auftrag ein anderer ist als der der Infanterie."

Für die Dauer der Ausbildung in Calw gehörten angehende Kommandosoldaten zur "Infanteriefamilie". "Erst mit Abschluss der Ausbildung erhalten die Soldaten ihr Sonderabzeichen und werden zum Kommando versetzt", erläutert Matz. Der aus dem ehemaligen "Bereich Ausbildung" des KSK aufgestellte Stützpunkt bilde künftig einen Teil des Bereichs Lehre und Ausbildung der Infanterieschule unter Führung von Oberst Stefan Leonhard, gleichzeitig Standortältester auf dem Hammelburger Lagerberg. Über die genauen Auswirkungen für Hammelburg oder die Umverteilung der Dienstposten könne er noch keine Aussage machen, weil der Prozess "noch im Gange" sei, sagt Oberst Leonhard auf Nachfrage. Der Ausbildungsstützpunkt habe "eigene Elemente, die von der Führung bis hin zur Logistik reichen".

Teile der Ausbildung in Hammelburg

Neben der zweijährigen Basisausbildung der Kommandosoldaten führe der Stützpunkt mit Hilfe des KSK auch das so genannte Potenzialfeststellungsverfahren durch, heißt es weiter aus der Infanterieschule. Die Bewerber würden überprüft, "um die militärische Sicherheit zu gewährleisten", erläutert Oberstleutnant Lars Hans Obst, Leiter der Gruppe Lehre/ Ausbildung, und: "Die objektive Auswahlkonferenz der Bewerber wird durch eine Prüfgruppe durchgeführt, die durch den stellvertretenden Kommandeur des Ausbildungskommandos im Range eines Brigadegenerals geführt und durch hochrangiges Führungspersonal des Heeres ergänzt wird." Sprich: Künftige KSK-Mitglieder werden genau unter die Lupe genommen.

Einige KSK-Ausbildungen finden schon länger in Hammelburg statt, weitere sollen folgen. "In Hammelburg herrschen hervorragende Ausbildungsbedingungen für das infanteristische Handwerkszeug, welches jeder Kommandosoldat benötigt", sagt Oberst Leonhard. Deshalb werde die Hammelburger und die Calwer Ausbildung enger zusammenwachsen, etwa im Bereich der Schießausbildung. Schließlich gebe es enge Verflechtungen: "Schon bisher rekrutieren sich Spezialkräfte hauptsächlich aus den Kampftruppen beziehungsweise den infanteristisch eingesetzten Verbänden der Streitkräfte."

30 neue Dienstposten im Zentrum

"Der Bereich Ausbildung des KSK wird ins Heer eingegliedert", fasst General Eberhard Zorn die Maßnahme aus dem Bericht des KSK-Arbeitskreises zusammen. Zudem verweist er auf neue Dienstposten, die die KSK-Führung entlasten sollen: Demnach wurden für den Ausbildungsstützpunkt 30 zusätzliche Dienstposten geschaffen. Weitere neue Stellen gebe es für den Personal-Sektor, für Militärische Sicherheit und Logistik sowie für Truppenpsychologie, Psychiatrie und Psychotherapie. "Dieses Personal erhöht die Führungs- und Fachkompetenz sowie die Resilienz der Angehörigen des Verbandes", ist sich der Generalinspekteur sicher.

Mehr als 90 Prozent der geplanten Maßnahmen seien umgesetzt, betont Zorn, räumt allerdings ein, dass neue Probleme dazu gekommen seien. Deshalb seien "mittelfristig weitere enge Begleitung, Evaluierung und Nachjustierung" notwendig. Einer "überwältigenden Mehrheit der Angehörigen im KSK" attestiert Zorn in seinem Bericht "Verständnis, Entschlossenheit, Professionalität und Disziplin". Neben der Ausgliederung der Ausbildung gibt es weitere Änderungen: Unter anderem wurde die Dienstaufsicht neu geregelt und die Verwendungsdauer auf etlichen Dienstposten zeitlich begrenzt.