Das Schweinfurter Frauenhaus ist für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder oft eine Zuflucht. Sabine Dreibholz ist die fachliche Leiterin. Sie sieht die Corona-Krise mit Sorge. Derzeit erreichen sie zwar keine vermehrten Anfragen nach Aufnahme ins Frauenhaus oder nach einer Beratung, "aber das ist die Ruhe vor dem Sturm". Sie ist sich sicher: "Wenn es in Familien vorher gekriselt hat, der Mann zur Gewalt neigt - dann wird es jetzt eskalieren, weil Täter und Opfer keine Fluchtmöglichkeiten haben."

Saale-Zeitung:

Frau Dreibholz, wie meinen Sie das?

Sabine Dreibholz: Täter konnten vor der Ausgangsbeschränkung ihre Wut vielleicht im Außen wieder einfangen. Doch soziale Treffpunkte wie Kneipen oder Sportvereine sind derzeit geschlossen, die Arbeits- und Sozialkontakte brechen weg, die Kinder sind Daheim. Hatte vorher jedes Familienmitglied seine eigene Tagesstruktur und Aufgaben, sind sie nun alle auf sich zurückgeworfen. Innerhalb der eigenen vier Wände wächst jetzt die Gefahr, dass Frauen und Kinder vermehrt Opfer von Gewalt werden. Und auch für die Frauen ist es schlimm, denn sie können jetzt nicht einfach schnell zur Freundin, wenn sie merken: Er verändert sich, die Stimmung kippt, er wird aggressiv.

Haben Sie vermehrt Anfragen?

Momentan noch nicht, wir rechnen aber stark damit. Wir bieten derzeit wegen der Corona-Epidemie Beratung am Telefon an.

Das könnte aber schwierig werden für die Frauen: In den eigenen vier Wänden hört der Mann doch mit.

Ja, die Telefonate sollten die Frauen ausserhalb der vier Wände führen, z.B. im Rahmen des Einkaufs. Wir haben auch die Polizei gebeten, jetzt verstärkt vom Recht Gebrauch zu machen, Platzverweise auszusprechen.

Nehmen Sie denn Frauen auf?

Ja, das tun wir. Aber auch wir müssen fragen: Haben Sie Erkältungssymptome? Hatten Sie Kontakt zu Infizierten? Es kommt auch auf den Schutz unserer Bewohnerinnen, ihrer Kinder und der Mitarbeiterinnen an.

Wie schützen Sie sich und die Mitarbeiterinnen?

Wir versuchen, Abstand zu halten. Die Kinderbetreuung findet eingeschränkt statt, beispielsweise nur die Kinder aus einer Familie und ausschließlich draußen.

Apropos Kinder: Die soziale Kontrolle durch Lehrer oder Kindergärtner fällt ja nun auch weg. Oft werden dort Striemen oder veränderte Verhaltensweisen entdeckt.

Das ist vollkommen richtig, für die Kinder gibt es gerade keine soziale Kontrolle oder sie ist stark eingeschränkt. Auch für die Mütter, die einem gewalttätigen Partner ausgesetzt sind, ist das schlimm. Wo sie sich früher Entlastung oder Hilfe holen konnte wie Kindergarten, Schule oder Hort, oder Beratungsstellen fällt das nun weg. Viele Frauen in gewalttätigen Situationen sind derzeit ausgeliefert.

Das klingt ehrlich gesagt frustrierend.

Auch wir müssen von Tag zu Tag blicken. Aktuell ist unser Angebot dahingehend eingeschränkt, dass wir zwar Frauen und Kinder aufnehmen, jedoch Fragen zum Infektionsrisiko stellen und im Frauenhaus zu unser aller Schutz die soziale Distanzierung einhalten müssen. Zur Zeit leben Säuglinge und Kleinkinder im Haus. Und ich möchte darauf hinweisen, dass wir weiterhin telefonische Beratung anbieten und so den Anruferinnen weiter helfen können. Die Anlaufstelle Sexuelle Gewalt ist an Mädchen und Frauen ist weiterhin unter der Telefonnummer 09721/185233 besetzt . Es läuft ein Anrufbeantworter und die Kollegin ruft zeitnah zurück.

Enrico Ball ist Pressesprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken. Er sagt zum Thema häusliche Gewalt im Ermittlungsbereich Unterfranken: "Im Vergleich der ersten beiden Märzwochen 2020 (01.03.-14.03.) mit der dritten bis vierten Märzwoche 2020 (15.03.2020-28.03.) ist keine steigende Tendenz feststellbar. Vergleicht man den März 2019 bis 30.03. mit dem März 2020 bis 30.03. ist ebenfalls keine steigende Tendenz feststellbar." Im Bereich Schweinfurt (Main-Rhön) wurden 2018 703 Anzeigen im Bereich häusliche Gewalt aufgenommen.