Heimatforscher Reinhold Albert hat sich einmal mehr mit dem Tuchmachergewerbe in der Rhön auseinandergesetzt. Er hielt einen Vortrag über Tuchmachermeister Johannes Schöbner, der 1764 damit begann, Eintragungen im Buch der Wollenweber und Tuchmacher von Bischofsheim und Umgebung zu machen. In dem Buch finden sich Abschriften von Urkunden und Beschlüssen, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen: Zum Beispiel die Abschrift eines "Ratsprotokolls über die Walkmühle auf dem Wörth gelegen". Die Mühle wurde 1547 erbaut.
Eine Walkmühle ist eine seit dem Hochmittelalter eingesetzte Maschine zur Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Geweben, die als Tuche bezeichnet wurden. Sie ersetzte das Walken mit den Füßen.

Die Arbeit der Tuchmacher lohnte sich ohne Zweifel, denn schon 16 Jahre später wurde eine zweite Walkmühle an der Straße nach Unterweißenbrunn gebaut. 1594 entstand zudem eine Färberei am Mühlwasser in Bischofsheim. Jeder Tuchmacher in Bischofsheim besaß einen Anteil an dem Färberhaus im Wert von 15 Gulden, der an die nächste Generation weiter vererbt wurde.

Ungemach kam durch den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) über Bischofsheim. Anton Schumm mutmaßt 1875 in seinem Buch "Geschichte der Stadt Bischofsheim vor der Rhön", dass die Stadt damals untergegangen wäre, wenn nicht die Tuchmanufaktur das Elend überdauert und einigen Menschen Unterhalt gewährt hätte.

Aufschwung nach dem Krieg

Nach dem Dreißigjährigen Krieg war der Wohlstand der Bischofsheimer vernichtet, doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Die Tuchmanufaktur wurde wieder aufgenommen. Die Zahl der Tuchmachermeister stieg im Jahre 1663 auf 88 an. Zwanzig Jahre später lebten sogar 101 Tuchmachermeister in der Gegend. Die Tuchmacher aus Bischofsheim und Umgebung waren in einer Zunft zusammengeschlossen. Die Zünfte regelten die Ausbildung, überwachten die Ausübung des Handwerks und vertraten die Belange ihrer Mitglieder.

Albert berichtet, dass es auch in Weisbach und Oberelsbach Tuchmacher gegeben hat. Im 18. Jahrhundert ging die Zahl der Tuchmacher in der Rhön zurück. Bischofsheim verpasste den Fortschritt, Gerätschaften wurden nicht erneuert und die Verarbeitung nicht verfeinert. Andernorts wurde über den "Böschemer Scharlach" oder "Böschemer Sammt" gespottet. Zudem setzten auch gesetzliche Vorgaben und Zollbestimmungen diesem Handwerk zu. Den Tuchmachern war es verboten, ihre Ware außerhalb des fränkischen Landes zu verkaufen.

Niedergang des Gewerbes

Es wurde zwar versucht, die Wirtschaft zu beleben, um die Zustände in der Rhön zu verbessern. Es gab sogar einen vorübergehenden Aufschwung, als Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal zur Herstellung seiner Kleidung Bischofsheimer Tuch verwenden ließ. Jedoch war der Erfolg nicht von langer Dauer.

Mit der Angliederung Frankens an Bayern anno 1814 hoffte man in Bischofsheim weiter auf die Belieferung des königlich-bayerischen Militärs. Eine Hoffnung, die sich zerschlagen sollte. Die Absatzmärkte schrumpften, alle Rettungsversuche scheiterten. Das Handelsministerium lehnte jegliche Unterstützung ab und gab sogar den Tuchmachern die Schuld, weil sie eine Anpassung an die modernen Verhältnisse verpasst hätten.

Zeitzeuge Anton Schumm schilderte die Entwicklung im 19. Jahrhundert. "Das lebhafte Treiben und Schaffen hörte auf, ein Webstuhl nach dem andern verstummte, in den Wohnungen, in welchen ehedem Munterkeit und Frohsinn herrschten, zog Wehklagen und Schluchzen ein. Familien, die in behaglichem Wohlstand gelebt hatten, sahen dem Hunger in das unheimliche Antlitz und trugen die Doppellast verschämter Armut."

"Männer, die noch wenige Jahre zuvor auf den Messen Mitteldeutschlands gute Geschäfte gemacht hatten, zogen nun in stillem Gram mit der Holzaxt zum Walde, um sich einen Taglohn zu verdienen. Andere suchten auswärts ihr Brot, wieder andere erwarteten von der Auswanderung nach Amerika eine günstige Wendung ihres Schicksals. Die Handwerksgeräte, denen einst so viele Unterhalt und Zufriedenheit verdankt hatten, wanderten zuletzt in die Öfen. Auch die sämtlichen anderen Geschäfte, die eng mit der Tuchmacherei verbunden waren, mussten eines nach dem andern unabwendbar zu Grunde gehen", berichtet Schumm.