Der Abfallkalender des Landkreises hängt an der Wand, genauso wie ein Weihnachtsstern mit einem Teelicht darin. Rosalinde Eckart (Name von der Redaktion geändert) lebt sehr einfach. Ihre Wohnung hat vieles nicht, was für andere selbstverständlich ist. Ein Bett zum Beispiel. Sie schläft auf einer Matratze auf dem Boden. Zuhause trägt sie eine Jacke, als wäre sie draußen unterwegs. Es ist kalt in den Räumen.

Im Schlafzimmer steht der Napf auf dem Boden, aus dem ihre Hündin Lotte (Name von der Redaktion geändert) immer gefressen hat. Hundefutter steht unmittelbar daneben, die Tüten sind voll. Die Frau, die 56 Jahre alt ist, sucht Spielzeug zusammen, das sie für ihre Hündin aufbewahrt: ein kleiner Fußball, ein Teddy, ein Dackel mit Weihnachtsmütze. Was bedeutet ihr der Hund? "Alles", sagt Eckart. Dann lacht sie nervös. "Ich weine viel."

Alles begann damit, dass Eckart im Frühjahr ihre Wohnung in Wildflecken verließ. "Es war eine Flucht", sagt sie und spricht von der Diagnose Schizophrenie. Sie trieb sich in mehreren Städten herum, schlief in offen gelassenen Autos oder in Hausfluren. Lotte war immer dabei. Schließlich, Mitte Juni, greift die Nürnberger Polizei sie in einem Zustand von Wahnvorstellungen auf. Sie habe gedacht, in dem Hund eines Passanten einen ihrer früheren, längst verstorbenen Hunde erkannt zu haben, erzählt sie rückblickend. "Ich war total auf dem Horrortrip."

Hündin musste operiert werden

Sechs Wochen lang wurde Eckart im Bezirkskrankenhaus Ansbach behandelt. Das Tierheim Nürnberg versorgte derweil ihre Hündin. "Der Hund hat dringend eine Operation gebraucht", schildert Tierheimleiterin Tanja Schnabel. An der Milchleiste habe sich Krebs ausgebreitet. Zudem sei das Fell des Tieres verfilzt gewesen. "Es ist nicht zulässig, einem Tier Schmerz oder Leiden zuzufügen", stellt Schnabel klar.

Die Kosten für die Versorgung des Hundes und die anstehende Operation drohten, sich auf mehr als 3000 Euro zu summieren. Deshalb übertrug Nataly Seckler, die während des Aufenthalts in der Psychiatrie als gesetzliche Betreuerin eingesetzt war, Lotte dem Tierheim. "Ich weiß, was Frau Eckart ihr Hund bedeutet. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht", erklärt sie ihr Handeln. Niemand habe ihr sagen können, wie lange die Behandlung noch dauern würde. Eckart selbst sei nicht in der Lage gewesen, die finanziellen Folgen zu begreifen.

Am 26. August wurde Eckart schließlich entlassen. Ihr Zustand ist stabil. Die gesetzliche Betreuung konnte unter beiderseitigem Einvernehmen beendet werden. Seitdem setzt sie alles daran, ihren Hund wiederzubekommen: " Alle hier im Dorf sagen, der hat's gut bei mir." Hilmer Ott sagt das auch. Er hat den Betreuungsdienst Betro für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Wildflecken aufgebaut. Er kennt Rosalinde Eckart und ihre Hündin Lotte schon lange. "Von meiner persönlichen Beobachtung her kann ich sagen: Sie hat den Hund sehr gern gehabt und sich auch um ihn gekümmert."

Bitte um Spenden

Ein Nachbar bestätigt das. "Sie hat sonst niemanden als diesen Hund", fügt Ott hinzu. Allerdings weiß er auch um die Erkrankung der Frau. Als sprunghaft, hilflos und sehr krank beschreibt er Menschen wie sie. Dennoch spricht er sich dafür aus, dass der Hund nach Wildflecken zurückkehrt. Auch die gesetzliche Betreuerin sieht das so - wenn nicht die hohe Summe im Raum stehen würde, die die Versorgung des Hundes im Tierheim verursacht hatte.

"Ich hatte eine Psychose", sagt Eckart. Es klingt sehr klar und reflektiert. "Schuld bin im Endeffekt ich selbst." Nun möchte sie Spenden sammeln, um die Kosten begleichen zu können. "Mein Wunsch ist, dass ich Lotte wiederkriege, so schnell wie möglich", sagt sie. Dafür wäre sie auch bereit, eine regelmäßige Kontrolle im Sinne des Tierwohls zu akzeptieren.

"Der Hund gehört uns", sagt hingegen die Tierheimleiterin. Interessenten, die Lotte gerne aufnehmen würden, hätten sich schon bei ihr gemeldet. "Ich gebe ein Tier nicht dorthin zurück, wo sich nicht um es gekümmert wird", sagt Schnabel.

Das sind die gesetzlichen Grundlagen: Die Betreuungsstelle des Landratsamts Bad Kissingen bestätigt, dass gesetzliche Betreuer - sofern ihnen vom zuständigen Amtsgericht die Vermögensverwaltung übertragen wurde - Entscheidungen über das Eigentum der Betreuten treffen dürfen. Grundsatz sei immer, eine Verschuldung psychisch erkrankter Menschen zu verhindern.

Das ist der medizinische Hintergrund: Psychisch kranke Menschen haben oftmals Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Daher ist ein Tier eine Art "Ersatzbeziehung", erklärt Helena Heinrich, Sozialpädagogin im Zentrum für Seelische Gesundheit am König-Ludwig-Haus in Würzburg. Der Mensch erfährt Zuneigung, denn Tiere bewerten und entwerten nicht. Den Verlust eines Tieres empfinden psychisch Erkrankte so, als wäre ein Familienmitglied abgegeben worden. Ein wichtiger Halt im Leben fehlt.