Mehr Menschen leiden aktuell unter Stress, Angst und Depressionen. Das ist vor allem auf die Pandemie und die Begleiterscheinungen wie soziale Isolation und wirtschaftliche Engpässe zurückzuführen. Eine Gesundheitsstudie hat festgestellt, dass Frauen unter 60 davon besonders betroffen sind. Konstantinos Koutsonasios, Chefarzt der Limes Schlossklinik Fürstenhof im Staatsbad, kennt die Praxis. Im Gespräch verrät der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Privatklinik auch, ob gut situierte Menschen momentan eher vor psychischen Erkrankungen gefeit sind. Matthias Lutsch, Geschäftsführer der Klinik, begleitet das Gespräch.

In einer Sonderbefragung im Rahmen einer deutschen Gesundheitsstudie wurde festgestellt, dass es seit Beginn der Pandemie zu einer Zunahme von Angst und Depressionen kommt. Zeichnet sich das für Sie hier im Alltag ab?

Dr. Konstantinos Koutsonasios: Wir haben täglich mit Patienten zu tun, die zu rund 80 Prozent angeben, dass die Pandemie als ein auslösender Faktor für die derzeitige psychische Krise an erster oder zweiter Stelle steht. Das ist ein sehr großer Anteil. Allgemein muss man sagen, dass dies vorwiegend Patienten mit affektiven Störungen, also Depressionen und bipolare Störungen, sowie Zwangs-, Angst- oder Schlafstörungen betrifft. Bei der Entstehung dieser Erkrankungen spielen psychosoziale Faktoren eine große Rolle, und die Pandemie kommt mit vielen solchen Belastungen einher.

"Weniger geschlechterspezifisch"

Jüngere Frauen sollen davon besonders betroffen sein. Warum?

Koutsonasios: Die Auswirkungen der Pandemie auf psychische Erkrankungen ist primär störungsspezifisch und weniger geschlechterspezifisch. Depressionen kommen allgemein häufiger bei Frauen vor als bei Männern. Ich kann mir vorstellen, dass sich das auch bei den Studien während der Pandemie widerspiegelt.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für die Patienten, die deshalb zu Ihnen kommen?

Koutsonasios: Das hängt ganz von der Art und Ausmaß der psychischen Störung ab. Wir bieten eine engmaschige psychologisch-psychotherapeutische Begleitung, aber auch medikamentengestützte Therapie an. Zusätzlich werden individualisierte Spezialtherapien, zum Beispiel Sporttherapie, Ergotherapie, Körperpsychotherapie, Physiotherapie und tiergestützte Therapie, angeboten. Das alles ist draußen aktuell nur sehr eingeschränkt möglich.

Das Angebot der Klinik richtet sich an Selbstzahler, Beihilfeberechtigte und Privatpatienten. Das betrifft die obere soziale Schicht mit rund zehn Prozent. Sind diese Menschen eher vor psychischen Erkrankungen gefeit als andere?

Koutsonasios: Das würde ich so nicht sagen. Aber auch hier muss man nach der psychischen Erkrankung unterscheiden. Bei affektiven Störungen gibt es da kaum Unterschiede. Hingegen kommt die Schizophrenie eher in unteren sozialen Schichten vor. Hier ist wiederum die Frage, in welchem Maß die Erkrankung den sozialen Aufstieg verhindert oder das soziale Umfeld für die Erkrankung ausschlaggebend ist. Unsere Patienten sind Unternehmer, Führungspersonen, Künstler, aber auch beispielsweise Lehrer, die derzeit bekanntermaßen unter einem großen Druck stehen.

"Starker Anstieg der Nachfrage"

Ist die Anfrage derzeit groß?

Matthias Lutsch: Ja, das kann man so sagen. Im Verlauf der Corona-Pandemie konnten wir einen starken Anstieg der Nachfrage verzeichnen. Wir fühlen uns gerade aufgrund der hygienischen Maßnahmen und der Personalsituation gut ausgelastet. Wir könnten zwar noch ein paar mehr Patienten aufnehmen, möchten allerdings nur so viele Patienten aufnehmen, wie wir mit unserem - zugegebenermaßen anspruchsvollem - Therapiekonzept auch qualitativ gut versorgen können.

Bisher deutet sich an, dass es im Laufe des vergangenen Jahres eher zu einer Abnahme der Suizidrate kam. Wie ist das zu verstehen?

Koutsonasios: In historischen Krisen wie beispielsweise während der Weltkriege war häufig zunächst eine Abnahme der Suizidrate zu beobachten. Auch in Ländern der Dritten Welt ist die Selbstmordrate eher gering. Das liegt unter anderem daran, dass der Überlebensinstinkt sich unter lebensgefährlichen Bedingungen vermehrt aktiviert. Allerdings ist die Frage offen, ob die Pandemie als eine akute existenzielle Gefahr, oder als eine dauerhafte Stress- und Konfliktsituation wahrgenommen wird.

"Aber auch unser Alltag wird durch die Pandemie geprägt"

Passt das denn mit der zunehmenden Behandlung psychischer Erkrankungen aufgrund der Pandemie zusammen?

Koutsonasios: Suizidgedanken sind häufig Symptome von psychischen Erkrankungen, wie affektive Störungen, Persönlichkeitsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Suchterkrankungen oder Erkrankungen des schizophrenen Kreises. Das bedeutet nicht, dass sich diese Menschen direkt umbringen, sondern zunächst, dass sie das Leben so nicht weiterführen möchten. Das allein ist noch kein Grund für eine stationäre Behandlung. Die Pandemie mit den daraus resultierenden Belastungen, also fehlende soziale Kontakte, wirtschaftlicher Druck, die Angst vor einer ungewissen Zukunft, führt allerdings zu einer Zunahme vieler dieser psychischen Störungen.

Wie sind ihre eigenen Erfahrungen aus dem letzten Jahr?

Koutsonasios: Wir sehen als Behandler Patienten, die unter der Pandemie leiden und tragen deren Ängste mit. Aber auch unser Alltag wird durch die Pandemie geprägt. Die notwendige strenge Hygienevorschriften stellen für medizinische Einrichtungen eine permanente Herausforderung dar. Glauben Sie mir, ich hatte auch schon die eine oder andere schlaflose Nacht. Wir konnten unseren Patienten trotzdem ein sehr hohes Leistungsniveau anbieten und dafür bin ich meinen Mitarbeitern sehr dankbar.

"Menschen investieren mehr in die Gesundheit"

Lutsch: Psychische Faktoren sind mit Zahlen leider weniger gut zu erfassen als somatische Erkrankungen. Demnach gibt es keinen genauen Messwert, wie es sich derzeit entwickelt. Und hier in der Klinik erreichen wir ja auch nur die Patienten, die sich freiwillig bei uns melden. Andere nicht. Mir ist allerdings aufgefallen, dass sich das Bewusstsein für die Gesundheit in den letzten Jahren gewandelt hat. Die Menschen investieren mehr in die Gesundheit. Selbstzahler sind auch hier mehr geworden.

Gesundheitsstudie

Die NAKO Gesundheitsstudie ist eine Langzeit-Bevölkerungsstudie. Sie wird von einem Netzwerk deutscher Forschungseinrichtungen durchgeführt. Ziel ist es, den Ursachen für die Entstehung von Volkskrankheiten, wie beispielsweise Krebs, Diabetes, Infektionskrankheiten und Herzinfarkt auf den Grund zu gehen. Die Sonderbefragung zur Corona-Pandemie wurde im November 2020 veröffentlicht. Quelle: www.nako.de