Julia Katanaev hat sich eine Schwimmnudel unter die Arme geklemmt. Unterstützt von dem gelben Schaumstoffhelfer kommt die neunjährige zügig durchs Wasser. Angst hat sie keine, richtig sicher ist sie im Wasser allerdings noch nicht. Nachdem Julia die 25 Meter lange Bahn im Bad Kissinger Hallenbad gepackt hat, steigt sie aus dem Becken und wartet auf den Rest der Gruppe.

"Sie will regelmäßig schwimmen", erzählt ihre Mutter Olga. Sport ist das Lieblingsfach der Drittklässlerin, im Sommer geht sie regelmäßig ins Terrassenfreibad. Damit das Schwimmen im Winter nicht zu kurz kommt, wurde Julia für einen Anfängerkurs angemeldet. "Ich möchte, dass sie es richtig lernt", sagt Olga Katanaev. Julia hat zwar Schwimmunterricht in der Schule, ihre Mutter findet es aber auch wichtig, es ihr auch privat beizubringen.


Schwimmkurse boomen

Bäder werden - wie jetzt in Wildflecken und vor Jahren in Münnerstadt - geschlossen. Im Lehrplan ist der Schwimmunterricht teilweise komplett abgesoffen. Rund jedem vierten Grundschüler im Landkreis bleiben Besuche im Hallenbad komplett verwehrt. Viele Eltern wenden sich deshalb an private Schwimmschulen und an Vereine. Norbert Klodwig etwa bietet seit sechs Jahren Kurse im Bad Kissinger Hallenbad an. Er ist Übungsleiter für die Delphin Kinderschwimmschule, einem gemeinnützigen Verein aus Stuttgart. So eine große Nachfrage wie diesen Winter hatte er noch nie. Vier Kurse waren es am Anfang, jetzt sind es sechs. "Ich habe aus dem ganzen Landkreis Anmeldungen bekommen", sagt er. Burkardroth, Elfershausen, Maßbach. Bei dem Großteil der Kinder handelt es sich um Anfänger im Vor- und Grundschulalter. "Mein Prinzip ist, es muss Spaß machen. Die Kinder sollen sich ein Leben lang über und unter Wasser wohl fühlen", meint der 73-Jährige. Die größere Nachfrage schiebt er unter anderem auf die kleinkinder- und familienfreundlichen Kurszeiten am Samstagvormittag sowie Donnerstag- und Freitagnachmittag.

Der Förderverein Gesundheitszentrum Bad Kissingen deckt mit seinen Schwimmkursen vom Baby bis zum Grundschüler alle Altersgruppen ab. Der Bedarf der Eltern ist laut Organisatorin Daniela Wehner riesig. "Wir haben eine Warteliste von vier bis fünf Monaten", berichtet sie. Das liege daran, dass es im Verhältnis zur Nachfrage in der Region zu wenige Angebote gibt, Der Verein bemühe sich, das Programm auszubauen, allerdings sei es schwer, zu gewissen Zeiten freie Bäder zu buchen.


Jahrelange Wartelisten

Auch die Schwimmschule Melanie registriert eine zunehmende Nachfrage. Leiterin Melanie Hannemann bringt rund 100 Kindern in Bad Brückenau und Bad Königshofen das Schwimmen bei. Wer bei ihr in einen Kurs möchte, muss sich rechtzeitig anmelden. Die Wartezeit beträgt mehr als ein Jahr. "Wir profitieren davon, dass die Schulen wegfallen", meint sie. Im Sinntal und im Sinngrund gebe es nur wenige Bäder. Wer Schwimmunterricht möchte, kommt nach Bad Brückenau. "Dass das Hallenbad in Wildflecken schließt, wird uns auch treffen", schätzt Hannemann.


Für drei Jahre ausgebucht

Der Kinderkurs der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Bad Kissingen ist sogar auf bis zu drei Jahre ausgebucht. "Wir sind voll bis oben hin", sagt der Ortsvorsitzende Markus Brandl. 20 Kinder im Kurs und 80 beim regulären DLRG-Abendtraining werden im Wasser ausgebildet. Mittlerweile melden sich sogar viele junge Erwachsene an, weil sie nicht richtig Schwimmen können, aber eine Ausbildung wie den Rettungsschwimmer für ihr Berufsleben benötigen. Bundeswehr, Polizei, Physiotherapie: In einigen Berufen gehört ein Schwimmschein dazu. "Der Nachwuchsmangel ist nicht das Problem", sagt Brandl. Dass Hallenbäder aus Kostengründen geschlossen werden, hält er für bedrohlicher.