Erst Mitte Februar entschied sich der Wildfleckener Gemeinderat nach jahrelanger Diskussion für eine eigene neue Kläranlage am Standort Oberbach. Das rief das Gesundheitsamt in Bad Kissingen auf den Plan. In einem Schreiben vom 8. März meldet es zarte Bedenken wegen des Trinkwasserschutzes der Stadt Bad Brückenau an. Aber warum gerade jetzt?

Das Schreiben, das an die Verwaltungen in Wildflecken und Bad Brückenau sowie das Wasserwirtschaftsamt zur Kenntnis ging, liegt der Redaktion vor. Eine direkte Kritik an der Wildfleckener Entscheidung ist darin nicht zu erkennen. Das Amt führt lediglich aus, dass sich die neu zu bauende Oberbacher Kläranlage "oberstromig der drei Brunnen für die Trinkwassergewinnung von Bad Brückenau mit Stadtteilen" befindet und "Fakten für die nächsten Jahrzehnte" setze.

Medikamentenrückstände

Die drei Brunnen würden Uferfiltrat - also Trink- und Brauchwasser mit einem hohen Anteil an Oberflächenwasser aus Flüssen oder Seen - fördern. Auch seien in der Sinn Medikamentenrückstände analysiert worden. "Das Rohwasser der Brunnen ist zudem häufig mikrobiologisch belastet."

Das "Trinkwassergewinnungsgebiet im Sinngrund" sei "das einzige Standbein zur Versorgung der Kurstadt Bad Brückenau mit Trinkwasser". Ein Anschluss des oberen Sinngrundes an die Kläranlage in Trübenbrunn wäre "die logische und folgerichtige Konsequenz". Auf Nachfrage bei der Pressestelle des Landratsamtes in Bad Kissingen antwortet die Behörde sparsam: "Das Gesundheitsamt wollte an dieser Stelle nochmals auf die Bedeutung des Trinkwasserschutzes im Sinntal hinweisen. Detailfragen zur Einleitung werden im Rahmen des dann anstehenden wasserrechtlichen Verfahrens unter Beteiligung diverser Fachstellen näher beleuchtet."

Schnelle Entscheidung

Der Effekt dieses Hinweises dürfte gering ausfallen. Wildfleckens Bürgermeister Gerd Kleinhenz (Parteifreie Wähler) sagt auf Nachfrage, er sei "kein Grund, unseren Beschluss zu revidieren". Die alte Kläranlage könne sehr bald ihren Geist aufgeben; eine schnelle Entscheidung habe hergemusst. "Wir haben lange genug diskutiert, Berechnungen erstellen lassen und abgewogen. Schließlich haben wir aufgrund der Faktenlage beschlossen." In der Sitzung des Gemeinderates seien schon Vorleistungen für die Planung der Oberbacher Kläranlage vergeben worden.

Kleinhenz wundert sich etwas, dass das Gesundheitsamt jetzt noch einmal aktiv wird. Es habe bisher "keine konkreten Vorgaben gemacht oder dazu aufgefordert, an Trübenbrunn anschließen zu müssen".

Riedenbergs Bürgermeister Roland Römmelt (CSU) weiß vom Schreiben des Gesundheitsamtes, kennt aber den Inhalt nicht. In seiner Gemeinde steht die Entscheidung für den Anschluss an das Bad Brückenauer Abwassernetz (Kläranlage in Trübenbrunn), nach Wildflecken oder eine eigene Anlage noch aus.

Auch Römmelt bezeichnet das Trinkwasser als "unser höchstes Gut". Er sagt aber: "Selbst wenn wir eine eigene Kläranlage bauen, halten wir alle gesetzlichen Auflagen ein." Riedenberg besitze nicht einmal 1000 Einwohner und kein größeres Gewerbe.

Die Gemeinde sei "auf gutem Weg bei Verhandlungen mit der Stadt Bad Brückenau, nach Trübenbrunn anzuschließen". Wenn das weiter gut laufe, ziehe der Gemeinderat sicher mit.

"Geringe" Belastung

Das Wasserwirtschaftsamt (WWA) in Bad Kissingen sieht übrigens beim Bau der Kläranlage in Oberbach und der Einleitung des gereinigten Abwassers in die Sinn "keine nachteiligen Auswirkungen auf die Trinkwasserfassung Römershag". Gereinigtes Abwasser enthalte stets schlecht abbaubare Spurenstoffe, zum Beispiel aus Arzneimitteln, Kosmetika, Reinigungsmitteln und anderen Haushalt- und Industriechemikalien. "In Wildflecken gibt es weder Industrie- noch Gewerbeanlagen, die die genannten problematischen Stoffe in großem Umfang einleiten. Das WWA bewertet daher im Oberen Sinntal die Belastung mit anthropogenen Stoffen als gering." In Bayern bestehe derzeit weder eine rechtliche Verpflichtung noch akuter Handlungszwang für den Bau einer sogenannten vierten Reinigungsstufe.

Anders urteilt das WWA im Fall Riedenberg. Eine eigene Kläranlage dort käme in unmittelbarer Nähe zum Trinkwasserschutzgebiet Römershag zu liegen. Das gereinigte Abwasser würde unmittelbar oberhalb in die Sinn geleitet. "Die Nähe zum Trinkwasserschutzgebiet verursacht einen Interessenkonflikt zwischen der Abwasserreinigung und dem Grundwasserschutz, der auch vom Wasserwirtschaftsamt gesehen wird."

Es sei zu erwarten, dass dies beim erforderlichen wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren für eine Kläranlage thematisiert würde, so die Behörde. Dann kann übrigens auch das Gesundheitsamt wieder Einwendungen und Anregungen vorbringen.

"Hohe Eigenleistungen"

Stadtwerke-Geschäftsführer Michael Garhamer hat übrigens im Namen der Stadt auf das Schreiben des Gesundheitsamtes geantwortet. "Ihren dringenden Appell zur Umsetzung der Trinkwasserverordnung und des Trinkwasserschutzes begrüßen wir sehr", heißt es. Für die Stadtwerke besitze der Schutz der Trinkwasserressourcen absolute Priorität. Dafür würden seit Jahren "hohe Eigenleistungen" erbracht.

Die Untersuchungen zu "eigenen Kläranlagen" oder "Kanalanschluss an Bad Brückenau" im Bereich der oberen Sinn hätten in der sogenannten Projektkostenbarwertberechnung weitgehende Kostengleichheit erbracht. "Lediglich die Überlegungen der Gemeinden zur Eigenständigkeit in der Abwasserentsorgung beziehungsweise die befürchteten höheren Unsicherheitsfaktoren bei einem Anschluss an Bad Brückenau behindern die Entscheidung für die Kanalvariante", meint der Stadtwerke-Chef.

Aus seiner Sicht müsse der Trinkwasserschutz bei der festgestellten Kostengleichheit alleiniges Entscheidungskriterium für oder gegen eine eigene Kläranlage sein. "Auch eine zukunftsfähige Abwasserbehandlung lässt sich auf lange Sicht am wirtschaftlichsten und umweltschonendsten in der leistungsfähigen Kläranlage Trübenbrunn gewährleisten."