An Dramatik war die Flucht wohl nicht zu übertreffen, die sich am 15. August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze abspielte. Damals hatte der Münnerstädter Marius Halboth beschlossen, seiner DDR-Bekannten in einer ebenso verwegenen wie riskanten Aktion die Flucht in den Westen zu ermöglichen. Heute, 32 Jahre später, sagen beide, sie würden es in der gleichen Situation wieder tun. Dabei sind sie nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt. Denn die ungarischen Grenzbeamten hatten sehr wohl gemerkt, dass mit dem schwarzen BMW mit Kissinger Kennzeichen und seinem Fahrer etwas nicht stimmte.

Tini Lehmann stand damals kurz vor ihrem 20. Geburtstag. Sie war jung, hatte ihre Ausbildung zur MTA in der DDR gerade abgeschlossen und wollte - wie sie sagt - "immer schon weg". Da traf es sich, dass der Zufall Tini Lehmann und Marius Halboth zusammengebracht hatte. Der Münnerstädter war irgendwann um 1987 mit seinem Freund Rudi Henneberger zu einer Spritztour in den Osten aufgebrochen, um das Nachtleben zu testen. Sie hatten vom Wilhelm-Pieck-Jugendclub gehört und wollten dort feiern. Gefunden haben sie ihn, weil sie auf einem Parkplatz auf Tini Lehmann trafen und nach dem Weg fragten. Die junge Suhlerin hatte das gleiche Ziel und zeigte den beiden Westlern den Weg. Aus der ersten flüchtigen Begegnung wurde gute Bekanntschaft. Als Rudi Henneberger aus beruflichen Gründen später nicht mehr in die DDR einreisen konnte, hielt Marius Halboth den Kontakt aufrecht. Und schließlich entschied er sich, seiner Bekannten zu helfen, den Traum vom Leben im Westen zu erfüllen. Ihn habe damals auch der Nervenkitzel, das Abenteuer gereizt, gibt er unumwunden zu.

Als Fluchtroute wurde Ungarn ausgeguckt. Das sozialistische Land schien dafür weniger riskant als die DDR. Eigentlich hätte Tini Lehmann von dort durch die Drau nach Jugoslawien schwimmen sollen, wo sie Marius Halboth in Empfang nehmen wollte. Doch die junge Suhlerin wurde in Ungarn krank und war zu schwach zum Schwimmen. Nun musste Plan B funktionieren - die Flucht im Kofferraum von Halboths BMW.

Bis heute steht der Fluchtwagen in der Garage des Münnerstädters. Dort zeigt er, wie sich die junge Frau in den Kofferraum zwängen musste. Denn jede Minute dieser abenteuerlichen Flucht ist ihm bis heute im Gedächtnis geblieben. Viel Platz war im Versteck nicht, doch Tini Lehmann war gertenschlank und sportlich dazu. Sie wurde, kann man sagen, zwischen Gepäckstücken verstaut. Oben drüber kam eine Abdeckung. Mehr Tarnung war nicht möglich. Sie habe den Glauben und die Gewissheit gehabt, dass es es gelingt, sagt Tini Lehmann. Deshalb sei sie eingestiegen.

Als die Fahrt los ging, ahnte noch keiner von beiden, wie knapp es für sie werden würde. Marius Halboth hatte am Fluchttag auf regen Grenzverkehr gehofft, denn es war Ferienzeit; außerdem fand um diesen Termin herum der Große Preis von Ungarn statt. Doch ein ungarischer Grenzbeamter war aufmerksam. Er stoppte den Wagen des damals 30-Jährigen, nahm seinen Pass und öffnete den Kofferraumdeckel. Marius Halboth weiß noch, dass der Mann das Gepäck abtastete. Das war auch der Moment, in dem Tini Lehmann wirklich Angst bekam. Sie spürte die Hand des Grenzbeamten bereits an ihrem Bein.

Das Glück für beide war, dass der Grenzer jedoch erst einmal vom Kofferraum abließ und zur Fahrertür zurückging. Er wollte, dass Marius Halboth selbst das Gepäck ausräumt und ihm zuvor seine Autoschlüssel aushändigt. Dabei habe der Mann seinen Arm an die geöffnete Fahrertür gelehnt, erinnert sich Halboth.

In diesen Sekunden musste der Münnerstädter blitzschnell entscheiden: Aussteigen und in den Knast gehen oder volles Risiko. Er entschied sich für die zweite Version, weil er daran glaubte, dass "in Ungarn nicht geschossen wird". So drückte er geistesgegenwärtig mit dem Fuß aufs Gaspedal, hatte aber leider noch den 3. Gang im Getriebe. Irgendwie sei es ihm gelungen, trotzdem loszukommen; er konnte den Grenzer an der Fahrertür im wahrsten Sinne des Wortes abschütteln. Mit geöffneten Kofferraumdeckel ging die Fahrt durch die Grenzanlagen - hinter ihm Trillerpfeifen, vor ihm langsam sinkende Schranken. Mit einem letzten Ruck gelang es dem Fluchthelfer, seinen Wagen auf die Gegenspur zu bringen und von dort auf gefühlt ewig langen 300 Metern endlich auf österreichischen Boden zu gelangen.

Bei den Grenzbeamten dort angekommen, hatte man von den Vorfällen auf ungarischer Seite noch nichts mitbekommen, erzählt Marius Halboth. Die Einreise sei unproblematisch gewesen. In weiser Voraussicht hatte Halboth einen zweiten Pass einstecken, den er jetzt vorzeigen konnte. Sein anderer war ja in den Händen des ungarischen Grenzbeamten geblieben.

Es waren geschätzte 20 Minuten, "die an Dramatik nicht zu übertreffen waren", sagt Marius Halboth heute rückblickend. "Es war wie bei James Bond, nur die Schüsse fehlten!" , meint Tini Lehmann. Als sie in Österreich aus dem Kofferraum stieg, sei sie einfach nur glücklich gewesen. "Es hat so sollen sein", glaubt sie. Marius sei ihr Engel. Leid tut ihr jedoch, dass ihre Eltern in Suhl nach ihrer Flucht aus der DDR eine schwere Zeit hatten. Aber daran denkt man nicht, wenn man jung ist, meint sie.

In Münnerstadt erholte sich Tini Lehmann 1989 erst einmal von den Strapazen der Flucht. Marius Halboth meldete von hier aus die geglückte Flucht. Zwei Tage später saßen zwei Männer vom Verfassungsschutz in seiner Wohnung. Sie überprüften, ob er nicht eine Spionin eingeschleust habe. Doch alles klärte sich auf.

Lange Zeit wohnte und lebte Tini Lehmann in Unterfranken. Heute ist sie wieder dort, wo alles begann: in Suhl. Ihre Entscheidung zur Flucht hat sie jedoch keine Sekunde bereut.