Aus Respekt vor dem Alter seines ältesten Mitglieds ging Helmut Beck sogar in die Knie: Am Freitag feierte Ingeborg Unger ihren 103. Geburtstag, zu dem der VdK-Ortsvorsitzende gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Lorette Weiß die Glückwünsche des Sozialverbandes aussprach und der gebürtigen Berlinerin auf Knien einen Geschenkkorb mit Leckereien überreichte.

"Das kann ich doch gar nicht alles allein essen", war prompt die Reaktion der zierlichen Seniorin, die noch immer in ihrem Haus in Reiterswiesen allein lebt, gelegentlich vom Neffen liebevoll unterstützt.

Ansonsten versorgt sie sich nicht nur selbst, sondern putzt auch das Haus, "solange ich mich bücken kann". Sorgen, dass dies bald nicht mehr der Fall sein wird, braucht man sich anscheinend nicht zu machen. Denn trotz ihres ehrwürdigen Alters ist sie auf keinerlei Medikamente angewiesen, wie sie ausdrücklich betont.

Erinnerungen an Berlin

Sogar die Hausnummer der väterlichen Fabrik weiß sie noch. In der Prenzlauer Straße 41, nahe am Berliner Alexanderplatz, führte der Vater die einst vom Großvater gegründete Fabrik Schubert & Sohn, zur Zeit ihrer Geburt die "größte Türschliesser-Fabrik Europas". Erst nach dem Bau der Mauer siedelte Ingeborg Unger Anfang der Sechziger Jahre mit ihrem zweiten Ehemann aus Ost-Berlin in die Bundesrepublik über. Ihr Mann, "ein Fachmann für Kugellager", hatte in der DDR wegen seiner Westkontakte die Arbeit verloren und nun in Schweinfurt eine neue Anstellung gefunden. "Aber Bad Kissingen war zum Wohnen schöner", weshalb sich das Paar oberhalb des Krankenhauses ihr Haus baute. Die Nähe zum Krankenhaus war praktisch. Denn nach wenigen Jahren als Hausfrau und Mutter fand Unger dort 1970 eine Anstellung als Sekretärin der Geschäftsführung, wo sie bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 1985 arbeitete.

Später war sie durch die Pflege ihres Mannes bis zu dessen Tod im Jahr 1999 in Anspruch genommen. Seitdem lebt die Seniorin allein in ihrem Haus, wo es genug zu tun gibt. In ihren Ruhestunden löst sie gern Kreuzworträtsel. "Keine Zeitung in Griffnähe ist deshalb vor ihr sicher", versichert ihr Neffe. Natürlich gehört auch die Heimatzeitung zu ihrer täglichen Lektüre. Obwohl sie das Tagesgeschehen in der Stadt aufmerksam verfolgt, gibt es nichts, worüber sie sich ärgern könnte. "Hier oben auf dem Berg betrifft es mich ja nicht." Früher führte sie ihre Hunde aus. Doch seitdem sie nicht mehr allein auf die Straße geht, hält sie sich eine Katze. Und in den Sommermonaten zupft sie das Unkraut im Garten. Nach getaner Tagesarbeit und einigen Kreuzworträtseln gönnt sich die 103-Jährige allabendlich vor dem Schlafengehen "nur einen Schluck Likör". Ob sie noch einen unerfüllten Wunsch hat? Eigentlich nicht, winkt die Seniorin ab. Aber dann fällt ihr doch noch etwas ein: "Ich möchte noch einmal nach Berlin und mir das neu erbaute Stadtschloss ansehen." Den kürzlich eröffneten Museumsbau mit nachgebauter Fassade kennt Ingeborg Unger noch im historischen Originalzustand: "Wenn mein Vater dort Reparaturen auszuführen hatte, durfte ich manchmal mitgehen."