Es war bereits das zweite Gastspiel der Künstlerin in Bad Brückenau, die in der Galerie "Form + Farbe" erneut vor vollem Haus auftrat. Rund zwei Stunden lang erlebte das Publikum beste Unterhaltung. Wortwitz, einfühlsame Gesangsnummern sowie eine ausgeprägte Mimik und Gestik prägten einen Abend, bei dem sich krachende Lacher und nachdenkliche Stille bei den Zuschauern abwechselten.

Im Gegensatz zu einem klassischen Konzert brauche man für ihre Darbietungen keinen Beipackzettel, hatte Birgit Süß bereits zum Einstieg versprochen. Trotzdem wolle sie etwas mehr bieten als jenes Missverständnis von begrenzter Kultur, die bei vielen schon beim Tatort anfange und abrupt bei Inga Lindström aufhöre.


Highheels und Stollenschuhe

Dann nahm sie den Literaturmarkt auf die Schippe. Wenn beispielsweise schon ein Malbuch für Erwachsene ganz oben auf den Bestsellerlisten stehe, könne doch irgendetwas nicht stimmen, meinte sie. Und wer brauche eigentliche die Vielzahl von Ratgebern mit in der Regel unpraktikablen Tipps für jede noch so absurde Lebenslage.

Etliche Spitzen verteilt die Kabarettistin bei der Betrachtung der Schlagerbranche, was in dem Lied "Meine Mutti ist ein Fan von Helene - der Sirene" gipfelt. Dieser eingängliche Song besitzt Hitpotenzial.

Dass sich angeblich immer mehr Frauen für Fußball interessieren, ist in den Augen der Würzburger Künstlerin nur konsequent. Schließlich seien Highheels ja nichts anderes als die Straßenvariante des Stollenschuhs.
Kopfschüttelnd seziert Birgit Süß die Auswüchse der Kosmetikindustrie, findet nach kurzem Nachdenken aber rückblickend doch noch einen tieferen Sinn: "Wenn Hitler einmal zur Typberatung gegangen wäre, wäre uns einiges erspart geblieben".

Die Frage nach dem schwärzesten Tag der deutschen Geschichte vermag niemand aus dem Publikum so richtig zu beantworten. Für die Künstlerin liegen die Fakten dagegen klar auf der Hand. Es sei der von den Grünen ausgerufene Veggie-Day gewesen, "als man uns die Sau vom Teller ziehen wollte".

Im zweiten Teil des Programms, das musikalisch einfühlsam von Chris Adam begleitet wurde, widmet sich Birgit Süß in erster Line dem Thema Älterwerden. "Und du bemerkst mit leisem Schrecken, selbst im Schritt bist du ergraut", bilanziert die Kabarettistin, die auch schon mit beiden Beinen in der zweiten Lebenshälfte steht. Solche Sprüche arten bei ihr aber nie zu Plattitüden aus. Bei ihr wird man eher an das Sprichwort "Kindermund tut Wahrheit kund" erinnert.

Und schon macht wie weiter: Die Generation der heutigen Senioren sei in vielerlei Hinsicht aktiv, "Stretching statt Stützstrümpfe" laute das Motto. Vor den "Rowdies am Rollator" mit ihrer kriminellen Energie müsse man sich schon jetzt überall in Acht nehmen. Gravierend verändert habe sich die Bedeutung des Friedhofs. Er sei heute zur "Kennenlernbörse für Oma und Opa" geworden und biete eine gute Möglichkeit, sich einen attraktiven "Lebensendabschnittsgefährten" zu angeln.

Eine besondere Beobachtung hat Birgit Süß auf Beerdigungen gemacht. Da werde in erster Linie nicht um die Verstorbenen geheult, sondern darüber, "dass das Alles soviel kostet".

Von den Alten zu den ganz Jungen: Im temperamentvollen Finale des Gastspiels widmete sie sich dem Nachwuchs, der nach Ansicht der Kabarettistin heute viel zu sehr bemuttert wird. "Wir haben auch ohne Kinderhelm überlebt. Wir haben uns noch mit der Schaufel faustdicke Dellen ins Hirn geschlagen", erzählt sie aus ihrer Jugend. Und auch das ganze Getue um die richtige Ausdrucksweise geht ihre gehörig auf den Geist: "Wenn Sie heute einem Kind ein Mohrenkopfbrötle in die Schule mitgeben, steht morgen das Jugendamt bei Ihnen vor der Tür".

Langanhaltender Beifall bewies, dass Birgit Süß mit ihrem Auftritt erneut den Nerv ihres Publikums getroffen hatte, auch wenn das Lachen den Zuschauern ab und zu fast im Halse stecken geblieben ist. Aber das war wohl auch die Absicht von Birgit Süß. Schließlich ist das echte Leben auch nicht immer süß.